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Gewalt gegen Polizisten:"Das ist ein ganz, ganz großes gesellschaftliches Thema"

Polizeiobermeister Patrick H. wurde bei einem Einsatz fast überfahren.

(Foto: Martin Bernstein)

Die Aggression gegen Einsatzkräfte nimmt zu, mehr als 450 Polizisten wurden 2018 im Einsatz verletzt. Oft stehen die Täter unter Drogen. Dann können auch völlig harmlose Situationen eskalieren - so wie es Patrick H. passiert ist.

Acht Wochen ist es her. Doch jenen Samstagmorgen wird Polizeiobermeister Patrick H. noch lange in Erinnerung behalten. Jedes Mal, wenn er seine rechte Schulter anhebt. Am 25. Mai um 3 Uhr ist der Beamte der Altstadtinspektion im Einsatz schwer verletzt worden. In einem Allerweltseinsatz. Noch heute beginnt die Stimme des Polizisten zu zittern, wenn er danach gefragt wird: Ja, sagt er, er habe Angst um sein Leben gehabt. Ein Autofahrer, vollgepumpt mit Drogen, hatte versucht, den 27-Jährigen zu überfahren. Ein Sprung rettete den Beamten. Im anschließenden Handgemenge brach der Amokfahrer dem Polizisten die Schulter.

H. ist einer von mehr als 400Münchner Polizisten, die Jahr für Jahr im Dienst durch Gewalttäter verletzt werden. 459 waren es 2018, 416 im Jahr davor. Viele der Attacken - das erschreckt den Münchner Polizeipräsidenten Hubertus Andrä besonders - erfolgen "praktisch aus dem Nichts heraus". Also ohne dass die Beamten damit rechnen müssen, angegriffen zu werden: Wenn plötzlich Unbeteiligte sich handgreiflich einmischen, wenn eine an sich harmlose Situation eskaliert, wenn Männer (Frauen machen so etwas nur ganz selten) auf einmal zuschlagen, treten, zustechen. Oder mit der Waffe drohen, auch das gab es vergangenes Jahr in drei Fällen. Einmal wurde sogar ein Auto als Waffe gegen Polizisten eingesetzt.

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Wie kürzlich bei Patrick H. Kollegen waren gegen 3 Uhr zu einem Verkehrsunfall auf den Maximiliansplatz gerufen worden. Mit Streifenwagen sperrten sie die ausgeleuchtete Unglücksstelle ab. Es war gegen 3.45 Uhr, als ein 34 Jahre alter Mann mit seinem Fiat vom Lenbachplatz heranfuhr. Er trat aufs Gas, durchbrach eine Polizeisperre an der Pacellistraße und fuhr auf zwei Beamte zu, die sich gerade noch in Sicherheit bringen konnten. Der Mann fuhr weiter über den Maximiliansplatz.

Patrick H. und dessen Streifenkollegin versuchten, ihn zum Anhalten zu bewegen. Doch der Fiat-Fahrer hielt auf sie zu. H. sprang zur Seite, wurde aber am rechten Unterschenkel verletzt. Mittlerweile hatte der Raser eine weitere Absperrung durchbrochen. An der Kreuzung zur Brienner Straße konnte er schließlich gestoppt werden. H. war dabei: "Der darf nicht nochmal losfahren", habe er sich in diesem Moment gedacht. Während der Festnahme verletzte er drei Beamte - H. erwischte es am schlimmsten. Bruch der rechten Schulter. Erst seit Montag ist er wieder im Dienst. Im Innendienst. Doch H. möchte wieder auf Streife gehen, trotz des Erlebten.

Der Täter, das stellte sich bald heraus, stand unter dem Einfluss der Droge Crystal. Auch das keine Seltenheit: Von 1209 Tatverdächtigen, die vergangenes Jahr auf Münchner Polizisten losgegangen sind, hatten 50 Rauschgift konsumiert, 656 Alkohol - und 55 beides zusammen. Das allein erklärt für den Polizeipräsidenten nicht, warum seine Beamten, aber auch Feuerwehrleute, Notärzte und Rettungssanitäter sich bei ihren Einsätzen zunehmender Aggressivität ausgesetzt sehen. "Das ist ein ganz, ganz großes gesellschaftliches Thema", sagt Andrä. Nicht nur, weil Münchner Polizisten im vergangenen Jahr insgesamt 1190 Kalendertage lang nach Angriffen dienstunfähig waren.

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