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Holocaust:"Man muss den Anfängen wehren"

Lebte als Kind in München: Henry Brandt, hier 2016 in Hannover.

Lebte als Kind in München: Henry Brandt, hier 2016 in Hannover.

(Foto: Ilse Paul)

Zum Gedenktag an die Opfer der Schoah berichtet der 93-jähriger Rabbiner Henry Brandt von seiner Kindheit in München - und antwortet deutlich auf eine Zuhörerfrage.

Von Jakob Wetzel

Henry Brandt spricht ganz ruhig. Er sei Zeuge und werde berichten, wie es wirklich für ihn gewesen ist, sagt er. Und das München der Dreißigerjahre habe er eben mit den Augen eines Kindes gesehen. Der Horror des Holocaust sei ihm erst später klar geworden, als er Überlebende getroffen habe, sagt der 93-jährige Rabbiner. Seine Kindheit aber sei nur zum Teil beschwert gewesen. Seine Eltern hätten viel Schlechtes von ihm und seinem älteren Bruder ferngehalten.

Selbst die Flucht 1939 nach Palästina habe er ein Stück weit als Abenteuer erlebt. Und doch sei da diese Lücke geblieben. "Was einem als Kind entrissen wird, ist oft etwas, das man sein Leben lang sucht", sagt Brandt. Er meint das Leben in München, speziell die Gottesdienste in der 1938 zerstörten Synagoge an der Herzog-Max-Straße. Er habe in vielen Ländern nach einem Äquivalent gesucht, sagt er. Doch er habe kaum eines gefunden.

Brandt wäre gerne persönlich nach München gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Fünf Veranstalter hatten ihn ins Jüdische Museum eingeladen: neben dem Museum die Evangelische Stadtakademie, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom und die Europäische Janusz Korczak Akademie. Die Pandemie hat das verhindert.

Und so sitzt Brandt am Montagabend in der Schweiz, seine Zuhörer sieht er vor sich auf dem Monitor, ebenso seinen Gesprächspartner Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv. Er habe zum ersten Mal in seinem Leben zu einer Wand gesprochen, witzelt Brandt danach. Die Situation habe aber auch ein Gutes, sagt Jutta Höcht-Stöhr, Leiterin der Stadtakademie: So konnten mehr als 260 Menschen zuhören, mehr als im Museum Platz gefunden hätten.

An diesem Mittwoch ist es 76 Jahre her, dass die Rote Armee das KZ Auschwitz-Birkenau befreite; der 27. Januar ist internationaler Gedenktag an die Opfer der Schoah. Die Pandemie erschwert Veranstaltungen; dennoch steht Brandts Bericht nicht alleine. Die "Initiative 27. Januar" etwa lädt diesen Mittwoch ab 19.30 Uhr zum virtuellen Gedenkakt unter anderem mit der 99-jährigen Schoah-Überlebenden Margot Friedländer; das Gespräch wird unter anderem auf Facebook und Youtube übertragen.

Und das Münchner NS-Dokuzentrum zeigt an seiner Fassade bis 14. Februar eine Projektion der Videokünstlerin Betty Mü. Die Installation ist am Abend bis 21 Uhr zu sehen und - wie die zurzeit nicht zugängliche aktuelle Wechselausstellung - Heimrad Bäcker gewidmet. Der 2003 verstorbene österreichische Schriftsteller hatte versucht, das Grauen des Holocaust mit historischen Textfragmenten zu greifen.

SA-Schläger und die Gestapo verschleppten den Vater ins KZ, doch er kam wieder frei

Henry Brandt sagt am Montag, er habe vieles erst im Rückblick verstanden. 1927 in München geboren, ging der kleine Heinz auf die Simmernschule in Schwabing, später auf eine Realschule nahe der heutigen Münchner Freiheit. Sein Vater führte zwei Schuhgeschäfte. Wie er geschäftlich drangsaliert wurde, bekam der Bub nicht mit. Er habe natürlich jene Zeitungskästen gesehen, in denen der Völkische Beobachter ausgestellt war und der Stürmer. "Aber als Kind haben wir uns von den Karikaturen im Stürmer nicht angesprochen gefühlt", sagt Brandt. "Das waren nicht wir."

Zwei Momente ragten aus seiner Erinnerung dunkel hervor, sagt der Rabbiner heute: Erstens der Abriss der Hauptsynagoge im Juni 1938. Für den Vater sei damals die Welt zusammengebrochen. Es werde nicht so schlimm kommen, die Wehrmacht werde das verhindern, der Vater war ja Frontsoldat im Weltkrieg gewesen - alle diese Illusionen waren zerstört. Es gab nur noch ein Ziel: die Auswanderung. Der zweite Moment kam in der Pogromnacht, am 10. November 1938 um vier Uhr morgens. SA-Schläger und ein Gestapo-Beamter verschleppten den Vater ins KZ Dachau. Nach sechs Wochen kam er frei, um seine Läden zu verkaufen. Das Geld wurde später beschlagnahmt.

Im Jahr darauf gelang der Familie die Ausreise, mit Glück: Der britische Generalkonsul stellte rasch Transitvisa aus, weil es gefährlich werde, erinnert sich Brandt. Später erfuhr er: Sein Cousin Gerhard hatte dieses Glück nicht; er wurde 1940 im KZ Dachau ermordet.

Brandt, seine Eltern und sein Bruder gelangten 1939 über England nach Palästina. Henry diente in der israelischen Armee, studierte Ökonomie in Nordirland, wurde in London zum Rabbiner ausgebildet und arbeitete danach in der Schweiz, in Skandinavien, seit den 1980er-Jahren auch wieder in Deutschland.

Ob München genügend über die Verbrechen der Nazis aufkläre, fragen Zuhörer Brandt am Ende. Die Stadt tue vieles, aber er wisse es nicht, er habe keinen Überblick, antwortet er. Dann wird er deutlich: Wenn gelogen und gehetzt werde, habe das mit Meinungsfreiheit nichts zu tun. "Man muss den Anfängen wehren", sagt Brandt. "Nicht nur quatschen."

© SZ vom 27.01.2021/wean
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