Gastronomie in München:Der Klimaschutz beginnt am Mittagstisch

Lesezeit: 4 min

Gastronomie in München: Bei "Noon Food" gibt es wiederverwendbares To-Go-Geschirr. Geschäftsführer Jan Osterwalder und Jessica Kubot haben damit unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Bei "Noon Food" gibt es wiederverwendbares To-Go-Geschirr. Geschäftsführer Jan Osterwalder und Jessica Kubot haben damit unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nur rund zehn Prozent der Gastronomen in der Stadt nutzen Mehrweggeschirr. Die Stadt fördert das Konzept nun auch finanziell. Aber auch wer Essen bestellt, muss Initiative zeigen - und am Ende die Teller rechtzeitig zurückbringen.

Von Nadja Tausche

"Was der Kunde möchte, das machen wir." Jessica Kubot erinnert sich, dass mehrmals Kunden bei "Noon Food", wo sie arbeitet, nach Mehrweggeschirr gefragt hätten - vor gut einem Jahr habe man sich deshalb entschieden, in das Pfandsystem von Recircle einzusteigen.

In der Filiale in Gräfelfing machen die wiederverwendbaren Boxen mittlerweile 70 Prozent des To-Go-Betriebs aus, schätzt Kubot. Am Ostbahnhof gebe man immerhin noch etwa 40 Prozent der Bestellungen in Mehrwegboxen aus - aber in der Filiale an der Hofmannstraße in Obersendling werde das Konzept überhaupt nicht angenommen.

Kubot erklärt sich das mit der Lage: "Noon Food" hat sich auf Mittagessen für Unternehmen spezialisiert, in Gräfelfing sei die Lage im Industriegebiet praktisch. Auch Mundpropaganda sei wichtig: "Wenn es einer in der Abteilung nutzt, dauert es nicht lange, dann haben es andere auch", sagt sie. Das Prinzip ist einfach: Wer Essen bestellt, bezahlt zehn Euro Pfand pro Schüssel und fünf Euro pro Becher, beim nächsten Besuch gibt man das Geschirr wieder ab und bekommt das Geld zurück.

Neu ist die Idee nicht: Wer Essen im Restaurant abholt oder es sich nach Hause liefern lässt, nutzt statt Einwegschachteln aus Plastik, Alu oder beschichtetem Papier wiederverwendbare Schalen. Für die Kunden ist das Ganze kostenlos. Von kommender Woche an fördert die Stadt München das Konzept auch finanziell: Gastronomen können dann bis zu 500 Euro beantragen, wenn sie sich an einem der in München etablierten Mehrwegsysteme beteiligen. Neben Recircle sind das Recup, Tifin, Vytal und Relevo, Ketten sind von der Förderung ausgenommen.

Das Potenzial ist groß: Das Umweltreferat der Stadt geht in seinem Beschlusspapier von etwa 8000 Betrieben aus, die Speisen und Getränke zum Mitnehmen anbieten. Davon nutzen 700 bis 800 Mehrwegsysteme, schätzen die Anbieter - also nur rund zehn Prozent.

Für Kunden ist das System kostenlos

Zusätzlich zur Förderung hat die Stadt eine Internetplattform aufgesetzt und zwei Infoveranstaltungen sowie eine Sprechstunde eingerichtet, um Gastronomen und Einzelhändlerinnen zu schulen, erklärt Gesine Beste, Sprecherin im Referat für Klima- und Umweltschutz.

Spätestens im kommenden Jahr muss sich die Gastronomie dann ohnehin Gedanken zum Thema Mehrweg machen: Vom 1. Januar 2023 an verpflichtet das neue Verpackungsgesetz Restaurants, Lieferdienste und Caterer deutschlandweit dazu, alternativ zu Einwegverpackungen Mehrweg-Alternativen anzubieten.

Zuvorgekommen ist dem Gesetz Roberto Careri. Seit Februar 2021 können sich Kunden seines Restaurants "Der Sizilianer Trinacria" an der Balanstraße ihr Essen in Mehrweggeschirr ausgeben lassen. Das tun mittlerweile 60 Prozent: "Ich bin zufrieden mit der Nachfrage", sagt Careri. In Haidhausen seien die Menschen beim Thema Umweltschutz sensibler als anderswo, glaubt er.

Careri beteiligt sich am System von Relevo: Die Kunden bezahlen dabei kein Pfand, sondern scannen die Schüsseln per QR-Code und haben dann zwei Wochen Zeit, sie zurückzubringen. Probleme mache dabei das Funkloch, in dem sein Restaurant liege, erzählt Careri. Auch die Größe der Gefäße sei für ihn nicht optimal, sie seien entweder zu groß oder zu klein. Den Zuschuss der Stadt will er beantragen, die Idee finde er super, sagt er.

