Serie: Grün im Grau:Giesings grüne Seele

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Serie: Grün im Grau: Erzieherin Hemma-Maria Wismeth (56) lebt selbst seit 23 Jahren am Weißenseepark.

Erzieherin Hemma-Maria Wismeth (56) lebt selbst seit 23 Jahren am Weißenseepark.

(Foto: Catherina Hess)

Der Weißenseepark im Münchner Südosten hat sich in den vergangenen 20 Jahren von einer vernachlässigten Grünanlage zum grünen Idyll entwickelt. Doch der Weg dorthin war nicht frei von Protest. Ein Spaziergang.

Von Katharina Haase

An einem warmen, aber grauen Donnerstagnachmittag toben Kinder über den Giesinger Katzenbuckel. Ein Junge schiebt voller Elan eine Schubkarre vor sich her, in der sein Freund sitzt. "Schneller, schneller", ruft der Freund und fuchtelt wild mit einem Stock herum. In der Nähe steht eine Erzieherin und unterhält sich mit einem älteren Spaziergänger, der zufällig mit seinem Hund beim Gassigehen vorbeigekommen ist. Die beiden kennen sich gut, sie sind Nachbarn und wohnen wenige Gehminuten vom Spielplatz entfernt.

Ein paar Meter weiter dreht ein Mann gemächlich seine Runden im Park. Er scheint das Treiben dort zu genießen, während er hin und wieder einen Schluck aus seinem Coffee-to-go-Becher nimmt. "Der Weißenseepark, der ist schon was besonderes", sagt er und streicht sich die schulterlangen Haare aus dem Gesicht, durch deren dunkles Braun sich schon ein paar graue Strähnen ziehen. In diesem Park, am südlichen Stadtrand von München, ist es nicht so wichtig, wer man ist oder woher man stammt. "Alles kommt hier zusammen. Alle Kulturen, alle sozialen Schichten", sagt er. "Der Park ist unsere grüne Seele. Er ist sowas wie der Schmelztiegel Giesings."

Serie: Grün im Grau: SZ-Karte: Mainka

SZ-Karte: Mainka

(Foto: Mapcreator.io/HERE)

Willkommen im Weißenseepark, Stadtteil Obergiesing, wo die Mieten noch vergleichsweise günstig sind und die Boazn besonders urig. In der acht Hektar großen Grünanlage im ehemaligen Arbeiterviertel hat sich in den vergangenen 20 Jahren viel verändert. Aus dem einst verwahrlosten Areal, das sich zwischen Tegernseer Landstraße und Setzbergstraße erstreckt, ist nach mehrmaligem Um- und Ausbau ein stark frequentiertes Naherholungsgebiet geworden. 2018 eröffnete die Stadt im östlichen Teil des Parks sogar eine Toilette - barrierefrei, öffentlich und kostenlos.

Ein Privileg, das nur wenigen Parkanlagen Münchens zuteil wird, denn der Bedarf muss begründet sein. In Giesing war dies der Fall. Laut Zahlen aus dem Städtebauförderprogramm "Die soziale Stadt" zählt der Weißenseepark in der Kategorie "Kleiner Stadtpark" zu den meistgenutzten Parks Münchens, nur übertroffen vom Maßmannpark in der Maxvorstadt. Ein Zeichen, dass die umfassenden und teuren Sanierungsmaßnahmen der vergangenen Jahre Früchte tragen.

"Die Kinder lieben es hier"

An diesem Donnerstagnachmittag steht Hemma-Maria Wismeth auf dem Spielplatz am Katzenbuckel und hat ein wachsames Auge auf die etwa 20 Hortkinder aus dem Tagesheim der an den Park grenzenden Weißenseeschule. Die 56-Jährige arbeitet dort als Erzieherin. Ihr Arbeitsweg ist kurz, sie selbst wohnt seit 23 Jahren mit ihrer Familie an der Untersbergstraße, die sich nördlich des Parks entlangzieht. "Hier, wo heute der Spielplatz steht, war damals noch eine bewohnte Schwarzbau-Siedlung," erinnert sich Wismeth. Zwar sei sie gelegentlich mit ihrem Sohn im Park gewesen, aber "der einzige Spielplatz hier war von Ameisen verseucht". Eine sinnvolle Nutzung der heruntergekommenen Anlage sei nicht möglich gewesen.

Serie: Grün im Grau: Der Weißenseepark hat sich zur grünen Seele Giesings entwickelt.

