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Pasta, Pita und Politik:Wie Migranten die Münchner Gastronomie prägten

Das griechische Restaurant Kyklos bietet gehobene griechische Küche, es liegt Nahe der Donnersbergerbrücke in einer ruhigen Seitenstraße.

Die Restaurants, Bars und Gaststätten erzählen auch politische Geschichten und Schicksale. So wurde die griechische Taverne Kyklos in Neuhausen ein Widerstandsnest gegen das zwischen 1967 und 1974 in Griechenland herrschende Obristenregime.

(Foto: Robert Haas)

Das arbeitet ein neues Buch auf. Die Restaurants und Bars wurden zu Treffpunkten von Landsleuten und zu Sehnsuchtsorten für Einheimische.

Von Franz Kotteder

Eigentlich kommt dieses Buch ja sehr zur Unzeit: In einem Jahr, in dem die Gaststätten und Bars dauernd zusperren müssen, wegen der Pandemie. Wer interessiert sich für Lokale, die man ohnehin nicht aufsuchen kann? Andererseits: Hier kann man nachlesen, was einem alles fehlt. Und man kann erkennen, dass ein Lokal dann doch nicht nur ein Ort ist, wo man seinen Hunger bekämpft und seinen Durst löscht. Sondern er ist natürlich viel mehr: ein Ort, an dem man Bekannte trifft, Erinnerungen austauscht und wieder neu zum Leben erweckt, ein Hauch von Heimat eben.

Das trifft natürlich besonders zu auf Lokale, die sich auf Speisen aus fremden Ländern spezialisiert haben. Wer hier geboren ist und lebt und schon mal anderswo gewesen ist, der wird dort an seinen Urlaub erinnert. Und wärmt im Normalfall schöne Erinnerungen auf. Wer aber anderswo geboren wurde und gekommen ist, um hier zu leben, der wird in solchen Gaststätten ein Stück vermisste Heimat wiederfinden, sich also ebenfalls wohlfühlen. Und vielleicht wird er hier auch Bekannte aus der alten Heimat wieder treffen, die ihm den Aufenthalt in der neuen Heimat etwas erleichtern und beim Knüpfen von Netzwerken helfen.

Genau darum geht es in dem Buch mit dem etwas komplizierten Titel "Zwei Kugeln süß-sauer mit scharf! - Münchens migrantisch geprägte Gastronomie" (Allitera Verlag, 192 Seiten, 29 Euro). Es ist letztlich das (Teil-)Ergebnis eines Arbeitsschwerpunkts, den das Stadtmuseum und das Stadtarchiv vor sieben, acht Jahren noch von der letzten rot-grünen Rathausmehrheit verpasst bekam: die Geschichte der Migration in der Stadt aufzuarbeiten. In München, das lange den höchsten Anteil an Migranten von allen deutschen Großstädten hatte, war das ein lange vernachlässigtes Thema. Umso interessanter ist nun die Aufarbeitung.

Im Stadtmuseum hat der Aspekt der Gastronomie leider nie zu einer richtigen Ausstellung geführt. Es blieb, wohl aus Kostengründen, nur bei einer etwas verschämten Präsentation im Treppenhaus des Museums. Obwohl es eine ganze Menge hübscher Schaustücke gegeben hätte - das kann man aus den Abbildungen im nun erschienenen Buch erkennen. Die beiden Herausgeberinnen Vivienne Marquart und Clara Sterzinger-Killermann haben damit einen interessanten Einblick in Münchner Zeitgeschichte vorgelegt, der weit hinausgeht über das Interesse an einer bestimmten Wirtschaftsbranche, in diesem Fall der Gastronomie. Die ausländischen Spezialitätenlokale in der Stadt sind oft verknüpft mit einer längeren Geschichte - so gibt es italienische Eisdielen schon seit dem 19. Jahrhundert in der Stadt, daher auch die "zwei Kugeln" im Titel des Buchs.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs dann die Zahl der italienischen Speiselokale rasant an, eine Folge des Wirtschaftswunders und der sogenannten "Gastarbeiter", die von der deutschen Industrie in großer Zahl angeheuert wurden. Arbeitssuchende aus dem Ausland waren überhaupt sehr oft die Gründer neuer Gaststätten in München. Wie sich dieser Wandel in der Gasthauskultur der Stadt vollzieht, erläutert Andreas Heusler in seinem Beitrag "Zwischen Leberkäs und Falafel" am Beispiel der Augustenstraße im Verlauf der vergangenen 100 Jahre. Ganz nebenbei wird dabei auch deutlich, wie sich die Lokale vom Wohnzimmer für die Nachbarschaft teilweise zu Abholstationen für Mahlzeiten und Imbisse gewandelt haben, oft auch schon vor Corona. Wo sich vor 100 Jahren zehn Wirtshäuser fanden, sind es heute nicht weniger als 42 Lokale, Bars, Cafés und Schnellrestaurants.

Aber die Restaurants, Bars und Gaststätten erzählen auch politische Geschichten und Schicksale - sei es wegen ihrer Inhaber, sei es wegen der Menschen, die sie besuchen. Im Buch ist das der Ausgangspunkt vieler Beiträge. So erzählt Clara Sterzinger-Killermann davon, wie der Kebapladen Türkitch in der Humboldtstraße für die türkische Küche der zweiten Generation an Einwanderern steht, für die türkischen Deutschen also, die hier geboren sind. Hier erklärt sich dann auch das "mit scharf" im Buchtitel, denn so bestellt man selbstverständlich korrekt einen Döner.

Die ersten türkischen Restaurants in München, wie das Yol im Dreimühlenviertel, waren eigentlich eher kurdische. Denn viele kurdische Türken waren auf der Flucht vor der Unterdrückung nach Zentraleuropa gekommen. Auffallend ist auch, dass die ersten Lokale oft tatsächlich von Leuten eröffnet wurden, die aus politischen Gründen nicht mehr in ihre Heimat zurückkonnten oder wollten. So war die 1972 eröffnete griechische Taverne Kyklos in der Wilderich-Lang-Straße in Neuhausen geradezu ein Widerstandsnest gegen das zwischen 1967 und 1974 in Griechenland herrschende Obristenregime - und nicht das einzige, wie Simon Goeke in seinem Beitrag über die griechischen Restaurants ausführt.

Ähnliches lässt sich über das Centro Español in der Daiserstraße in Sendling sagen. 1969 machte es auf und war erst ein Treffpunkt spanischer "Gastarbeiter", die der Franco-Diktatur sehr kritisch gegenüberstanden, weil sie links waren - eine Art Selbsthilfeeinrichtung, in der Beratungsgespräche stattfanden, diskutiert und gestritten wurde, wo Schach- und Kartlerrunden sich trafen, und wo es auch Speisen aus der Heimat gab. Philip Zölls erzählt im Buch seine Geschichte, die in der schönen Pointe endet, dass das Centro inzwischen praktisch nur noch ein Restaurant ist, und die sozialen Veranstaltungen sich zur Caritas nach Neuhausen verlagert haben.

Was aktuelle Entwicklungen angeht, so sind die mit einem Beitrag von Agnes Stelzer über die jugoslawische Kneipenszene im Westend etwas ausführlicher vertreten. Dabei wäre es durchaus interessant gewesen, den erstaunlichen Boom der vietnamesischen Restaurants in der Stadt zu beleuchten. Aber vielleicht sind die ja dran, falls das Stadtmuseum vom Rathaus doch noch eines Tages Geld für eine richtige Ausstellung bekommen sollte.

© SZ vom 30.12.2020/baso
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