Die beiden haben den Begriff des „demokratischen Faschismus“ entwickelt. Jetzt bekommen sie für ihre Arbeit den Geschwister-Scholl-Preis 2025 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey legen ihr Werk „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“ erst Mitte Oktober im Suhrkamp Verlag vor. Der Landesverband Bayern des Börsenvereins und die Landeshauptstadt München werden ihnen den Preis am 25. November 2025 übergeben.
Die Jury begründet ihre Entscheidung mit der Eindringlichkeit und der Sensibilität, mit denen die politische Gegenwart in dem Buch ausgeleuchtet werde. „Im Mittelpunkt steht die Erfahrung vieler Menschen, dass die Versprechen liberaler Demokratien – Freiheit, Teilhabe, soziale Sicherheit – zunehmend als unerfüllt wahrgenommen werden. Aus dieser Enttäuschung erwächst eine eigentümliche Lust an der Zerstörung“, erläutert die Jury dessen Inhalt.
Der Begriff des ‚demokratischen Faschismus‘ beschreibe eine Haltung, die mitten in der Demokratie entstehe: „eine Mischung aus Ressentiment, regressiver Rebellion und faschistischen Fantasien, die Institutionen nutzt, um sie zugleich auszuhöhlen.“ Diese Diagnose gründe im Buch in einer Vielzahl von Stimmen: Interviews, Protokollen und Beobachtungen, die von Verunsicherung und Ausgrenzung berichten. Gerade diese Vielstimmigkeit mache deutlich, wie weit das Phänomen in die Gesellschaft hineinreicht – von der verunsicherten Mitte bis in radikalisierte Milieus.
Amlinger und Nachtwey vermieden einfache Schuldzuweisungen. Sie legten frei, welche Strukturen den Boden für destruktive Energien bereiten: wachsende Ungleichheit, der Verlust von Status und Zugehörigkeit, die Erosion gemeinsamer Verbindlichkeiten. So werde sichtbar, dass Zerstörungslust Ausdruck einer demokratischen Krise ist, die tief in den affektiven Schichten unserer Gesellschaft wurzelt.
Die Sprache des Buches wird als „klar und konzentriert“ gelobt. Es verdichte statt zu überhöhen, mache komplexe Zusammenhänge durchsichtig, ohne an Tiefe zu verlieren. „Zerstörungslust“ zeige „unübersehbar, dass die Gefährdung der Demokratie nicht nur von außen kommt, sondern aus uns selbst erwächst“.
Den Geschwister-Scholl-Preis erhalte es, weil „es geistige Unabhängigkeit bezeugt, indem es gängige Erklärungsmuster durchbricht und unbequeme Wahrheiten ausspricht. Und es fordert bürgerliche Freiheit, moralischen und intellektuellen Mut, indem es die Lesenden dazu herausfordert, sich den Selbstgefährdungen der Demokratie zu stellen und Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.“

Zugleich gingen die Autorin und der Autor über die Diagnose hinaus: „Mit dem Begriff eines ‚neuen Antifaschismus‘ entwerfen sie eine Haltung, die nicht beim pädagogischen Appell stehenbleibt, sondern soziale Gerechtigkeit, demokratische Teilhabe und eine erneuerte Vorstellung von Freiheit ins Zentrum stellt. Damit aktualisiert das Buch das Vermächtnis der Geschwister Scholl – und macht es für unsere Zeit lebendig“, so die Jury.
Der Geschwister-Scholl-Preis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. und der Landeshauptstadt München seit 1980 vergeben. Er zeichnet jährlich ein Buch jüngeren Datums aus, das, wie es in den Statuten heißt, „von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.“ Er ist mit 10 000 Euro dotiert. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern zählten in den vergangenen Jahren unter anderem Katerina Gordeeva, Andrej Kurkow, Joe Sacco, Dina Nayeri, Ahmet Altan, Götz Aly und Joachim Gauck.
Zur Jury unter dem Vorsitz von Kulturreferent Marek Wiechers und Klaus Füreder, dem Vorsitzendenden des Börsenvereins in Bayern, gehörten 2025 mehr als ein Dutzend Personen, darunter die Journalistin Natalie Amiri, Johannes Ebert vom Goethe-Institut und Münchner Stadträte.

