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Münchens erster Stadtheilige:Sankt wer?

Ein schütteres Fell trägt der Einsiedler, der 60 Jahre in der Wüste lebte: Sankt Onuphrius an der Schlosskapelle Blutenburg.

(Foto: Catherina Hess)

Märchenhafte Erzählungen ranken sich um den heiligen Onuphrius - er war Münchens erster Stadtpatron. Die Verehrung für ihn ging so weit, dass Kinder seinen Namen verpasst bekamen.

Von Wolfgang Görl

In drei Teufels Namen: Was ist denn das für ein komischer Heiliger? Er ist nackt, sieht man vom notdürftigen Lendenschurz aus grünen Blättern ab, er trägt einen langen Nikolausbart und eine Krone, in der Linken hält er einen knorrigen Wanderstab, rechts ein Kreuz. So schaut er, umkränzt vom Heiligenschein, hinab auf das Treiben am Marienplatz, nein, eigentlich richtet sich sein Blick eher nach innen, er ist fast ein wenig entrückt. Bei flüchtigem Hinsehen könnte man ihn für Rübezahl halten - aber was hätte der Berggeist aus dem Riesengebirge in München verloren? Nun, auf den zweiten Blick lässt sich zumindest seine Identität klären: "Sanct Onuphrius" steht über dem Haupt des Mannes. Aha, der heilige Onuphrius - und was hat jetzt der mit München zu tun?

Fest steht, dass sein Abbild als Mosaik an prominenter Stelle prangt, der Fassade von Haus Nummer 17 am Marienplatz, mehr als zwei Stockwerke hoch. Der Maler Max Lacher, ein Künstler, der in Opposition zu den Nazis stand und auch die Fassadenkunst am Kaufhaus Beck und am Donisl-Haus schuf, hat das Mosaik 1951 angefertigt. Es ist eine Reminiszenz an alte Zeiten. Wahrscheinlich zierte bereits 1496 ein Fresko des Heiligen ein Vorgängergebäude am damaligen Marktplatz. Es brachte dem Gemäuer den Namen "Onuphriushaus" ein. Ein illustrer Titel, denn Onuphrius war der erste Stadtheilige Münchens.

Der Name voll dunkel tönender Vokale klingt, als wäre er ein Geschöpf aus der Unterwelt. Ist er aber nicht, im Gegenteil. Der Überlieferung zufolge, so ist dem Ökumenischen Heiligenlexikon zu entnehmen, war Onuphrius ein um das Jahr 320 geborener Sohn einer abessinischen Fürstenfamilie. In einem Kloster bei Alexandria ausgebildet, zog sich der Mönch in die Einsamkeit der Wüste zurück. Mehr als 60 Jahre soll er ein gottgefälliges Leben geführt haben, als Nahrung dienten ihm einzig Wurzeln und Datteln. Eines Tages besuchte ihn Bischof Paphnutius von Ägypten, dem der Schreck in die Glieder fuhr, als er die nackte, nur mit den eigenen Haaren bedeckte wilde Gestalt sah. Den Abend und die Nacht aber verbrachten die beiden Gottesmänner im Gebet. Am folgenden Tag starb der fromme Einsiedler, während die Engel, so will es die Legende, himmlische Chöre anstimmten.

Die koptische Kirche verehrt Onuphrius seit dem sechsten Jahrhundert, das Abendland zog mit der Zeit nach. Vermutlich durch Kreuzfahrer gelangte der Kult nach Europa. In Rom etwa ist die Klosterkirche, in welcher der Dichter Torquato Tasso starb und bestattet ist, Onuphrius geweiht. Und wer den Mann aus der Wildnis feiern möchte: Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. Sein Gedenktag ist der 12. Juni.