Gastronomie in München: Küchenchef Eckard Scholz verwendet im Gasthaus Rumpler ebenfalls Mehrweggeschirr.

Küchenchef Eckard Scholz verwendet im Gasthaus Rumpler ebenfalls Mehrweggeschirr.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nicht ganz so überzeugt von der Förderung ist Eckard Scholz, Küchenchef im Gasthaus Rumpler. 500 Euro machten keinen großen Unterschied, gibt er zu bedenken: "Wer jetzt kein Pfandsystem hat, wird es sich mit der Förderung auch nicht holen." Relevanter sei der Kundendruck. Auch beim Rumpler nutzt man das Pfandsystem von Relevo - und ist damit zufrieden.

Das Lokal zahlt pro verliehenes Teil zwölf bis 25 Cent. Das sei zwar teurer als Einweg, aber nicht viel, sagt Sch0lz. Und es gebe einen positiven Nebeneffekt: Kunden können das Geschirr in allen Restaurants zurückgeben, die das Pfandsystem nutzen - das nutze der eine oder andere Kunde, um ein neues Lokal auszuprobieren. Nachteil sei die Rückgabefrist: Wer sein Geschirr nach zwei Wochen nicht zurückgegeben hat, zahlt zehn Euro pro Schale. Er kenne Leute, die mehrere Schalen ausgeliehen und dann den Termin versäumt hätten - die seien "schon sehr verärgert", erzählt Scholz.

"München ist eine der stärksten Städte für Mehrweg in Deutschland"

Die Strafzahlung nennt man bei Relevo Klimagebühr und sagt, ohne sie funktioniere das System nicht. Mehrweggeschirr sei nur dann umweltfreundlicher als die Einwegversion, wenn die Schalen wieder in Umlauf gebracht würden: "Sonst müssen wir klimaschädlich nachproduzieren", erklärt Matthias Potthast, einer der Gründer.

Im Februar 2020 haben sie das Münchner Start-up ins Leben gerufen, hier arbeitet Relevo mittlerweile mit 300 Gastronomen zusammen. "München ist eine der stärksten Städte für Mehrweg in Deutschland", sagt Potthast: Das liege unter anderem daran, dass neben Relevo auch die Firma Recup an der Isar ihren Sitz habe. Die Bereitschaft für Mehrweg sei in der Corona-Pandemie deutlich gestiegen, sagt Potthast.

Wie oft man Mehrweggeschirr benutzen muss, damit es besser für die Umwelt ist als Einwegverpackungen, kann man schwer verallgemeinern. Das hänge etwa davon ab, wie viel Wasser beim Spülen im Betrieb verbraucht werde, erklärt Katharina Istel vom Naturschutzbund Deutschland. Auswirkungen auf die Klimabilanz habe auch, ob das Geschirr mit dem Auto oder etwa mit Lastenfahrrädern transportiert werde. Und nicht zu vernachlässigen: das Material. Glas gehe schnell kaputt, Edelstahl sei quasi unzerstörbar, dafür aber in der Produktion aufwändig.

Ein guter Kompromiss sei Hartplastik, sagt Istel. Mehrwegbecher lohnen sich bereits ab der zehnten Nutzung, nach 25 Mal sei der Unterschied zum Einwegbecher dann deutlich, sagt sie: Das könne man grob auf Geschirr übertragen. Wichtig sei, die Behälter lange zu nutzen: "Das Geschirr rauszunehmen, sobald es einen Kratzer hat, ist nicht Sinn der Sache."

Die mitgebrachte Einkaufstasche im Supermarkt hat sich etabliert

Um Müll zu vermeiden, lohnt sich Mehrweggeschirr dagegen sofort. Wie viel Müll jedes Jahr durch Einwegverpackungen entstehen, wird für München nicht gesondert erhoben. Das Umweltreferat geht von 4800 Tonnen pro Jahr aus - die Schätzung beruht auf Zahlen des Naturschutzbundes für ganz Deutschland. Die stammen allerdings von 2017, durch die Pandemie dürfte das Müllaufkommen noch einmal gestiegen sein. Wie sich das ändern lässt?

Pfandsysteme müssten bekannter werden - da sind sich alle, die man fragt, einig. Kunden sollten die Mehrwegschalen von sich aus einfordern, sagt Jessica Kubot: "Wenn mittags 50 Leute vor dir stehen und einfach Essen wollen, ist aktiv nachfragen schwierig." Katharina Istel sagt, auch bei der mitgebrachten Einkaufstasche im Supermarkt habe es gedauert, bis die sich etabliert habe. "Da sind wir beim To-Go-Essen noch lange nicht."

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