Dunkle Silhouetten schimmern hinter einem Vorhang. Ihre Bewegungen fließen, begleitet von rhythmischen Beats und wechselndem Licht. Es ist ein Spiel mit Tanz und Schatten – ganz ohne Worte. Es geht um „Liebe“, so der Titel des Stücks. Nur die Musik gibt die Dynamik der Szenen vor.
Auf der Bühne der Pasinger Fabrik stehen acht junge Menschen aus Uganda, Afghanistan, Somalia und der Ukraine. Sie sind Geflüchtete. Sie haben die Schattenseiten des Lebens erfahren müssen. Das „Theater Grenzenlos“ ermöglicht ihnen, ihre traumatischen Erfahrungen mit ihrem Körper auf der Bühne auszudrücken.
Es ist ein soziales Projekt. So will es der Regisseur Viktor Schenkel verstanden wissen. Aber es ist auch die ungeheure Kraft des Schauspiels zu spüren. Begonnen mit dem Projekt hat Viktor Schenkel im Jahr 2015, als er in der Nähe eines Münchner Ankunftshauses für Geflüchtete arbeitete. Aus einem Impuls heraus begann er ein Theaterprojekt als Integrationsmaßnahme aufzubauen. Er wollte jungen Menschen helfen, in der Gesellschaft anzukommen. Angefangen haben sie mit Maskenspiel und Schattentheater.
Licht und Schatten – bis heute stilprägende Elemente.
„Wir stellen fest, dass traumatisierte Menschen sehr versteifen. Sie können das durch Körperarbeit, Bewegung und Tanz lösen“, sagt Schenkel. Heute tanzen sie über die Bühne, passen sich aneinander an. Das Publikum fühlt die Verbindung der Geflüchteten, die sie im Spiel aufbauen.
„Wenn sie den Schmerz und die Emotionen spüren, agiert der Körper automatisch richtig“, sagt Schenkel. Und man merke die Veränderung schnell bei den jungen Laiendarstellern und Laiendarstellerinnen: Viele hätten beispielsweise vor dem Projekt noch zitternd an der Tafel in der Schule gestanden und später aber mehr Selbstbewusstsein aufgebaut und gelernt, sich im Alltag zu behaupten.
Mittlerweile erkennen sie alle ihre Stärken. „Ich möchte diese Talente sichtbar machen, die in jedem schlummern und ans Tageslicht bringen“, erklärt Schenkel seine Arbeit. Er habe viele solcher herzzerreißende Erfolgsgeschichten erlebt.
Das Ensemble wechselt regelmäßig. Die Geflüchteten sind meist in einem Alter zwischen 14 und 27 Jahren. Neue Stücke werden jedes Jahr gemeinsam entwickelt und greifen die Lebenserfahrung der jungen Menschen auf. Das aktuelle Stück „Liebe“ handelt von der Frage, was passiert, wenn Menschen ihre Herzen füreinander öffnen und sich aufeinander einlassen. Damit wird das zehnjährige Bestehen des „Theaters Grenzenlos“ gefeiert.
Das junge Ensemble bringt die Liebe an mehrere Orte Bayerns, aktuell sind sie an mehreren Tagen in München, im Gasteig HP8 und Schwere Reiter. Es sei das erfolgreichste Stück des Theaters bisher, sagt Schenkel. Die Zuschauerzahlen wachsen beständig. Gefördert wird das Projekt vom Bayerischen Innenministerium.

Als zentrale Figur steht eine junge Frau im rosa Kleid auf der Bühne, verkörpert von Hasifah Nakitende. Die Handlung: Durch ihre Lebensfreude und Natürlichkeit öffnet sie die Herzen einer vereinsamten Dorfgesellschaft. Das Stück besteht aus unterschiedlichen Szenen, die auch für sich stehen können. Die Frau im rosa Kleid zieht sich aber wie ein roter Faden durch die Geschichte. Die Stimmung wechselt in jeder Szene, man trauert in manchen Momenten, in anderen ist man gerührt von den Berührungen der Liebenden, die sich gefunden haben.
Den aktuell aufkommenden Rassismus und die Spaltung der Gesellschaft bekommen Schenkel und sein Ensemble mit. Die Lage beschäftigt sie. Zwar haben sie nicht den Anspruch, ein politisches Theater zu sein. In Zukunft versuchen die Theaterschaffenden aber mit ihrer Arbeit weiter gegen diese Entwicklung zu halten. Als Nächstes ist das Stück „Wurzeln im Wind“ geplant. Es soll um Mut, Hoffnung und Neuanfang in der Fremde gehen.
Für „Liebe“ gibt es noch weitere Termine in München an verschiedenen Bühnen, 10. & 11. November/ 8. & 9. Dezember / 12. Januar 2026, weitere Informationen unter www.theater-grenzenlos.org/home.html

