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Getränkemarkt:Eine Bastion aus Bierkästen

Der Eindruck täuscht, Hannelore Lambauer steht auf den Stufen zu ihrem Büro im Laden, die zierliche Frau ist nur so groß wie fünf aufeinandergestapelte Kästen, die sie jahrzehntelang "rumgeschubst" hat.

(Foto: Stephan Rumpf)

40 Jahre lang führte Hannelore Lambauer ihren Getränkemarkt im Glockenbachviertel, jetzt geht sie in Rente. Sie hat einen besonderen Blick auf den Wandel der Stadt.

Manchmal kann man es ihr ansehen. Hannelore Lambauer, 68, läuft an einem Abend Ende Oktober wie immer durch die Reihen ihres Geschäfts. Eine Frau, so hoch wie fünf Bierkästen, wie immer im blauen Kittel, wie immer mit den kurzen dunklen Haaren und wie immer spricht sie in rausgedrückten Schnellsätzen. Wie zu der Kundin, die um kurz vor sieben die Tür langsam öffnet, so dass die Glöckchen am Rahmen nur einmal bimmeln. "Paulaner, zehne?", sägt Lambauer knarzend durch den kleinen Raum in Richtung Tür. Die Antwort der Stammkundin: ein Nicken. Lambauer läuft zwischen den im Raum gestapelten Kästen zum Paulaner-Platz, greift die Flaschen raus, kommt zurück, kassiert.

"Es wird ja immer weniger hier", sagt die Frau. Lambauer erzählt, dass sie Ende November schließt. "Ja, was machen wir denn dann?" Lambauer schaut sie an, erst noch mit ihrem leicht schelmischen Geschäftsblick, den Mund minimal zu einem Lächeln hochgebogen. Dann sinken Blick und Mundwinkel nach unten. Als ob sie durch den Giesinger-Kasten vor ihr durchschauen würde und die vergangenen 40 Jahre noch einmal aufscheinen. Die Anfänge mit ihrem Mann, die Veränderungen nach und nach, ihr Glockenbachviertel, das vom Arbeiter- zum Arbeitgeber-Viertel wurde. Die Kundin sagt: "So eine Welt", tritt zurück auf die dunkle Westermühlstraße und lässt Lambauer mit ihren letzten Kästen und einem leisen Bimmeln zurück.

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Der nächste Kunde, ein Maler, ganz in Weiß, kauft drei Augustiner, "Zweineunundsiebzig", Lambauer rechnet alles im Kopf, die alte wuchtige Casio-Kasse wird nur an der Schublade bedient. Rucksack auf, Flaschen rein, Rucksack zu, bimmeln, Ruhe. So geht das im Minutentakt. Als sie anfing, blieb die Tür oft lange zu, "da war das ein Pleiteladen".

Lambauer war Köchin, als 1980 ein Bekannter ihres Mannes von dem Laden erfuhr. "Damals gab es Getränkemärkte an jeder Ecke." Sie übernahmen den Laden trotzdem, auch ihr Mann war in der Gastronomie, Schichten, immer Schichten, nie daheim. Sie wollten feste Arbeitszeiten. Also verkauften sie Getränke, "es gab damals auch kaum eine Auswahl, Augustiner, Paulaner, Erdinger, Wasser und Limo". Sie waren fremd in der Gegend, noch kannte sie niemand.

"Das erste Jahr war eine Durststrecke." Jetzt lacht sie, ein Grinsen. Durststrecke. Damals, als in München Überkinger noch ein Synonym für Mineralwasser war. Es steht auch heute noch bei Lambauer, jetzt mit schickem Design, "aber weniger Salz", deshalb hätten es die Leute früher so gern im Sommer getrunken. Heute kaufen sie St. Leonhard oder Adelholzener, die Heilwasser. "Mei, des kommt doch aus eigener Kraft hoch, das Wasser, oder so. Da kann man sich gesund trinken."

