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Kriminalität:"Corona potenziert alle negativen Geschichten"

"Ich bin ein Aktivomat", sagt Antje Brandes. 5500 Fälle von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt hat die Anwältin bisher bearbeitet.

"Ich bin ein Aktivomat", sagt Antje Brandes. 5500 Fälle von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt hat die Anwältin bisher bearbeitet.

(Foto: Catherina Hess)

Die Pandemie wirkt sich auch auf Gewalt gegen Frauen aus, beobachtet Rechtsanwältin Antje Brandes. Die Straftaten sind andere, die Hürden für Opfer oftmals höher.

Von Susi Wimmer

"Es war wie eine Art Schockstarre", sagt Arno Helfrich, "fast schon gespenstisch". Helfrich ist Kriminalrat, Leiter des Kommissariats Prävention und Opferschutz bei der Münchner Polizei, und er redet über die Zeit des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr. Die Telefone auf der Dienststelle blieben still. Die Zahl der Frauen, die Gewalttaten ihres Partners anzeigten, brach drastisch ein. Wie konnte das sein? Nach der Zeit des Daheimbleibens, da werde man ein Hochschnellen der Anzeigen beobachten, prophezeiten verschiedene Experten. Doch dazu kam es nicht in München. "Ich fürchte, dass die pure Existenzangst und die Lage durch Corona die Opfer häuslicher Gewalt noch viel mehr ertragen lässt, als normal schon", glaubt Rechtsanwältin Antje Brandes.

Brandes ist seit über 20 Jahren hauptsächlich als Nebenklageanwältin in Gerichtsprozessen zu erleben. Sie vertritt Opfer von Straftaten und sagt, dass sich die Corona-Pandemie auf ihre Arbeit merklich auswirkt. Zum einen sei etwa bei den Sexualstraftaten eine Verlagerung zu beobachten. "Die Täter schlagen nicht mehr bei Partys oder in der Disco mit K.-o.-Tropfen zu", erklärt Brandes. "Meine Klientinnen berichten, dass sie beispielsweise von Paketboten oder auf einsamen Joggingstrecken angegriffen wurden." Und: Sie und auch ihre Kollegen registrieren viel weniger "Akutanzeigen" von Frauen, die in der Beziehung körperlich oder sexuell misshandelt wurden.

Den Rückschluss zu ziehen, dass es im Moment eben einfach weniger häusliche Gewalt gibt, "das ist sicher ein Fehler", bestätigt Polizist Helfrich. Das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (08000-116 016) zum Beispiel erfahre großen Zulauf. Aber das sei eben auch ein niedrigschwelliges Angebot. Sprich: Es ist leicht, den Hörer in die Hand zu nehmen, sich anonym beraten zu lassen. "Aber der zweite Schritt ist schwierig, davor scheuen viele zurück", glaubt der Kripo-Mann. Im vergangenen Jahr, sagt er, habe man knapp 3000 Vorfälle von häuslicher Gewalt verzeichnet, "und aktuell sind wir in etwa auf dem Niveau vom Vorjahr".

"In Zeiten von Homeoffice oder Kurzarbeit ist es ja auch viel komplizierter für die Frauen geworden, sich Hilfe zu organisieren", sagt Antje Brandes. Wenn der gewalttätige Mann ohnehin das Handy kontrolliert und jetzt vermehrt zu Hause sitzt, "wie soll man da mal schnell für drei Stunden verschwinden können, um zur Polizei zu gehen?" Durch das noch engere Zusammenleben könnten sich Konflikte noch mehr zuspitzen, der berufliche und der finanzielle Stand seien durch die Pandemie noch unsicherer geworden. Männer könnten in kontaktarmen Zeiten beispielsweise bei Treffen mit Freunden "keinen Dampf ablassen". Und auch im horizontalen Gewerbe ist nichts mehr geboten. "Corona", sagt die Anwältin, "potenziert alle negativen Geschichten. Keine Ablenkung, die Gedanken kreisen, da kann sich die Spirale nach unten drehen".

Scham, Schuldgefühle und Existenzängste wecken häufig ambivalente Gefühle

Drei Frauenhäuser gibt es in der Stadt München, aktuell stellen sie 78 Plätze für Frauen zur Verfügung, hinzu kommen noch Plätze für Kinder. Sibylle Stotz vom Verein "Frauen helfen Frauen" (im Notfall rund um die Uhr unter 089-64 51 69 erreichbar) erzählt, dass auch in Zeiten der Corona-Pandemie bisher immer "mindestens ein Platz" in den Häuser frei war. Sie berichtet, dass die Frauen, die sich bei ihr telefonisch beraten lassen, oft noch eine ganz andere Angst hätten: nämlich, sich im Frauenhaus mit Sars-CoV-2 anzustecken. Dort gebe es schließlich Gemeinschaftsduschen und -toiletten.

Von Überlegungen, die Frauen zunächst in einer Quarantäne-Wohnung unterzubringen, habe man trotzdem Abstand genommen, sagt Stotz. Denn gerade in der ersten Zeit nach der Trennung seien die Frauen besonders gefährdet durch ihren gewalttätigen Partner oder Ex-Partner. Scham, Schuldgefühle und Existenzängste weckten häufig ambivalente Gefühle und gerade da bräuchten die Opfer Unterstützung und Solidarität, um nicht wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurückzugehen. "Aber wir stehen in Kontakt mit der Stadt München, die Corona-Schnelltests für uns besorgen will."

Sibylle Stotz erzählt, dass die Corona-Pandemie noch andere, gefährliche Blüten treibt. Sie beobachtet, dass bei den Anti- Corona-Demonstrationen vermehrt von Rechtsradikalen ein "reaktionäres Frauenbild" verbreitet werde, bis hin zu Antifeminismus und Frauenhass. Auch in Teilen der Gamer-Szene im Internet seien solche Tendenzen zu bemerken, sagt sie. "Die Kinder und Jugendlichen werden anfälliger für die dort transportieren frauenfeindlichen Rollenbilder, weil in Zeiten des Teil-Lockdowns weniger Austausch untereinander stattfindet."

Den Austausch wünscht sich Sibylle Stotz jetzt vermehrt mit Frauen, die in ihrer Beziehung Gewalt erleben. Klar, sagt sie, durch Corona sei Einiges schwieriger geworden. "Aber die öffentlichen Gelder fließen trotzdem." Auch wenn bei einigen Ämtern nicht mehr persönlich vorgesprochen werden kann, sondern nur noch digital Anträge gestellt werden könnten. Aber in den Frauenhäusern gibt es Platz, Sozialwohnungen zu organisieren sei aufwändiger geworden, aber trotzdem möglich, "wir wollen den Frauen Mut machen, sich auch in diesen Zeiten von gewalttätigen Männern zu trennen". Ihre Organisation stellt sich auch auf Online-Beratungen in Zukunft ein.

Zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen an diesem Mittwoch empfiehlt Sibylle Stotz den Live-Stream zum Thema "Strategien gegen Antifeminismus und Frauenhass" (von 19 Uhr an unter www.muenchen.de/gst). Und noch ein Hilfsangebot der Polizei: Das Kommissariat für Opferschutz ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 11 Uhr sowie von 13 bis 15 Uhr, Freitag 8 bis 11 Uhr, unter 089/29 10 44 44 erreichbar. In Notfällen gilt aber immer noch, sofort die 110 zu wählen.

© SZ vom 25.11.2020/wean/van
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