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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Neuer Blick auf das Zuhause

Die österreichische Fotografin Gerlinde Miesenböck lebt in Eichenau. Sie hat in Österreich, England und Finnland studiert und pendelt zwischen Deutschland und Österreich.

(Foto: Gerlinde Miesenböck)

Kultur-Lockdown, Tag 115: Die Fotografin über Kunst in Pandemiezeiten

Gastbeitrag von Gerlinde Miesenböck

"Was ist der Grund Ihrer Einreise? Sie sind Fotografin?" - Die beiden jungen Bundesheersoldaten lassen sich bei der Inspektion meines Dossiers mit Einladungsschreiben der Galerie, negativem Testergebnis und diversen Formularen lange Zeit. Als ich auf der einsamen Straße am Zirler Berg weiterfahren darf, fällt die Anspannung schlafloser Nächte angesichts der sich ständig ändernden Einreisebestimmungen nach Tirol von mir ab.

Das neue Jahr beginnt sehr gut mit einer großen Einzelausstellung im Fotoforum West. Ein Querschnitt meines Schaffens - in Innsbruck. Die 100 Bilder habe ich schon im Dezember angeliefert. Sie hängen bereits viele Wochen, als die österreichische Regierung die Öffnung von Galerien plötzlich Mitte Februar zulässt, auch in Tirol. Das bedeutet vier Wochen Sichtbarkeit, ohne Vernissage.

Im Rückblick verlief 2020 für mich überraschend gut. Mein Arbeitsalltag hat sich kaum verändert. Als Künstlerin bin ich gewohnt, den Tag zu strukturieren, spontan und flexibel zu handeln. Unsicherheiten auszuhalten und konsequentes Weitermachen gehören zum Berufsbild. Während ich aber in normalen Jahren für internationale Ausstellungen bis nach China geflogen bin, hat den Streckenrekord 2020 ein Paket nach Wien zurückgelegt.

Schon im ersten Lockdown habe ich bei meinen täglichen Spaziergängen das Projekt "Terrain" entwickelt. Seither fotografiere ich systematisch und wöchentlich unseren kleinen Garten. Gerade im Frühjahr, als die Ausgangsbeschränkungen besonders streng waren, repräsentierte er ein Stückchen Freiheit. Seit November setze ich die Serie mit je 30 Aufnahmen fort. Es sind mittlerweile sehr viele Fotografien...

Auch habe ich endlich Zeit gefunden, ein lange geplantes Projekt anzugehen: ein künstlerisches Fotobuch über Hauspflanzen. Vor einigen Jahren habe ich mit einer analogen Großformatkamera die Topfpflanzen meiner Verwandten, Nachbarn und Freundinnen fotografiert. Danach folgte immer eine Plauderei am Küchentisch: Fotografie ist in vielerlei Hinsicht ein sehr kommunikatives Medium. Jetzt wäre die Ausführung des Projekts strengstens verboten. Gescannt, retuschiert und gelayoutet sinniere ich über Feinheiten wie Papiersorte und Bindung. Ich möchte etwas zum Anfassen erschaffen in einer von Digitalisierung geprägten Zeit: Ein richtiges Objekt, das auch den Tastsinn anspricht.

Die Möglichkeiten des Internets machen vieles erträglich. Online-Seminare wären auch später gut, lassen sich viel einfacher in meinen Kalender integrieren, lange Reisen für einen Halbtageskurs wären vermeidbar. Das könnte auch für Kunstvermittlung funktionieren. Wir könnten als Avatare mit Datenbrillen auf Vernissagen herumstehen. Das echte Werk und das soziale Rundherum jedoch wird es nicht ersetzen können. Eigentlich müsste Netzkunst hoch im Kurs stehen.

Ein Glücksfall: Im Sommer konnte ich ein städtisches Atelier in München beziehen. Der Raum ist mein kreativer und produktiver Rückzugsort. Die Wände sind leer und weiß, damit ich mich konzentrieren kann, wenn ich vom Bildschirm aufschaue. Ich freue mich auf die geplanten offenen Ateliertage im Sommer. Dann werde ich Nägel in die Wand schlagen.

Mittlerweile ist Gewöhnung eingetreten, ein innerliches Arrangement mit der Situation. Weitere Ausstellungen sind avisiert, die verschobenen werden nachgeholt. Ich bin optimistisch, dass alles gut wird, wage es aber nicht zu planen. Das Leben ist wie ein Krimi voller unerwarteter Wendungen.

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© SZ vom 24.02.2021
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