München hat viele schöne Straßen, die Deisenhofener Straße ist nicht unbedingt eine davon. Als Kira Cassis und ihr Freund beim ersten Besuch auf Höhe von Hausnummer 80 mit ihren Rädern vor einem Supermarkt zum Halten kommen, sind sie daher wenig überrascht. Ein Discounter, das passt. Nur: Soll sich hier nicht auch einer der wenigen verbliebenen Weinkeller der Stadt verstecken und der einzige, in dem sich neuerdings ein italienisches Restaurant befindet? Und tatsächlich weist ihnen ein Schild den Weg, links vom Netto geht es Stufe um Stufe hinab ins Sironi & Mezzani. Unten angekommen, haben sie Obergiesing längst weit hinter sich gelassen und sind kurzerhand in Italien gelandet – und das liegt nicht nur an „Un angelo disteso al sole“ von Eros Ramazzotti.
Das Sironi & Mezzani ist Anfang Dezember 2025 in den historischen Weinkeller der Familie Saffer gezogen, die hier bereits seit 1924 Wein lagert. Ein neueres, modernes Lagerhaus befindet sich zwar längst im Münchner Osten, doch noch heute lagert in den riesigen schwarz-roten Fässern, auf die man vom Gastraum des Restaurants schauen kann, teilweise Wein – wenn auch keiner, den Gastgeber Jon Mezzani und Chefkoch Federico Sironi servieren, wie Kira Cassis und ihr Freund erfahren. Was dort unten liegt, sei für die breite Masse und damit nichts fürs Sironi & Mezzani. Die beiden italienischen Betreiber und Freunde, die sich im Restaurant Talstation in der Innenstadt kennengelernt haben, setzen schließlich auf Qualität, statt Quantität. Nicht nur beim Wein im Übrigen.
Wie bei vielen Italienern gibt es im Sironi & Mezzani neben der regulären, saisonal wechselnden Speise- noch eine Tageskarte. Und wie bei vielen Italienern empfiehlt sich die. Erst recht, wenn als Vorspeise Surf’n’Turf darauf steht, das an einem Abend mit roten Gambas, Büffelmozzarellaschaum, handgeschnittenem Rindertatar und gelber Tomatenvinaigrette, am anderen Abend mit roten Gambas, Carpaccio vom Carne Salada und Spargel-Salat serviert wird (ab 29 Euro). Was das Sironi & Mezzani indes von anderen Italienern unterscheidet: Man kann, ja sollte nicht nur die fein abgestimmten Eigenkreationen, die auf der Kreidetafel stehen, probieren. Auch bekannte Klassiker lohnen sich. Ganz einfach deshalb, weil das Sironi & Mezzani mehr ist als irgendein Italiener. Vielmehr ist es ein ausgezeichnetes Restaurant, das italienische Gerichte serviert, die man theoretisch kennt, praktisch so aber noch nirgends gekostet hat.
Man nehme nur einmal das Vitello Tonnato (19 Euro): Die Kalbssemerrolle, ein besonders mageres Stück aus dem hintersten Teil der Keule, ist hauchzart, die Thunfischsauce eindeutig hausgemacht, dazu gibt es Kapernäpfel, Kresse und konfierte Tomaten. Das sieht auf dem schlichten, weißen Teller nicht nur hübsch aus, es schmeckt auch vorzüglich. Erst recht zur ofenwarmen Focaccia.

Nach den Vorspeisen sieht die italienische Küche als primi piatti nun ein Pastagericht vor, wahlweise auch Risotto oder Gnocchi. Als die Deutschen, die sie nun einmal sind, wissen Cassis und ihr Freund allerdings: nach den Vorspeisen noch je drei Gänge, das werden sie nicht schaffen. Um trotzdem möglichst viel probieren zu können, entscheiden sie sich für eine Mischung aus ersten und zweiten Gängen.
Die Wahl fällt unter anderem auf die Gnocchi (29 Euro) mit knusprigem Guanciale, luftgetrockneter Speck aus der Schweinebacke und einer Pecorinocreme, auf die Chefkoch Sironi noch ein Thunfisch-Carpaccio mit ein paar Tupfern Zitronengel gelegt hat. Und auch, wenn man es beim Lesen vielleicht nicht meinen würde: Der Star des Gerichts ist nicht etwa der Fisch, es sind die Kartoffelgnocchi, die auf der Zunge schier zerschmelzen. Die macht der Küchenchef, wie auch die restliche Pasta, jeden Tag frisch. Der hat im Übrigen, bevor er sein eigener Chef wurde, unter anderem im Bogenhausener Restaurant Acquarello gekocht, das von 2000 bis 2025 besternt war.