Der Weißenseepark hat sich zur grünen Seele Giesings entwickelt.

(Foto: Catherina Hess)

Das hat sich nach der Sanierung geändert. "Die Kinder lieben es hier", sagt Wismeth. "Es gibt mehrere Spielplätze mit vielen Holzbauten und einen Wasserspielplatz. Während Corona hatten wir so die Möglichkeit, die Kinder in kleinen Gruppen und mit genügend Abstand draußen spielen zu lassen." Die langen Umbaumaßnahmen der Stadt haben sich ihrer Meinung nach sehr gelohnt. "Natürlich war es für uns Anwohner auch anstrengend. Man hatte quasi jahrelang eine Dauerbaustelle vor der Tür. Aber jetzt sind alle mehr als froh über das Ergebnis."

2002 hatte die Stadt München konkrete Projekte beschlossen, um den in den Achtzigerjahren als öffentliche Grünfläche angelegten Park für die Anwohner attraktiver zu gestalten. 2008, nach dem Abriss der Gebäude auf dem ehemaligen Agfa-Firmengelände, das direkt gegenüber dem Park lag und dessen triste Silhouette das Bild Giesings lange prägte, nahmen diese Pläne wieder Fahrt auf. Man wollte den 2000 neuen Giesingern, die 2014 in die auf dem Agfa-Gelände errichteten Neubauten zogen, mehr bieten als einen maroden, ameisenverseuchten Spielplatz.

Fast vier Millionen Euro flossen in den Park

Mit dem Förderprogramm "Die Soziale Stadt", an dem Bund und Länder sich beteiligten, wurde der Weißenseepark in drei Bauabschnitten aufgewertet. Die ersten Umbauten der im Osten liegenden Hauptfläche des Parks kosteten rund 1,45 Millionen Euro und waren von Beginn an ein Erfolg. Mit der offiziellen Einweihung am 31. Juli 2010 etablierten sich nach und nach immer mehr Freizeit- und Nachbarschaftsangebote im Park, wie Walking- oder Yogagruppen, das Stadtteilfest "Sommer im Park" oder gelegentliche Zirkus- und Theaterveranstaltungen für Kinder. Fußball- und Basketballplätze, ein Schachplatz, eine Sommerstockbahn und ein kleiner Fitnessparcours sind öffentlich zugänglich und werden regelmäßig bespielt. Im dritten und bislang letzten Bauabschnitt, der 2020 fertig gestellt wurde, kam die bei Jugendlichen sehr beliebte BMX-Anlage "Dirtpark" hinzu. Insgesamt hat die Stadt rund 3,8 Millionen Euro aufgewendet, um den Weißenseepark zu verschönern.

Serie: Grün im Grau: Erwin Grad (66) wohnt seit 48 Jahren am Weißenseepark. Nahezu täglich führt er dort Nachbarshund Leiko spazieren.

Erwin Grad (66) wohnt seit 48 Jahren am Weißenseepark. Nahezu täglich führt er dort Nachbarshund Leiko spazieren.

(Foto: Catherina Hess)

Wenn es jemanden gibt, der sich mit der Entwicklung des Weißenseeparks auskennt, dann Erwin Grad. 48 seiner 66 Lebensjahre wohnt er nun schon am Park. Zweimal täglich führt der Rentner dort Leiko, den Hund seiner Nachbarin, Gassi und trifft nicht selten gute Bekannte, wie Hemma-Maria Wismeth. So auch an diesem Donnerstag. Während Leiko sich in aller Seelenruhe von den begeisterten Hortkindern streicheln lässt, erläutert Grad die Bedeutung des Grüns vor allem für die jüngere Generation. "Es ist toll, was aus dem Park geworden ist. Jugendliche treffen sich, machen gemeinsam Sport, feiern. Für die gab es hier vorher gar nichts." Da ist lediglich ein kleiner Wermutstropfen. Grad erinnert sich noch gut an die acht kleinen Häuser, die zuvor dort standen, wo Leiko sich gerade von den Kindern bespaßen lässt. "Das war tatsächlich nicht so schön, wie das geendet hat."

Serie: Grün im Grau: Die letzten beiden Schwarzbauten am Franz-Eigl-Weg - hier im Jahr 2012 - wurden schließlich ebenfalls abgerissen.

Die letzten beiden Schwarzbauten am Franz-Eigl-Weg - hier im Jahr 2012 - wurden schließlich ebenfalls abgerissen.

