Prozess um Abriss des Uhrmacherhäusls:"Er wollte das Maximale rausholen"

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Prozess um Abriss des Uhrmacherhäusls: Wo einst das Uhrmacherhäusl stand, klafft heute eine Baulücke. Das Gebäude soll wieder wie früher aufgebaut werden.

Wo einst das Uhrmacherhäusl stand, klafft heute eine Baulücke. Das Gebäude soll wieder wie früher aufgebaut werden.

(Foto: Florian Peljak)

Vor Gericht belastet ein Zeuge den Angeklagten schwer: Er habe von vornherein den illegalen Abriss des Uhrmacherhäusls geplant. Frühere Mieter seien systematisch rausgeekelt worden.

Von Susi Wimmer

Das sorgsam von der Verteidigung errichtete Gebilde vom guten Menschen Andreas S., der gegen Gentrifizierung kämpft, ist am Montag beim Prozess um den Abriss des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls wie selbiges in sich zusammengebrochen: Ein ehemaliger Angestellter des Eigentümers sagte vor dem Amtsgericht aus, dass der Abriss von Andreas S. sorgfältig geplant gewesen sei, "er wollte das Maximale rausholen" und auf dem Grundstück anschließend mehrstöckig bauen. Wände und Dachstuhl des Uhrmacherhäusls habe S. einschneiden lassen, "damit es schnell zusammenbricht". Der Mitarbeiter erklärte, er habe nach dem Vorfall gekündigt, auch aufgrund des Verhaltens von S.: "Man stellt jemand vorne hin, der das macht, er selbst lehnt sich zurück und lacht sich eins." Er halte das Ganze jetzt für ein Schauspiel, "es ist lächerlich und beschämend".

Dass der ehemalige Mitarbeiter Sebastian O. überhaupt in den Zeugenstand gebeten wurde, geht auf die Hartnäckigkeit von Angelika Luible von der Bürgerinitiative Heimat Giesing zurück. Sie hatte den Zeugen ausfindig gemacht, der zunächst nicht mit ihr reden wollte. Doch Angelika Luible rief immer wieder an, "und irgendwann setzt der Verstand ein und man fragt sich, warum soll ich alles auf mich nehmen, ich hab ja keinen Nutzen davon", sagte O. dazu im Zeugenstand.

Auf der Anklagebank sitzen Andreas S., Eigentümer des Uhrmacherhäusls, das im Jahr 2017 laut eingereichten Plänen saniert werden sollte, dann aber am 1. September 2017 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vor ihm auf der Anklagebank sitzt Cüneyt C., Inhaber einer Baufirma, die damals mit den Sanierungsarbeiten beauftragt war, und der selbst an jenem Tag mit dem Bagger das Häuschen einriss. S. behauptet, der Abriss sei ein Versehen gewesen, C. erklärt, er habe in einem psychischen Ausnahmezustand das Haus eingerissen.

Was Sebastian O. erzählt, klingt allerdings ganz anders. Schon als Andreas S. das Haus gekauft habe, habe er ihm erzählt, dass es abgerissen werden sollte. Er, S., habe das bereits von einem Rechtsanwalt prüfen lassen. Wenn man das denkmalgeschützte Haus einreißen würde, käme man mit einer Geldstrafe davon. "Das habe er bei einem anderen Fall weiter weg von München so gesehen, da seien maximal 150 000 Euro Geldstrafe fällig." In der Firma habe jeder gewusst, dass S. das Haus abreißen wollte.

Der dritte Mieter wollte bleiben, da wurde einfach die Haustüre ausgehängt, so der Zeuge

Zwei Mietern habe man Geld bezahlt, dass sie ausziehen, doch der dritte Mieter und seine Eltern wollten bleiben. "Es wurde angeschafft, die Haustüre auszuhängen", erzählt O. Damit die Kaltwasserleitung im Treppenhaus einfriert. "Da kam Wasser raus, es hingen Eiszapfen von der Decke." Deshalb habe man den Strom abgeschaltet, "sonst gibt es einen Kurzschluss". Dies alles sei in Absprache mit dem Eigentümer erfolgt. Er habe gesagt, "es soll kalt im Haus werden und durchziehen". Es sollen auch Leitungen mit Fäkalien verstopft worden sein. "Ich hab die Fäkalien im Keller gesehen. Was es damit auf sich hatte, wusste ich nicht."

Als die letzten Mieter schließlich dem Auszug zustimmten, habe er ihnen die Geldscheine runtergezählt, und es sei abgemacht worden, "dass sie am Tag darauf ausziehen müssen". In der Firma sei ihm ein "Herr Aslan" vorgestellt worden. Er und seine Firma hätten dann an der Oberen Grasstraße einen Bauzaun errichtet und mit der Renovierung begonnen, "wie man es so nennt". Der "Herr Aslan" habe alles vorbereitet, "damit es am Schluss so funktioniert". Den Antrag auf Sanierung habe man bei der Stadt nur gestellt, "damit man an dem Haus arbeiten konnte, ohne dass jemand Verdacht schöpft".

In einem Gespräch habe Andreas S. ihm gesagt, dass man die Wände und den Dachstuhl einschneiden werde, damit das Haus schneller in sich zusammenfalle. Außerdem habe man in dem Haus Werkzeug deponiert, das man zu Sanierungsarbeiten benötige, das sollte man nach dem Abriss dort finden. Tage nach dem Abriss sei S. "guter Stimmung" gewesen. Auch den "Herrn Aslan" habe er nach dem Vorfall noch in der Firma von S. gesehen, die Herren hätten sich "freundschaftlich begrüßt".

Ob der angeklagte Cüneyt C. dieser "Herr Aslan" ist, vermag der Zeuge nicht zu sagen. Also jener Cüneyt C., der das Eigentum von Andreas S. in einem psychischen Ausnahmezustand versehentlich zerstört haben soll. C. soll anschließend in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden sein. "Das war nur Show", sagt O. dazu. "Andreas S. klagt alles ein, der schenkt niemandem Geld. Der beauftragt ein Inkasso-Büro wegen ausstehender 150 Euro. Und er soll keine Klage einreichen, wenn ihm jemand sein Haus, für das er 650 000 Euro bezahlt hat, einreißt? Das passt nicht zusammen." Der Prozess dauert bis Juli an.

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