An diesem grauen und kalten Februarvormittag ist wenig los auf den Straßen rund um die altehrwürdige Heilig-Kreuz-Kirche. Nur vereinzelt rauschen Radfahrer den Giesinger Berg hinab, der Auto- und Busverkehr die Anhöhe hinauf läuft flüssig – in die Quere kommt sich hier niemand. Und dennoch tobt auf Giesings Höhen ein Kulturkampf, von dem noch nicht so richtig klar ist, wie er enden wird. Der aber beispielhaft dafür steht, welche Interessen in einer Stadt aufeinanderprallen können, in der der öffentliche Raum immer knapper wird.
Seit zwei Jahren läuft am Giesinger Berg und in der Martin-Luther-Straße ein Pilotprojekt, das der Stadtrat im Juni 2023 auf den Weg gebracht hat. Seitdem haben Radfahrer dort dank gelb markierter Radwege, sogenannter Pop-up-Lanes, in beiden Fahrtrichtungen deutlich mehr Platz; den Autofahrern indes wurden auf der zuvor vierspurigen Straße zwei Spuren weggenommen. Mit dem Verkehrsversuch sollte untersucht werden, welche Auswirkungen insbesondere Autofahrer durch die Reduzierung der Fahrspuren zu erwarten haben. Kurzum: ob es sich staut.
Geht es nach der CSU im Rathaus, ist die Antwort eindeutig. „Natürlich kommt es zu Staus, weil jeweils eine Spur fehlt“, sagt Manuel Pretzl, Fraktionsvorsitzender von Christsozialen und Freien Wählern im Stadtrat. „Und es stehen dann auch die Busse im Stau. Dieser Versuch ist absoluter Unsinn.“ Dementsprechend haben CSU und Freie Wähler Ende Januar einen Antrag eingebracht, in dem gefordert wird, die Pop-up-Radwege sofort zu beseitigen. Denn eigentlich, so Pretzl, sei der Verkehrsversuch ohnehin nur für ein Jahr vom Stadtrat gebilligt worden.

Auf Zahlen, Fakten und Untersuchungen kann sich die CSU bei ihrer Feststellung – noch – nicht stützen. Diese aber gibt es, denn der Verkehrsversuch wurde mit Verkehrszählungen durch das Mobilitätsreferat begleitet. Mehr noch: Das Referat hat diese bereits vergangenen Sommer Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) vorgelegt. Veröffentlicht aber ist dieser Bericht bisher nicht – und auch der Beschlussvorschlag des Referats wurde bisher nicht durch den OB in die zuständigen Gremien eingebracht. Wird das Projekt also bewusst verzögert?
OB Reiter erklärt sich auf SZ-Nachfrage und sagt, aus seiner Sicht müsse die Verkehrsplanung für den Giesinger Berg „aufeinander abgestimmt und in einer gemeinsamen Sitzung des Baureferats und des Mobilitätsreferats ausführlich diskutiert und auf den Weg“ gebracht werden. „Daher war es aus meiner Sicht nicht zielführend, die beiden Abschnitte nicht in einer gemeinsamen Vorlage vom Stadtrat diskutieren und gegebenenfalls beschließen zu lassen“, sagt Reiter. Soll heißen: Dies soll noch geschehen.
Der SZ liegen Auszüge aus dem Beschlussvorschlag des Mobilitätsreferats vor. Darin wird erläutert, dass sich die Verkehrssituation für den Autoverkehr nicht verschlechtert habe. Trotz der Spurreduzierungen sei auch die Leistungsfähigkeit insbesondere an der besonders stark frequentierten Kreuzung Martin-Luther-/Icho-/Silberhornstraße und Giesinger Berg an der Heilig-Kreuz-Kirche weiterhin gegeben. Auch werde der Autoverkehr auf der Martin-Luther-Straße durch die Spurreduzierung nur um wenige Sekunden ausgebremst. Die Stadtwerke München teilen in ihrer Stellungnahme mit, das es „keine signifikanten Fahrzeitveränderungen“ bei Tram- und Buslinien gegeben habe.

