Süddeutsche Zeitung

Gesundheit in München:Am Stadtrand herrscht Ärztemangel

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Weil Praxen in der Innenstadt lukrativer sind, gibt es in einigen Randbezirken zu wenig Ärzte - obwohl gerade dort viele Menschen mit gesundheitlichen Problemen leben. Was lässt sich dagegen tun?

Von Ekaterina Kel

Die Stadt München muss für die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger noch mehr tun. Diese Botschaft gibt der Volkswirt Günter Neubauer, Direktor des Münchner Instituts für Gesundheitsökonomik, den Gästen im Rathaus mit. Vor ihm haben sich an diesem Mittwoch die wichtigsten Akteure der Gesundheitspolitik der Stadt versammelt, Gesundheitssprecher verschiedener Fraktionen, Senioren- und Patientenvertreter, auch die Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek hört sich die Analyse des Professors an.

"In der Gesundheitsversorgung müssen Kommunen noch mehr aktiv werden. Und zwar vorausschauend, nicht reaktiv", so Neubauer. Beauftragt von der Partei Die Linke in München und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern, hat sein Institut eine Studie erstellt, um herauszufinden, welche Möglichkeiten es in München gibt, kommunale Medizinische Versorgungszentren aufzubauen.

Auf das Grundproblem können sich alle einigen: Besonders an den Stadträndern gibt es im Bereich der Allgemein- und Kindermedizin eine Unterversorgung. Große Bereiche im Norden und Südosten der Stadt weisen eine niedrige Ärztedichte auf, dort müssen sich sehr viele Einwohner einen Arzt teilen. Die niedrigste Ärztedichte findet sich laut Daten der Stadt von 2019 in Sendling-Westpark, mit einem Allgemeinarzt auf 3559 Einwohner. Die höchste Dichte gibt es im Lehel: Dort kann ein Allgemeinarzt 346 Einwohner versorgen.

Das Paradoxe: Offiziell betrachtet besteht in München sogar eine Überversorgung. Der Versorgungsgrad liegt laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bei 115 Prozent. München gilt dabei als ein Planungsbereich, für den von der KV eine bundesweite Verhältniszahl ermittelt wird. Und nach der gibt es hier etwa 175 Vertragsarztsitze "zu viel". Grund für den Mangel an den Rändern ist vor allem die Tatsache, dass sich Ärzte im gesamten Stadtgebiet frei niederlassen können. Die Folge: Die meisten bevorzugen eine Praxis im Zentrum, wo viele von ihnen selbst wohnen und wo es auch mehr Privatpatienten gibt.

Es gibt erhebliche innerstädtische Unterschiede bei der Gesundheit der Bewohner

Neubauer und seine Mitarbeiterin Katharina Wolfenstetter haben sich angeschaut, wie es um die Gesundheit der Bürger in den verschiedenen Stadtvierteln steht. Ihre Erkenntnis ist ernüchternd: Es gebe "erhebliche innerstädtische Unterschiede im Gesundheitsstand". Und zwar auch hier entlang der bekannten Grenzen zwischen lukrativen Wohngegenden und Randbezirken. Orientierung bot ihnen die sogenannte Diabetesprävalenz, also die Häufigkeit von Diabeteserkrankungen pro Einwohner.

Dies sei ein guter Indikator für die allgemeine Gesundheit, sagte Neubauer, denn erstens sei Diabetes eine der häufigsten Erkrankungen in Deutschland und zweitens ziehe Diabetes häufig andere Krankheiten nach sich, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zwischen Thalkirchen und Ramersdorf-Perlach zum Beispiel gibt es einen Unterschied von 54 Prozent in der Diabetesprävalenz. Grob lässt sich also sagen, dass dort mehr als doppelt so viele Menschen Diabetes haben.

Genau hier sieht Neubauer die Kommune in der Pflicht. "Nicht nur das Verhalten, sondern auch die Verhältnisse prägen die Krankheiten", so der Gesundheitsökonom. Was ist also zu tun? Das Thema treibt die Stadtverwaltung schon lange um, wie Gesundheitsreferentin Zurek sagt. Eine konkrete Handlungsmöglichkeit steht seit Jahren im Raum: Die Stadt müsste von der KV in mehrere Planungsbereiche aufgeteilt werden, damit in diesen dann einzeln der Arztbedarf je Einwohner ermittelt werden kann. Das schätzen die anwesenden Akteure aus der Gesundheitspolitik allerdings als nicht realistisch ein, da jahrelange Gespräche mit der KV bisher zu keiner Annäherung geführt haben.

Also müsste die Stadt selbst aktiv werden, sagt Neubauer und zwar mit sogenannten Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Die könne eine Kommune selbst oder zusammen mit der KV gründen, müsse sie aber nicht selbst führen - das ließe sich durch externe Gesundheitsdienstleister oder vielleicht auch die München Klinik bewerkstelligen.

Doch auch hier bleibt ein Nadelöhr: die Menge der Arztsitze. Solange München keine neuen Arztsitze von der KV bekommt, kann die Stadt immer nur warten, bis ein Arzt seinen Sitz freigibt, etwa durch Ruhestand. Hier könnte man, so der Vorschlag der Studie, die jungen nachkommenden Ärzte mit attraktiven Angeboten, etwa eine fünf Jahre mietfreie Immobilie, in die Außenbezirke locken. Ein langwieriges Unterfangen, mit vielen Hürden.

Bis dahin schlägt die Studie vor: Gesundheitsvorsorge im Kleinen. Etwa die Bekämpfung des Übergewichts bei Kindern durch Sport oder die Ernährungsaufklärung im wohnortnahen Familienzentrum. Häufig seien gerade die Kleinigkeiten hilfreich, so Neubauer. Und langfristig wirksam sowieso.

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