Auf der Tageskarte stehen ein ums andere Mal auch Tagliatelle mit schwarzem Sommertrüffel. Auch die werden also bestellt. Und sicherlich: Wer es kennt, dass mit Öl beim Geschmack nachgeholfen wird, der wird sich wundern, warum der Trüffel nicht noch intensiver schmeckt – alle anderen erfreuen sich an einem so einfachen wie handwerklich perfekten Nudelgericht. Così semplice, così buono.
Bei den secondi piatti fällt die Wahl zum einen auf den Seeteufel nach Saltimbocca-Art (36 Euro), zum anderen auf die Rinderlende mit Pfefferjus (33 Euro). Der weiße Fisch harmoniert gut mit dem knusprigen Parmaschinken und dem Blattspinat, allein der Salbeigeschmack in der Salbei-Weißweinsauce könnte nach Cassis’ Empfinden etwas intensiver sein. Dagegen hält die Soße zum Fleisch, was der Name verspricht: Sie hat ganz schön Pfeffer. Und Cassis? Die ist froh, dass sie zum Testen hier ist, ansonsten hätte sie sich dieses Gericht ob seiner Einfachheit vermutlich nicht bestellt.

Anders das Tiramisu (9,50 Euro). Bei dem war von Anfang an klar, dass es bestellt werden muss. Erst recht, nachdem sie gelesen haben, dass Sironi es à la minute zubereitet. Und Cassis wird nicht enttäuscht: Jeder Löffel ist fluffig, nicht zu mächtig. Neben dem Semifreddo alle fragola, das auf der Karte steht, hatte man auf Social Media außerdem noch von einer Ricottacreme gelesen. Ob es die noch gibt? Leider nein, schon aufgegessen, sagt Mezzani. Der Averna Sour, den er stattdessen an den Tisch bringt, ist allerdings ein gutes Trostpflaster. Und, damit es in dem historischen Weinkeller nicht nur ums Essen geht: Es ist ein fruchtiger, mineralischer Timorasso aus dem Hause Cantine Volpi, der besonders in Erinnerung bleibt. Das ist, wen wundert’s, nicht nur ein italienischer Wein aus Piemont, sondern noch dazu einer aus dem Hause Saffer.
Am Ende sind es aber nicht nur die Weine und das Essen, die einen Abend im Sironi & Mezzani zu etwas Besonderem machen. Es ist auch Mezzani, ein ebenso aufmerksamer wie launiger Gastgeber. Der Mann mit dem charmanten italienischen Akzent ist es auch, der einen, wenn man Glück hat und das Restaurant sich leert, mit hinunter zu den Fässern nimmt. Denn eines sollte man wissen, wenn man reserviert: Im Regelbetrieb bleibt die lange Tafel dazwischen ebenso leer wie die Franz-Josef-Strauß-Stube, die man vom Gastraum aus gar nicht sehen kann. Beides wird lediglich für Events genutzt.

Macht aber eigentlich nichts, denn auch der etwas aus der Zeit gefallene Gastraum mit all seinen Reminiszenzen, passt hervorragend zu diesem italienischen Restaurant, dem der Spagat zwischen Tradition und Moderne scheinbar ganz mühelos gelingt.
Sironi & Mezzani, Deisenhofener Straße 80, Telefon: 089/81305013, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 17 bis 23 Uhr
In einer früheren Version dieses Textes hieß es, das Restaurant verfüge nicht über eine Terrasse. Das ist nicht richtig: Es gibt einen Außenbereich, der bei gutem Wetter geöffnet ist.
Die Restaurantkritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