All das bringt das Mobilitätsreferat dazu, eine Neugestaltung der Martin-Luther-Straße zu empfehlen. Wie diese aussehen könnte, hat Holger Quick, der sich bei Green City engagiert und den Radentscheid mit vorangebracht hat, visualisiert. Autofahrern würden nur noch zwei Spuren zur Verfügung stehen, Radfahrern hingegen aufgemalte, ausreichend breite Fahrradwege. Quick hielt sich dabei an die Vorschläge des Mobilitätsreferats und sagt, die Umsetzung sei nicht nur sinnvoll und einfach, sondern auch „extrem kostengünstig“. Das Baureferat selbst setzt 800 000 bis 1,3 Millionen Euro für den etwa 700 Meter langen Abschnitt an. Kein Vergleich etwa mit der Lindwurmstraße, deren Umbau in Summe etwa 17 Millionen Euro kosten wird.
Auch Münchens Zweiter Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) befürwortet die Umgestaltung der Martin-Luther-Straße. Der Verkehrsversuch habe gezeigt, dass der Radverkehr sicherer fließt und der Pkw-Verkehr kaum beeinträchtigt werde. „Ich bin deshalb für die Verstetigung des Radwegs in der Martin-Luther-Straße und der Ichostraße, dies entspricht auch dem Wunsch von Eltern und Kindern der dortigen Schulen“, so Krause weiter.
Dass der OB die Auswertung des Verkehrsversuchs, die ihm seit August 2025 vorliegt, bisher nicht freigegeben habe, kritisiert Krause scharf. „Stadtratsvorlagen fast ein halbes Jahr auf Halde liegenzulassen, entspricht nicht meinem Verständnis von schnellem Verwaltungshandeln“, sagt er. Es dränge sich der Eindruck auf, dass eine Entscheidung auf die Zeit nach der Kommunalwahl geschoben werden solle, um den Radweg dann mit neuen Mehrheiten zu beerdigen, vermutet der OB-Kandidat der Grünen.

Dass die Auswertung zur Martin-Luther-Straße bisher nicht veröffentlicht worden ist, kritisiert auch CSU/FW-Fraktionssprecher Pretzl, dessen Antrag zum Abbau der Gelbmarkierungen in der Vollversammlung des Stadtrats am Mittwoch auf die nächste Sitzung des Mobilitätsausschusses am 25. Februar vertagt worden ist. „Wie sollen wir entscheiden, wenn wir die Auswertungen nicht kennen?“, fragt Pretzl. Er bringt zudem eine andere, seit Langem diskutierte Alternative für Fuß- und Radgänger ins Spiel: die Fuß- und Radwegbrücke am Giesinger Berg. Diese Verbindung von Giesing zur Isar war vom Stadtrat schon beschlossen worden, sei aber von Grün-Rot, so Pretzl, beerdigt worden. „Es wäre aber die sinnvollste Lösung als Verbindung von Grünwald bis zum Gasteig.“
Bereits beschlossen ist indes der Umbau des Giesinger Bergs, der im März beginnen wird. Bergab wird es künftig nur noch eine Spur für den Autoverkehr geben, zusätzlich aber einen baulich abgetrennten Radweg. Bergauf bleibt es, um den Busverkehr zu begünstigen, bei zwei Fahrspuren sowie dem bestehenden Rad- und Fußweg. Dauerhaft umgestaltet werden soll auch die Kreuzung an der Heilig-Kreuz-Kirche mit weniger Fahrspuren; dabei sollen auch Querungen für Fußgänger und Radfahrer geschaffen werden. Diese müssen bisher die stark sanierungsbedürftige Unterführung am Knotenpunkt nutzen.
Der Artikel wurde nachträglich um eine Stellungnahme von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ergänzt.