(Foto: Claus Schunk)
Serie: Grün im Grau: Dort wo einst die Schwarzbauten standen, steht heute ein bei den Kindern beliebter Spielplatz.

Dort wo einst die Schwarzbauten standen, steht heute ein bei den Kindern beliebter Spielplatz.

(Foto: Catherina Hess)
Serie: Grün im Grau: Der Weißenseepark liegt mitten im Wohngebiet und erstreckt sich vom Mittleren Ring bis hin zur Setzbergstraße.

Der Weißenseepark liegt mitten im Wohngebiet und erstreckt sich vom Mittleren Ring bis hin zur Setzbergstraße.

(Foto: Google Earth)

Die Schwarzbauten auf dem sogenannten Katzenbuckel am Franz-Eigl-Weg waren 1948 ohne Genehmigung errichtet worden. 1970 wurde das Grundstück als öffentliche Grünfläche ausgewiesen. Was folgte, war eine jahrzehntelange Duldung der acht kleinen Häuser, deren Mieter immer wieder mit einem Räumungsbescheid rechnen mussten. Nach langem Ringen im Planungsausschuss wurde im Jahr 2001 schließlich der Abriss der Anlage beschlossen. Zuvor sollte diese "sozialverträglich abgesiedelt" werden. Den Bewohnern wurde zunächst ein lebenslanges Bleiberecht versprochen, nur im Falle von freiwilligem Auszug oder Tod der Mieter sollten die Häuser letztlich weichen müssen. Im Jahr 2012 standen schließlich nur noch zwei der acht Häuser. Deren Bewohner sahen sich durch das versprochene Bleiberecht abgesichert. Doch es kam anders.

Nachdem der Abriss der Schwarzbauten bereits beschlossene Sache war, verkauften die Eigentümer, eine Erbengemeinschaft, das Grundstück an die Stadt. "Geräumt und altlastenfrei" sollte es sein. Im Klartext hieß das: Die verbliebenen Häuser mussten weichen, bevor das Grundstück in den Besitz der Stadt übergehen konnte. Die stand unter finanziellem Druck. Um die hohen Kosten der Parksanierung rechtfertigen zu können, so hieß es im Kommunalausschuss, müsse diese auch zeitnah vollzogen werden. Keine Zeit also, um zu warten, bis die letzten Bewohner freiwillig auszogen. Ein bitterer Kampf ums Bleiberecht begann, der sein Ende erst in einem Machtwort des damaligen Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD) fand. Trotz Anwohner-Protesten und großem medialen Aufsehen wurden die beiden verbliebenen Paare schließlich in andere Wohnungen umgesiedelt, die die Stadt ihnen zu günstigen Konditionen anbot. Ein Zeichen des Entgegenkommens. Doch ein bitterer Nachgeschmack blieb.

Xhevrije Musliu kennt den Park nur in seinem heutigen Zustand. Die junge Mutter lebt mit ihrer Familie seit 2016 in Giesing. "Wir nutzen den Park sehr häufig, gerade wegen der Kleinen", sagt Musliu, während sie mit ihren beiden Kindern am Wasserspielplatz im östlichen Teil des Weißenseeparks sitzt. Für sie sei der Park der perfekte Ort für junge Familien, die ihren Kindern Spaß und Natur bieten wollten, ohne dafür durch die ganze Stadt fahren zu müssen, so die 27-Jährige. Im Winter seien die kleinen Hügel gut geeignet, um auch den Kleinsten eine erste und ungefährliche Rodelfahrt zu ermöglichen, im Sommer gebe es immer viele kindgerechte Veranstaltungen. Das Beste daran sei aber, dass vor allem die Zusatz-Angebote im Park die Menschen im Viertel miteinander verbänden. "Da kommen dann alle zusammen, egal ob alt oder jung, groß oder klein, Hautfarbe, Religion, ganz egal", sagt Xhevrije Musliu. "Es ist wirklich toll, wie dieser Park das Viertel zusammenbringt."

Die Süddeutsche Zeitung widmet sich in einer Serie den Münchner Parks und Grünflächen. Dabei geht es nicht immer um die großen, die bekannten Parks, denn auch jenseits des Westparks oder des Englischen Gartens gibt es wertvolles Grün, das den Anliegern lieb und der Stadt teuer ist - und über das doch bei dem unablässig steigenden Wohndruck immer wieder diskutiert wird.

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