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Projekt "Vier mal Schönes":Geschichten zum Verschenken

Geschichtenerzählerin Katharina Ritter, 2012

Direkt vom Mund zum Ohr: Jeden Mittwoch verschenkt Erzählkünstlerin Katharina Ritter einen Tag lang Geschichten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Statt in Kanada oder Berlin auf Kongressen und in Universitäten aufzutreten, sitzt Katharina Ritter nun in ihrer Wahlheimat München und erzählt jeden Mittwoch übers Telefon Geschichten von den Tücken des Wünschens.

Von Barbara Hordych

Schon zwei Tage vor Beginn ihrer Erzähl-Aktion zum Weltgeschichtentag am 20. März stand bei Katharina Ritter das Telefon nicht mehr still: Es meldeten sich Menschen, die sie spontan um eine Geschichte baten, "ganz häufig wurde auch der Wunsch geäußert, eine Geschichte zu verschenken", sagt Ritter.

Als sie merkte, wie groß die Nachfrage war, begann sie schon vor dem eigentlichen Aktionstag zu erzählen - oder Termine auszumachen für die Tage danach. Im Anschluss hatte sie das Gefühl, sich etwas "verzählt" zu haben. "Nicht stimmlich, das war kein Problem - aber ich habe zu oft den Hörer ans Ohr gehalten, anstatt auf Lautsprecher zu stellen, da war mein Nacken etwas beleidigt", sagt die Meisterin des dunklen Tons und lässt ihr kehliges Lachen hören.

Eigentlich sei Geschichtenerzählen etwas sehr "Feinstoffliches", sagt Ritter, die seit über zwanzig Jahren vor Publikum auftritt und in ihrer Wahlheimat München lebt. Sie reagiere auf die jeweilige Atmosphäre, "es macht ja einen Unterschied, ob ich vor 200 Leuten auftrete oder in einem kleinen Rahmen mit nur zwanzig Zuhörern". Beides liebt sie, beides beherrscht sie virtuos.

Wer sie einmal erlebt hat, etwa beim alljährlichen Geschichten-Marathon der drei Schwestern Grimm im Gasteig, bei dem sie mit ihren Kolleginnen Cordula Gerndt und Gabi Altenbach tagsüber für Kinder und Familien, abends für Erwachsene erzählt, der weiß, wie perfekt sie sich der jeweiligen Atmosphäre anpasst. Ihre Stimme kann unheimlich leise raunen oder bedrohlich laut anschwellen, aber auch ganz kindlich und naiven klingen. "Da ist ein Telefon natürlich nur ein Behelfsmittel, es fehlt die körperliche Dimension, die Gestik und die Mimik."

Trotzdem: Erzählstoffe sind ein Elixier, das Menschen derzeit offensichtlich mehr benötigen denn je. Wer ruft an? Das gehe völlig querbeet, sagt Ritter. Langjährige Fans sind unter den Anrufern ebenso wie völlig Fremde. "Da waren die erwachsenen Kinder eines Paares aus Mecklenburg-Vorpommern, dessen Feier zur Goldenen Hochzeit corona-bedingt ohne Gäste stattfinden musste."

Oder es meldeten sich die Eltern eines siebenjährigen Geburtstagskindes. "Der Junge ist ein richtiger Grimm-Spezialist, er hat sich voriges Jahr den Download für die Märchen von uns Grimm-Schwestern schenken lassen", sagt Ritter. Hat sie ihn überraschen können? "Selbstverständlich, ich habe ja auch viele Sagen und moderne Märchen parat, die nichts mit den Grimms zu tun haben. Ihm und seinem kleinen Bruder habe ich eine französische Geschichte erzählt, in der die Bilder eines Malers lebendig werden."

Selbst wenn sie viele Stunden hintereinander erzählt, beherzigt sie die Regel, "nicht durch die Geschichte zu hetzen, sondern Platz für Fantasie zu lassen". Dass sie ihre Geschichten weder vorliest noch rezitiert, sondern jedes Mal aufs Neue und jedes Mal ein bisschen anders frei erzählt, ist sowieso selbstverständlich für sie.