Die Beziehung Münchens zu dem Eremiten ist von Erzählungen und Legenden umwoben, für deren Wahrheitsgehalt man nicht die Hand ins Feuer legen würde. So steht auch auf schwankendem Grund, was Anton Mayer im Münchener Sonntagsblatt von 1863 berichtet: Heinrich der Löwe fand während seiner Jerusalemfahrt 1172 in einem Kloster einen Altar vor, in dem die Gebeine des Onuphrius lagen. Die Mönche erzählten die Geschichte des Heiligen, woraufhin der Herzog sich entschloss, ihn zum Patron für seine Heimreise zu wählen. Auf seine Fahne ließ er ein Bildnis von Onuphrius malen, und er bat um Reliquien. Die Mönche wollten oder konnten nicht Nein sagen. "Er empfing auch die Hirnschale B. Onuphrii, schloss selbe mit andern werthvollen Reliquien in ein reich verziertes Kästlein und brachte sie ins Vaterland mit." Feierlich zog Heinrich samt Gefolge über die Isarbrücke in München ein. "Vor ihnen trug man Onuphrius Bildnis, darnach den Reliquienschrein, welcher dann in St. Catharinens Kirchlein beigesetzt ward, bis er in die Burgkapelle kam." Als Heinrich, nachdem er Kaiser Friedrich Barbarossa militärischen Beistand verweigert hatte, 1180 Bayern an die Wittelsbacher abgeben musste, brachte sein Beichtvater die Schädelreliquie nach Braunschweig, wo sich die Residenz des sächsischen Herzogs aus dem Geschlecht der Welfen befand. Mayer endet: "So ward also St. Onuphrius in München bekannt, verehrt und später im Laufe der Jahrhunderte auch wieder vergessen."

Die Geschichte lappt vermutlich stark ins Märchenhafte. Es gibt keinen unanfechtbaren Beweis, dass Heinrich nach seiner Jerusalemreise feierlich in München eingezogen wäre. 1172 war München nicht viel mehr als eine Zollstation und ein - freilich aufstrebender - Marktplatz. Wenn überhaupt, interessierten den Herzog die Einnahmen durch Brückenzoll und Salzhandel. Ob der Löwe die Stadt, als deren Gründer er gilt, jemals gesehen hat, weiß man nicht. Gut möglich, dass er nie da war. In der von Helmuth Stahleder verfassten "Chronik der Stadt München" heißt es: "Aus Richtung Ungarn kehrt Heinrich der Löwe von seiner Reise ins Heilige Land zurück. Wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit machte er Station in Laufen und begab sich von hier aus auf unbekannten Weg weiter nach Augsburg." Mit anklingender Skepsis berichtet die Chronik, Heinrich "soll einen Teil der Gebeine des heiligen Onuphrius mitgebracht und sie in München hinterlassen haben". Ein Teil "soll" später nach Braunschweig gelangt sein. Stahleder hat dort im Stadtarchiv nachgefragt und 1994 zur Antwort erhalten: "Meine intensiven Bemühungen, eine Spur über eine Verehrung des heiligen Onuphrius im Mittelalter in der Stadt Braunschweig zu finden, blieben leider erfolglos (...) Offensichtlich war die Verehrung des heiligen Onuphrius in der Stadt Braunschweig, wenn überhaupt erfolgt, so gering, dass sei keinen Eingang in die schriftliche Überlieferung gefunden hat. Dass tatsächlich eine Onuphrius-Reliquie nach Braunschweig gebracht wurde, muss bezweifelt werden."

Auch die in München verbliebenen Teile, die angeblich in der Burgkapelle, also der St.-Lorenz-Kapelle im Alten Hof, aufbewahrt wurden, sind verschollen. Es gibt die Vermutung, die Heiligtümer seien beim Abriss der Kapelle 1816 verloren gegangen. "Die letzte Nachricht über ihre Existenz stammt von Anton Crammer, der 1781 berichtet, sie würden im Hieronymitaner-Kloster im Lehel aufbewahrt", notiert Stahleder. Kurzum: Die Ursprünge der Münchner Onuphrius-Verehrung liegen im Dunkeln. Mit einiger Vorsicht lässt sich zumindest sagen, dass der Wüstenheilige so etwas wie der erste Stadtpatron war.

