Süddeutsche Zeitung

Mundart-Pop:Heimatsehnsucht

Lesezeit: 3 min

Die Bandgeschichte als Graphic Novel: Die Münchner Band "The Holy Loneliness Collective" macht durch eine Social-Media-Kampagne auf sich aufmerksam. Doch noch niemand hat jemals ein Konzert von ihnen gesehen. Gibt es diese Band überhaupt? Eine Spurensuche.

Von Michael Bremmer

Der Schrecken kam bei der Rückfahrt. Sie hatten sich in München mit ihrer Managerin getroffen, sie wollte ihnen eine Frau von einem größeren Musikverlag vorstellen. Aber dazu kam es nicht - und so saßen sie wieder in der S-Bahn, zurück zu dem Haus, in dem alle Musiker der Band gemeinsam wohnen, eine Band-Kommune. Auf der Bank gegenüber saß ein schräger Kerl, ein Glatzkopf mit abgetragenem Markenanzug und Augenklappe. Er fixierte die Musiker, ließ sie nicht aus den Augen, bis sie ausstiegen. Auch in ihrem Heimatort kam es ihnen vor, als würden sie beobachtet werden. "Und kurze Zeit später tauchte plötzlich wie aus dem Nichts wieder jemand auf. Ein bulliger Kerl mit Bomberjacke und Sonnenbrille." Willkommen bei der Bandgeschichte von The Holy Loneliness Collective.

Seit einigen Monaten taucht die Geschichte dieser Band bei Instagram auf, eine Reihe von gezeichneten Bildern, eine Graphic Novel in den sozialen Medien. Es ist die Geschichte einer Münchner Band, wie man aus einzelnen Episoden schließen kann. Musiker, die allerdings keiner in der Münchner Musikszene kennt - und das, obwohl einige Konzertveranstalterinnen und Musikkritiker der Band in den sozialen Medien folgen. Niemand hat jemals ein Konzert von The Holy Loneliness Collective gesehen. Gibt es diese Formation überhaupt? Und wer steckt dahinter? Eine Spurensuche, die von Bayern nach Norddeutschland führt.

Über einen Link bei Instagram kommt man auf die Spotify-Seite der Band, immerhin drei Songs sind dort zu hören. Gefühlvoller Piano-Pop, die Akustikgitarre im Hintergrund gehalten, die Streicher ebenso, ein bisschen Synthesizer, dezentes Schlagzeug. Eingängig, aber nichts für die große Konzertbühne oder das Formatradio. Die Songs handeln von Traurigkeit, Fehler, von Mariupol - alles in Mundart dargeboten, feinstes Oberbairisch. Bayern-Pop. Könnte passen.

Sucht man im Internet nach The Holy Loneliness Collective, wird man bei der US-amerikanischen Online-Plattform Substack schnell fündig: "Die Geschichte einer Band auf dem Weg zum unvermeidlichen Weltruhm", steht dort - die Storys in Episoden erzählt, als Newsletter verschickt an alle Abonnenten. Und über das Editorial kommt man zu Christoph Klinger, der "kreative Kopf hinter The Holy Loneliness Collective". Er schreibt alle Texte, komponiert und produziert die Musik. Klinger ist Berufsmusiker, Pianist, Komponist, Produzent. Ein Anruf in Hamburg, in seinem Studio.

Gibt es die Band überhaupt? "Das ist eine interessante Frage", sagt Christoph Klinger. "Im virtuellen Raum existiert sie auf eine Weise. Sie hat Social-Media-Profile, man kann mit ihr interagieren, die Musik anhören, die Geschichte verfolgen. Es gibt eben nur keine Entsprechung in der physischen Welt."

Klinger ist 1983 in Tegernsee geboren, aufgewachsen ist er in Rosenheim. Seit seinem sechsten Lebensjahr hatte er Klavierunterricht, in seiner Jugend spielte er in Bands. Nach dem Abitur studierte er Philosophie in Tübingen, zog 2011 nach Hamburg - nicht in erster Linie als Philosoph, er wollte sehen, "ob ich mich dort als Musiker durchschlagen kann". Seitdem hat er in Hamburg sein Studio, arbeitet mit Musikerinnen und Musiker wie Alin Coen oder Fynn Kliemann. Längst ist er angekommen, aber was bleibt, ist die "Heimatsehnsucht des Exilbayers", sagt er. Und so hat er sich mit seiner "Herzensmusik" ein Stückchen Oberbayern nach Hamburg geholt.

Aber ohne die Möglichkeit auf Konzerte ist es schwer, auf sich und seine Musik aufmerksam zu machen. Bleiben die sozialen Medien - aber damit kann Christoph Klinger wenig anfangen, wegen der Selbstdarstellung, die dort von Künstlern verlangt wird. Und letztendlich war es genau diese Abneigung, die ihn auf die Idee einer Band-Graphic-Novel brachte. Sein Ansatz: "Dann lieber gleich eine fiktive Geschichte erzählen. Und eine Band mit verschiedenen Charakteren und den daraus resultierenden Konflikten eignet sich einfach besser für eine spannende Geschichte."

Die Leser haben die Möglichkeit, auf den Verlauf der Geschichte einzuwirken - und dank der Zeichnungen von Franziska Blinde entsteht hier eine spannende Fantasy-Geschichte, die weit über die Musik hinaus reicht. Werden am Anfang noch die einzelnen Bandmitglieder vorgestellt, bekommt das Ganze eine Eigendynamik. In der Bibliothek - ein Zimmer, das sonst nie jemand betritt - liegt plötzlich ein kleines Büchlein auf dem Tisch, auf der aufgeschlagenen Seite eine geheimnisvolle Botschaft. Es gibt okkulte Zeichen, nächtliche Drückgeister, Halluzinationen durch im Wald gesammelte Pilze, das Syndikat - und dann diese zwielichtigen Gestalten, in der Bahn, im Heimatort: "Seit gestern gibt es nun leider ein weiteres Kapitel in dieser ganzen unglückseligen Geschichte. Till war abends noch zum Baumarkt geradelt, um Brennholz zu holen. Als er zurückkam, war er übel zugerichtet. Dreckig und schlammbeschmiert kam er humpelnd zur Tür herein. Sein Gesicht verquollen und irgendwie asymmetrisch, die Lippe aufgeplatzt, hellrotes Blut lief ihm übers Kinn. Und auf der rechten Wange ein hässlicher schwarzer Fleck, fast wie ein Brandmal."

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