Im Übrigen weiß sie von ihren Auftritten, die sie von Vancouver bis Borneo, von Andelsbuch im Bregenzerwald bis nach Zurzach am Fuße des Schwarzwalds und auch nach Berlin führten: "Wenn Erwachsene ihre Anfangsängste und Vorurteile erst einmal überwunden haben und die Bilderwelten in ihrem Kopf zulassen, gehen sie genauso mit wie Kinder."

Eigentlich hatte sie vorgehabt, das Los darüber entscheiden zu lassen, welche Geschichte sie zu Gehör bringt, "100 Geschichten habe ich im Sack", sagt die Erzählkünstlerin. Als sie aber merkte, wie oft die Anrufer Geschichten verschenken wollten, griff sie vermehrt zu Wunsch-Geschichten. "Wünschen ist ja ein tolles Thema, ähnlich wie ,Finden und Verlieren'", sagt Ritter. Gerne nimmt sie diese Themen auch als Motto, etwa wenn sie beim Münchner "Gute-Stube-Festival" in privaten Wohnzimmern auftritt.

Die Geschichten vom Wünschen basieren oft auf einem wiederkehrenden Muster: Jemand befreit eine Fee aus einer misslichen Lage, sie stellt ihm die Erfüllung von drei Wünschen in Aussicht. Damit beginnt das Problem. "Meistens wird der erste Wunsch für Quatsch vertan, jemand wünscht sich zum Beispiel eher unabsichtlich zwei Bratwürste zu seinem Sauerkraut." Der Mann verwünscht seinen Fehler lautstark, prompt springen die Bratwürste ins Gesicht der schimpfenden Ehefrau und wachsen fest. Also muss er mit dem dritten Wunsch den ursprünglichen Status Quo wieder herstellen.

Ihre Geschichten "borgt" sie sich aus den Traditionen unterschiedlicher Länder, sagt Ritter. Aus Indien stammt etwa die erotische Version über die Tücken des Wünschens. "Eine Fee stattet einen Mann, der sich beim Anblick eines prächtigen Hochzeitszuges wünscht, mit all den wunderschönen Frauen schlafen zu können, mit Hunderten von Penissen aus, die Frauen laufen schreiend vor ihm weg", erzählt Ritter. Als er sich darauf "alle Glieder" wieder wegwünscht, blickt er auf eine kahle Stelle zwischen seinen Beinen. Schon klar, wofür er seinen dritten Wunsch opfern muss.

Gibt es denn keine geglückte Variante vom Wünschen? Doch, die gebe es schon, sagt Ritter. Sehr klug agiere etwa der arme Fischer, der eine Meerjungfrau, eine Asrei, aus einem Netz befreit. Sie stellt ihm dafür die Erfüllung eines Wunsches frei. "Und nun wird es sehr schwierig für ihn: Seine blinde Mutter wünscht sich, wieder sehen zu können; seine Frau wünscht sich sehnlichst ein Kind; sein Vater wiederum plädiert für Geld." Doch der Fischer ziehe sich nach einer schlaflosen Nacht äußerst clever aus der Schlinge. "Ich wünsche mir, dass meine Mutter mein Kind in einer goldenen Wiege sehen kann", teilt er der Meerjungfrau mit.

Eigentlich wäre Ritter nach Ostern aufgebrochen zu einer Erzähl-Tournee durch Kanada, hätte in Sprachschulen, an Universitäten, auf Kongressen in Montreal und Toronto erzählt. Corona-bedingt wurde die Reise abgesagt. Stattdessen hat sich Ritter nach dem großen Zuspruch am Weltgeschichtentag vorgenommen, nun jeden Mittwoch bei Anruf eine Geschichte zu erzählen, Termine sind unter katharina@geschichtenerzaehlerin.de vereinbar.

Die Aktion ist Teil des Projekts "Vier mal Schönes", bei dem auch die Musikerin Doro Heckelsmüller, die Fotografin Barbara Greenhill und die Historikerin Andrea Kästle jeweils einen Wochentag mit ihren speziellen Fähigkeiten gestalten. Kostenlos, sagt Ritter. "Wir müssen einfach etwas füreinander tun."

© SZ vom 06.04.2020/kafe
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