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Klimaziele:Fernwärme für mehr als eine halbe Million Haushalte

Brunnthal, SWM und der MVG erforschen Wärme aus der Tiefe: Seismikmessungen für Geothermie in der Region,

Mit Geophonen und Vibrofahrzeugen machen die Stadtwerke Bodenmessungen, Dietfried Bruss leitet die Standortentwicklung für Geothermie.

(Foto: Angelika Bardehle)
  • Die Stadtwerke geben sich bei der Umsetzung ihrer Klimaziele selbstbewusst. Dietfried Bruss, Leiter der Standortentwicklung Geothermie, spricht von Energie für 560 000 Haushalte.
  • Die Stadtwerke begrenzen sich bei ihren Untersuchungen nicht auf den Innenstadtrau, sondern betrachten vor allem angrenzende Landkreise.
  • Münchens einzigartige geologische Lage soll das Projekt ermöglichen. Dafür wären allerdings Bohrungen in Tausend Meter Tiefe nötig, deren Erfolg ungewiss ist.

Der Münchner Süden und vor allem auch das südliche Umland sollen zum zentralen Lieferanten von CO₂-freier Fernwärme für die Landeshauptstadt werden. Die Stadtwerke München (SWM) setzen dabei auf den Ausbau bestehender Geothermie-Anlagen und wollen in Berg am Laim, aber auch in Baierbrunn im Isartal neue Anlagen errichten, die mittelfristig über Leitungen heißes Wasser in die Münchner Haushalte schicken. Das nutzbare Potenzial an Erdwärme schätzte der Leiter der Standortentwicklung Geothermie bei den SWM, Dietfried Bruss, am Dienstag bei einem Pressetermin auf 350 bis 400 Megawatt ein, was nach seinen Worten dem Wärmeverbrauch von 560 000 Haushalten entspricht.

Die SWM neigen generell nicht zur Bescheidenheit, wenn es um Aussagen über das Energiepotenzial in Münchens Untergrund geht. Das liegt an der geologisch einzigartigen Lage der Stadt, unter der sich in einer von den Mittelgebirgen kommenden und bis unter den Alpenkamm sich absenkenden Malm-Schicht große Mengen an heißem Wasser sammeln, die im Grunde nur angezapft werden müssen. Vor allem im Süden Münchens sind hohe Temperaturen zu erwarten. Freilich sind dafür aufwendige Bohrungen bis in Tausende Meter Tiefe notwendig, die nicht zwangsläufig von Erfolg gekrönt sind. Doch Bohr- und Fördertechnik schreiten voran, und auch die Untersuchungsmethoden werden besser, bei denen mit Hilfe von Schallwellen dreidimensionale Bilder vom Untergrund erstellt werden können.

Wirtschaft in München Bohrung auf der Liegewiese
Geothermie im Michaelibad

Bohrung auf der Liegewiese

Die Stadtwerke sind auf der Suche nach einem Ort, an dem sie heißes Wasser fördern können. Dafür kommt unter anderem die Freifläche des Michaelibads in Frage.   Von Sebastian Krass

Zuletzt lieferte eine solche seismische Untersuchung, die die SWM gemeinsam mit den Geothermie-Betreibern in Pullach und Grünwald anstellen ließen, im Isartal ermutigende Ergebnisse. Von einem "dicken, fetten Potenzial" für ein Geothermie-Kraftwerk war bald die Rede. Am 1. Februar startet der städtische Versorger nun eine weitere Untersuchung in einem 177 Quadratkilometer großen Gebiet im Raum Ottobrunn und Brunnthal, das bis in die Landkreise Ebersberg und Miesbach reicht.

Beim Pressegespräch, das die SWM aus diesem Grund in Brunnthal abhielten, ging Geothermie-Projektleiter Bruss auf die gesamten Pläne der Stadtwerke ein, die bis zum Jahr 2040 umgesetzt werden sollen. Das selbstgesteckte Klimaziel lautet, bis dahin die Fernwärme in der Stadt massiv auszubauen und den Wärmebedarf CO₂-neutral zu decken. Die Stadtwerke arbeiten an vielen Orten daran, über die Geothermie-Kraftwerke in Riem und Freiham hinaus, Alternativen etwa zur Kohleverbrennung im Heizkraftwerk Nord in Unterföhring aufzutun. Der Bau des mit einer Leistung von 50 Megawatt "größten Geothermie-Projekt Europas", wie es Bruss nannte, kommt mitten in der Stadt am Heizkraftwerk Süd gut voran. Bruss sagte, die letzte der sechs Bohrungen stehe kurz vor dem Abschluss. Die Anlage könne den Wärmebedarf von 80 000 Haushalten decken. Eine Anlage in derselben Größenordnung ist in Berg am Laim im Gespräch. Ein Mehrfaches dessen an Leistung wolle man "in den nächsten Jahren im Süden von München erschließen", sagte Bruss. Mit Wärme aus der Geothermie solle die "Basis-Versorgung" der Landeshauptstadt gelingen.

Am weitesten fortgeschritten sind nach dem Projekt am Heizkraftwerk Süd aktuell die Pläne im Isartal, wo die SWM nach der erfolgversprechenden Seismik im Jahr 2018 nun in Baierbrunn ein Kraftwerk errichten wollen. Bei diesem sind laut Bruss ebenfalls sechs Bohrungen geplant und es soll auch eine Leistung von 50 Megawatt haben. Die Beschlüsse zu diesem Vorhaben seien gefasst, sagte Bruss, der genaue Standort stehe noch nicht fest.

Auf bestehende Strukturen können die Stadtwerke im Raum Ottobrunn und Brunnthal bauen, wo jetzt der Untergrund erkundet werden soll. Im Jahr 2016 kaufte das Unternehmen von privaten Betreibern zwei Geothermie-Kraftwerke in Kirchstockach (Gemeinde Brunnthal) und Dürrnhaar (Gemeinde Aying) auf. Gemeinsam mit der Anlage in Sauerlach holen die SWM dort an drei Standorten heißes Wasser aus der Tiefe. Ergänzend dazu übernahmen die SWM mit der Energieversorgung Ottobrunn ein kleines Unternehmen, das kräftig ins Fernwärmenetz in den Stadtrand-Kommunen investiert. Auch ein Biomasse-Kraftwerk in Taufkirchen und das dort angebundene Fernwärmenetz gehören den SWM. Das eigentliche Ziel ist Bruss zufolge allerdings, die drei Kraftwerke auch für die Münchner nutzbar zu machen und eine Verbindung in die Stadt zu schaffen.

Doch bis dahin muss noch einiges geschehen: Kirchstockach und Dürrnhaar produzieren aktuell nur Strom und schöpfen damit, wie Bruss sagte, nicht annähernd ihre Kapazitäten aus. Er kündigte eine Umstellung auf Fernwärme an und sagte, es werde eine Leitung nach München gebaut. Die seismische Untersuchung, sagte Bruss, solle aufzeigen, ob die Leistung der Anlagen mit Hilfe weiterer Bohrungen erhöht werden könne, oder sogar ein weiteres Kraftwerk sinnvoll sei.

© SZ vom 29.01.2020/wean
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