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München:Gesang, der über Mauern schwebt

Linda Oppermann und Jule Deges haben als Schülerinnen des Else-Brändström-Gymnasiums ein Musical geschrieben. "Schatten der Zeit" wird nun im Spectaculum Mundi erneut aufgeführt, mit Anspielungen auf die Welt unserer Tage

Sie sprechen über- und hintereinander, immer schneller drängen die Worte aus den Frauen heraus, immer zorniger werden sie, eine beinahe bedrohliche Szene, die den Zuschauer zusammenzucken lässt in seiner Komfortzone. Nur miteinander sprechen, das können Lioba, ihre Mutter, und - besonders wichtig für den Plot des Schülermusicals "Schatten der Zeit" - ihre Großmutter nicht. Der Dialog hat sich verfestigt wie eingetretener Kaugummi, da geht nichts vor und nichts zurück.

Sophia Hertenstein (schwarzer Rock) ist Lioba, Fabian Sedlmeier (links von ihr) Alex.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Großmutter möchte nämlich, dass Lioba sie in ihrer Funktion als Oberhaupt ihres Heimatdorfes beerbt, das sei nun einmal ihre Pflicht. Lioba dagegen ist jung, sie will die Welt entdecken, selbstbestimmt leben eben. "Tritt in meine Fußstapfen, das ist deine Bestimmung!", fordert die Großmutter. "Aber was ist denn meine Bestimmung?", fragt Lioba zurück. "Ich möchte doch nur mit gutem Gewissen frei sein!"

Es ist also der klassische Konflikt der Generationen, der sich im Verlauf der Handlung entfaltet, und als sich Lioba dann auch noch in Alex verliebt, einen Fremden, brechen bei der Großmutter alte Wunden auf. "Schatten der Zeit", so viel sei vorweggenommen, verhandelt also die großen Themen des Lebens: Liebe und Hass, Freiheit und Pflicht, Freude und Leid, vor allem aber: die Angst vor dem Fremden.

Linda Oppermann spielt am Klavier.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das ist für sich genommen schon mal recht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Linda Oppermann, heute 22 Jahre alt und Studentin an der Münchner Musikhochschule, das Musical in der elften Klasse komponiert hat. Nicht ganz allein allerdings, Jule Deges, die bei der Probe an diesem warmen Sommerabend im Regiestuhl sitzt, war von Anfang an mit von der Partie. 2011 war das, und weil die Schüler des städtischen Elsa-Brändström-Gymnasiums in Pasing nach der Aufführung eines Musicals sich die Lizenzgebühren für ein weiteres nicht leisten konnten, schrieben sie selbst eines. Nun wird "Schatten der Zeit" erneut aufgeführt, am 13., 14. und 15. Juli um 19.30 Uhr im Spectaculum Mundi an der Graubündener Straße 100.

Jule Deges führt Regie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit einem Jahr ist Oppermann mit der Vorbereitung befasst, der Chor probt einmal pro Woche, Oppermann selbst begleitet die Band am Klavier. Die jungen Laiensänger, insgesamt zwölf an der Zahl, sind zwischen zwölf und 22 Jahren alt, manche besuchen das Elsa-Brändström-Gymnasium, andere singen bereits in einem Chor. Sophia Hertenstein zum Beispiel singt im Chor der Bayrischen Philharmonie. Und wenn einem der Lichttechniker am Nebenplatz nicht zugeflüstert hätte, dass sie die Rolle der Lioba erst vor drei Wochen übernommen hat, weil die Vorgängerin abgesprungen sei - man hätte es nicht gemerkt. Mit Stimmvolumen fällt bei ihrer Gospeleinlage auch Liliana Düstersiek auf. Sie singt im Landesjugendchor und spielt im Musical die Margarethe, eine liberal denkende Mentorin von Lioba, die mit ihren Freunden vor dem Dorf lebt.

Der Part der Margarethe ist übrigens neu. Bei der Wiederauflage wurden auch einige Änderungen vorgenommen an dem Musical - immerhin sind seit der Premiere sechs Jahre vergangen. Da ist viel passiert auf der Welt. Und so bekommt die Mauer aus Legosteinen, die die Bewohner des fiktiven Dorfes auf der Bühne errichten und dabei ein flottes Lied zum Besten geben, unerwartet politische Qualitäten.

Denn diese Mauer, die gab es in der Fassung von 2011 noch nicht - weil es damals auch noch keinen Viktor Orbán gab, der Soldaten an der ungarischen Grenze Flüchtlinge abwehren ließ. Auch der Text wurde überarbeitet. "Wir wollten minimalistischer arbeiten", sagt Jule Deges, die Psychologie studiert, die Gruppe auf der Bühne aber wie ein Musical-Profi anleitet. Mit weniger Worten, weil es sonst schnell plakativ wirke, wie sie in der Pause sagt. Und: Die jungen Künstler durften sich einbringen bei der Entwicklung der Szenen und auch die eigene Rolle mitgestalten.

Eine bestimmtes Land hatte Oppermann aber nie im Sinn bei der Komposition. "Schatten der Zeit" spielt "im Niemandsland", erklärt sie: eine dunkle, unheilvolle Ansammlung von Dörfern, deren Bewohner sich vor Überfremdung fürchten und niemanden mehr hineinlassen in ihr von harter Arbeit und Entbehrungen geprägtes Leben.

In diese Dystopie geraten Alex und seine Schwester Isabelle auf der Suche nach ihrem Vater, der die Familie aus Gründen, die im Stück nicht weiter erläutert werden, verlassen hat. Er kommt aus der bunten, fröhlichen Stadt, für Lioba ein Faszinosum. "Was ist denn so schlimm daran, wenn wir uns lieben?", schmettert sie der Großmutter im zweiten Akt entgegen. Und da offenbart diese, man ahnt es schon, ihre eigene Tragödie. Einst selbst in einen Fremden verliebt, der das Dorf dann überfallen hat, verschloss sie ihr Herz. "Das Erlebte wirft seinen Schatten in die Gegenwart", sagt Oppermann. Am Ende wird freilich doch noch alles gut. Die Großmutter akzeptiert die Bindung von Alex und Lioba. Ein Happy End, wie hätte es anders sein können bei einem Musical.