Olympia-Attentat 1972Der Sohn des zwölften Opfers mahnt

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Gedenken am 2017 eröffneten Erinnerungsort Olympia-Attentat: (von rechts) Clemens Baumgärtner (CSU), Charlotte Knobloch, Generalkonsulin Talya Lador-Fresher und Polizeipräsident Thomas Hampel.
Gedenken am 2017 eröffneten Erinnerungsort Olympia-Attentat: (von rechts) Clemens Baumgärtner (CSU), Charlotte Knobloch, Generalkonsulin Talya Lador-Fresher und Polizeipräsident Thomas Hampel. Robert Haas

Die Stadt gedenkt der Athleten und eines Polizisten, die 1972 beim Olympia-Attentat auf die israelische Mannschaft ermordet wurden. Doch der 5. September steht auch für weitere Terror-Taten.

Von Ulrike Heidenreich

Der 5. September – ein Datum, das für die israelische Generalkonsulin, die in München lebt und arbeitet, mit drei Geschehnissen verbunden ist.

Es ist der Jahrestag des Anschlags auf das NS-Dokuzentrum am Königsplatz und auf das benachbarte Generalkonsulat. Am 5. September 2024 schoss ein Attentäter aus Österreich auf beide Gebäude. Nach Ansicht der Ermittler war der Anschlag israelfeindlich motiviert.

Am Freitag, 5. September 2025, denkt Generalkonsulin Talya Lador-Fresher auch an eine andere Zahl: „An 700 Tage, die unsere Geiseln nach der Terrorattacke der Hamas in deren Gewalt sind.“

Und dann ist da der 5. September 1972. Der Tag des Olympia-Attentats in München während der Sommerspiele. Bei dem Überfall der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ auf die israelische Olympiamannschaft waren elf Sportler und ein Polizist umgebracht worden. Fünf der acht Terroristen wurden in der Nacht zum 6. September bei einem gescheiterten Befreiungsversuch der Polizei auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck getötet.

53 Jahre später setzt sich bei strömendem Regen am Freitag im Olympiadorf eine große Gruppe von Menschen in Bewegung, um der Opfer des Anschlags zu gedenken. Man beginnt in der Connollystraße 31. Es liegen Kränze vor dem Haus, in dem jetzt das Gästehaus der Max-Planck-Gesellschaft untergebracht ist. Damals, am 5. September, waren die acht Terroristen in den frühen Morgenstunden in das olympische Dorf eingedrungen und gezielt hierhergelaufen, zum Quartier der israelischen Sportler. Zwei der Athleten, die sich ihnen widersetzten, töteten sie sofort.

In hebräischen und lateinischen Buchstaben stehen die Namen der ermordeten Sportler eingraviert: David Berger, Seew Friedman, Josef Gutfreund, Elieser Halfin, Josef Romano, Amizur Shapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Andre Spitzer, Jaakow Springer, Mosche Weinberger. Auf dem Stein liegen viele kleine Steine – ein Gruß der vielen Besucher dieser Gedenkstätte, der ausdrückt, dass sie hier waren und die Verstorbenen nicht vergessen werden.

Unter den Vertretern der Stadtgesellschaft, die zum Gedenken verschiedene Erinnerungsorte im Olympiapark besuchen – von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Münchens Polizeipräsident Thomas Hampel, Katja Tsafrir vom Jüdischen Nationalfonds bis zur Generalkonsulin – ist auch Alfred Fliegerbauer, 57 Jahre alt. Er war vier, als sein Vater, der Polizist Anton Fliegerbauer, im Schusswechsel auf dem Flugplatz starb. Er hat eine Stiftung gegründet, die traumatisierte Kinder unterstützt. „Ich spreche hier als Sohn des zwölften Opfers zu ihnen“, sagt er,  „ich versuche Kindern, jene Unterstützung zu geben, die ich mir damals gewünscht hätte.“ Erinnern und Kränze ablegen reiche nicht.

Der Weg führt zum Klagebalken, einer Skulptur des Bildhauers Fritz Koenig. Im Zuge der zögerlichen Aufarbeitung des Olympia-Attentats wurde es 1995 enthüllt. Der zehn Meter breite Granitbalken trägt in hebräischer Schrift die Namen der Ermordeten. Hier sind es wieder die kleinen Steine, die die Teilnehmer in den Buchstaben ablegen. Um sie herum ein großes Polizeiaufgebot.

Der Klagebalken im Olympiapark ist ein zehn Meter breiter Granitstein von Fritz Koenig.
Der Klagebalken im Olympiapark ist ein zehn Meter breiter Granitstein von Fritz Koenig. Robert Haas
Berittene Polizei und viele Sicherheitsbeamte in Zivil schützen die Gedenkveranstaltung in Sichtnähe des Attentatsortes von 1972.
Berittene Polizei und viele Sicherheitsbeamte in Zivil schützen die Gedenkveranstaltung in Sichtnähe des Attentatsortes von 1972. Robert Haas

Werner Karg, Referatsleiter für Erinnerungskultur im bayerischen Kultusministerium, sagt später, dass sich dieser Granitstein quer stelle – mitten im Olympiapark, „einem bedeutenden Gesamtkunstwerk der Nachkriegszeit“. Die gesamte Landschaft sei gestaltet, solle etwas Weiches darstellen, und „alles, was mit dem Brutalismus der Olympischen Spiele verbunden war, ändern“.

Hart ist der Einschnitt, in den in diesen weichen Hügeln der Erinnerungsort Olympia-Attentat platziert wurde. Der Pavillon mit Videoinstallationen war 2017 eröffnet worden. Generalkonsulin Lador-Fresher sagt, dies sei „einer der besten Gedenkorte, die ich kenne. Er ist zugänglich, er ist modern“. Die israelische Diplomatin kennt sehr, sehr viele Gedenkorte.

Am Tag zuvor war Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nach Tel Aviv gereist und hatte eine neue Gedenktafel für die Opfer enthüllt. Mit der Tafel wolle man ein sichtbares Zeichen gegen Hass, Antisemitismus und Terrorismus setzen. Die Tafel hat ihren Platz vor der Jugendherberge, die in den 1980er-Jahren von den Städten München und Tel Aviv als Gemeinschaftsprojekt gebaut wurde.

In München stehen weitere Gedenkveranstaltungen an. So wird etwa die evangelische Kirchengemeinde im Olympiadorf am 7. September einen Gedenksonntag gestalten. In seiner Predigt, so die Ankündigung, werde Regionalbischof Thomas Prieto Peral mehr „Aufmerksamkeit für die Schattenseiten der eigenen Geschichte auch nach 1945“ verlangen. Dazu gehöre auch das Versagen von 1972 sowie der Antisemitismus, „der in Deutschland nie verschwunden ist und heute wieder wuchert wie ein Geschwür“.

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