Dafür spricht, dass der nicht gerade bayerisch klingende Name des Anachoreten in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch Münchner Kindern verpasst wurde. Stahleder schreibt, dass so manche Bürgersöhne und bayerische Adelige mit dem Vornamen Onuphrius durchs Leben schritten. Der berühmte Arzt Sigmund Gotzkircher notierte um 1460, er habe über die vier Tore seines Hauses das Bildnis des Heiligen malen lassen. Davon ist nichts geblieben; anders die Onuphrius-Spuren in Schloss Blutenburg. Diese sind noch heute zu bestaunen: Neben das Portal der Schlosskapelle haben die spätgotischen Künstler ein Fresko platziert. Vor wenigen Jahren restauriert, ist es so eindrucksvoll wie komisch: Onuphrius' Körper ist von einem Fell bedeckt, die Verwilderung des frommen Einsiedlers, der der Zivilisation Lebewohl gesagt hat, ist hier weitaus drastischer dargestellt als am Marienplatz. Man sieht ihm an, dass er in einen kreatürlichen, nahezu animalischen Zustand zurückgekehrt ist.

Mit hundertprozentiger Sicherheit lässt sich nicht sagen, warum sich ausgerechnet auf dem durchaus weltlichen Marktplatz des alten München ein Abbild dieses abessinischen Asketen findet. Anton Mayer erzählt im Münchener Sonntagsblatt, ein gewisser Heinrich Pirmat habe 1493 vor einer Pilgerreise ins Heilige Land gelobt, Onuphrius an sein Haus malen zu lassen, falls er unversehrt zurückkehre. Pirmat überstand die gefährliche Fahrt und löste sein Gelübde ein. Seitdem begleitet der haarige Heilige vom Haus Nummer 17 aus - es wechselte mehrmals die Gestalt - das Geschehen im Zentrum Münchens. Er wird einiges gesehen haben, wofür er zuständig ist: Dem Heiligenlexikon zufolge ist Onuphrius der Patron der Weber, der Studenten mit Lernproblemen, der heiratswilligen Frauen sowie der Prostituierten. Er schützt aber auch die von sexuellen Übergriffen Bedrohten und hilft beim Wiederfinden verlorener Sachen. Apropos Weber: Diese und die Tuchhändler (Watmangern) hatten im Mittelalter auf dem Marktplatz zwischen dem Turm des Alten Rathauses und der Einmündung zum Rindermarkt ihre Verkaufsläden. "Unter den Watmangern" hieß die Häusergruppe, zu der auch das heutige Haus Nummer 17 gehörte. Vielleicht ist einer der Textilmänner auf die Idee gekommen, sein Geschäft mit dem Schutzpatron zu schmücken.

Dem Vernehmen nach hat Onuphrius in München sogar persönlich gute Taten vollbracht. In ihrem Buch "Sagen und Legenden von München" zitiert Gisela Schinzel-Penth eine Wunderlegende aus alter Zeit: "Vom Geist Gottes getrieben verließ Onuphrius endlich die Wüste und wanderte in der Welt umher, den Menschen durch seine Wundertaten Gutes erweisend. Einst kam er auf seiner Wanderschaft auch nach München; in derselben Gestalt und Größe, wie das Bild ihn zeigt, zog er durch das Talbrucktor in die Stadt ein. Ein zweites Mal erscheint er im Jahr 1659 bei einem großen Brand in der Burggasse, wo er Wasser in die Flammen goß und so den Brand löschte."

Trotz der Wohltaten haben die Münchner allmählich vergessen, wer der Wilde vom Marienplatz ist. Aus Onuphrius wurde Christophorus, immerhin auch ein Heiliger, Schutzpatron unter anderem der Reisenden und - noch vor Andreas Scheuer - Autofahrer. Grund der Verwechslung dürfte die Physiognomie sein. Auch Christophorus wird zumeist als bärtiger Riese mit Knotenstock dargestellt, allerdings mit dem Christuskind auf den Schultern. Da vor dem Onuphriushaus früher Eier und Kräuter gehandelt wurden, nannten die alten Münchner den sonderbaren Heiligen an der Hauswand den "Christoffel vom Eiermarkt" oder den "großen Stoffel".

Zum Münchner Stadtheiligen hat es der Onuphrius dennoch nicht gebracht. Diesen Posten hat der heilige Benno übernommen - ein Bischof aus Meißen, Sachsen, was fast so exotisch ist wie ein Wüstenheiliger aus Abessinien.

© SZ vom 10.06.2020/huy
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