Drei Augustiner Hell, ein Edelstoff, "Dreisiebenundsiebzig", "machen wir Dreiachtzig"

Lambauer geht in Rente. Aber sie wirkt, als ob sie nicht weiß, ob sie sich freuen soll. "Die Stammkunden sind traurig, einer hat mir sofort einen Blumenstrauß gebracht." Stolz und Vorfreude. Das geht auch beides. Sie will mehr in die Berge, "solange ich noch laufen kann", sie wird 69, lebt alleine. Bimmeln.

Drei Augustiner Hell, ein Edelstoff, "Dreisiebenundsiebzig", "machen wir Dreiachtzig". Bimmel. Früher gab es fünf Sorten, heute 50. "Die Jugend trinkt Gösser und Club Mate", sagt Lambauer, nur Spezi ist konstant geblieben über 40 Jahre. Und beim Bier ist es jetzt Lammsbräu, Giesinger und Tegernseer. "Aber aufs Tegernseer musst du ja manchmal wochenlang warten." Das sei beim Augustiner besser, "das war und ist immer noch führend".

Lambauer war immer da, jedes Jahr nur drei oder vier Tage Urlaub, wenn sie mal länger in die Berge wollte. Das kann sie jetzt häufiger machen. Gibt es eigentlich einen Nachfolger? "Nein, es wird renoviert." Blick nach unten. Sie hatte am Anfang 30 Quadratmeter Verkaufsraum, später etwas mehr, da war dann auch mehr Platz für Geschenke an den Wänden. "Manche haben mir mal was zum Essen mitgebracht", andere Bilder, Postkarten. Wie München früher war, "als man noch auf die Tram aufspringen konnte". Sie hat das selbst erlebt.

Lambauer war einfach immer da

Ein Mann nimmt zehn Spezi in einer Plastiktüte mit, 70 Cent Trinkgeld. Zehn Flaschen, das sind keine großen Lasten, aber für eine WG-Party kaufen die Leute auch mal zehn Kästen. "Früher hab ich die Tragerl scho rumgschubst", sagt Lambauer. Und auch deshalb wohl im Winter nicht gefroren. Denn es gibt keine Heizung.

"Warme Socken, Nierenschützer, Pulswärmer und Bergsocken." Und im Winter das Bier schon trinkfertig gekühlt "und Strom gespart". Krank war Lambauer kaum. Sie war einfach immer da, stapelte lieber als zu reden, trank und trinkt keinen Alkohol, "lieber Tee". Eine zierliche Person in einem kahlen Raum voller schwerer Kästen. Ein Ort, der in diesem Viertel von Jahr zu Jahr mehr aus der Zeit fiel. Wahrscheinlich sind deshalb ihre Kunden so unglücklich. In einen Beauty-Salon kann man nicht reingehen und mit drei gekauften Bier und dem geschenkten seltenen Lächeln der Betreiberin wieder rausgehen.

Lambauer wohnt außerhalb der Stadt, fährt jeden Morgen in ihr Viertel, in ihren Laden mit den handschriftlich geschriebene Preiszetteln. Dann bimmelt es den ganzen Tag, zwischendrin ist Ruhe, ein bisschen so eine Ruhe, wie Lambauer sie in den Bergen sucht. So vergingen Jahre. Die Leute wollten immer mehr alkoholfreies Bier, dann kam der Schnappverschluss wieder, "den es ja ganz früher immer schon gab, als ich noch Kind war", aus der Telefonfabrik ums Eck wurde das Tertianum, eine Luxus-Seniorenresidenz, aus einem Heizkraftwerk das The Seven, wo so selten Licht brennt, aus Glasflaschen wurden Plastikflaschen. "Und heute wollen hier natürlich alle wieder Glas, wegen der Weichmacher."

Bimmel, ein abgerissener Mann stellt eine leere Flasche auf den Tresen. "Nomoi oans? A warms?" Er nickt. "Fünfundachtzig." Sie schaut ihm nach, reibt sich leicht die Hände. Bimmel.