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Freischankflächen:Münchens neue Straßen-Gastronomie

Sogar einen Teppich haben sie vor dem München 72 auf die Straße gelegt.

(Foto: Privat)

Überall entstehen derzeit provisorische Freischankflächen auf Parkplätzen, Terrassen werden vergrößert, Bänke und Tische liebevoll hergerichtet. Doch nicht jeder, der gern erweitern möchte, darf das auch.

Von Laura Kaufmann und Franz Kotteder

Manchmal kann aus einer Krise auch etwas Positives hervorgehen. Und Dominique Bras dit Nugues sieht gerne die guten Seiten. Eine größere Terrasse zum Beispiel hat er sich immer gewünscht für sein französisches Lokal in Haidhausen. Jetzt darf er vor dem Le Faubourg zwei Parkplätze dafür nutzen. "Wir haben eine schöne kleine Terrasse hingebaut, aus Holz und mit vielen Blumen", sagt der Restaurantleiter. Von außen ist das Le Faubourg schon immer ein Hingucker gewesen, romantisch rankt sich der Blauregen um Eingang und Fenster. Fünf Tische auf dem Gehweg hat Bras dit Nugues normalerweise, mit Abstandsregel wäre da kaum etwas übrig geblieben. Auf der Parkplatzfläche kann er nun zwölf Gäste zusätzlich bewirten. "Bei schönem Wetter ist das eine große Hilfe", sagt der Wirt. "Wir sind sehr dankbar, dass die Stadt das ermöglicht hat."

Am 25. Mai hat das Kreisverwaltungsreferat (KVR) die ersten Anträge auf größere Terrassen genehmigt, um der Gastronomie über den Sommer zu helfen. Bislang, sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer, ging es bei 179 Anträgen um Parkplatzflächen und bei 247 um eine Erweiterung bisheriger Freischankflächen. Genehmigt seien 236 Anträge, 153 würden noch bearbeitet. 71 Anträge habe man ablehnen müssen.

"Die Leute wollen unbedingt raus im Moment", sagt Tom Zufall, der das Lokal München 72 am Holzplatz im Glockenbachviertel betreibt. Viele sind trotz der Hygienemaßnahmen noch vorsichtig, was den Besuch von Gaststätten anbelangt - aber auf einer Terrasse fühlen sich die meisten wohl. Mittlerweile kämen einige auch wieder herein, sagt Zufall. Noch nicht so viele wie vorher, aber es gibt ja auch nicht so viele Plätze wie vorher. Draußen hingegen muss das München 72 dank Parkplatzerweiterung jetzt trotz lockerer Bestuhlung auf keinen Platz verzichten. Zufall schmückt die Bonus-Terrasse mit bunten 70er-Jahre-Schirmen, bunte Bänder baumeln am Absperrgitter.

Die Parkplatz-Freischankflächen müssen gut sichtbar gekennzeichnet und abgesperrt sein, damit ihre Zweckentfremdung ersichtlich ist. Ein Spaziergang durch die Stadt zeigt, wie kreativ die Gastronomen damit umgehen: Da werden aufwendige Podeste aus Holz gebaut und Schilfrohrmatten gespannt, Blumenkübel, Pflanzen und Schirme schmücken die neuen Außenbereiche. "Für die Stadt ist es sicher auch gut", sagt Bras dit Nugues, "die Leute können spazieren gehen und es gibt überall etwas zu sehen, schöne neue Terrassen."

Die Bar Holzkranich arbeitet mit Holzpaletten.

(Foto: Privat)

Sommerfestivals wie das Tollwood sind abgesagt, Straßenfeste können nicht stattfinden, Flohmärkte sind verschoben. Der Sommer findet nicht dicht aneinander gedrängt statt, aber dafür auf entzerrtere Art gemeinsam; in Autokinos, auf größeren Freischankflächen und in neuen oder ausgedehnten Biergärten. Auf der Praterinsel hat gerade der Bier- und Weingarten eröffnet - mit extralangen Bänken. Die Betreiber sind die der Bar Holzkranich, die mit dem Biergarten ausbleibende Events und Cateringaufträge auffangen wollen. Bier vom Tegernsee, Wein, Winzersekt und Drinks gibt es zu biergartentauglichen Speisen. Unweit davon hat das Muffatwerk neben seinem Biergarten eine Musikterrasse eröffnet, der Bahnwärter Thiel in Sendling hat seinen Biergarten zum "Prosecco Retreat" ausgebaut.

Aber nicht alle Gastronomen, die gerne wollen, dürfen bei dem bunten Treiben mitmischen. Herbert Auer vom Café Pini in der Klenzestraße hätte auch gerne Tische und Stühle in die Parkbuchten vor dem Haus gestellt. Jetzt ist er aber "stinksauer auf unsere Stadtverwaltung". Der Grundgedanke sei ja gut, die Gastronomen ein bisschen zu entschädigen dafür, dass sie wegen der Abstandsregeln deutlich weniger Plätze für ihre Gäste anbieten können. Und deshalb habe er auch sofort einen Antrag gestellt. "Allerdings habe ich, so wurde mir dann mitgeteilt, eine Konzession als Café und die neuen Regelungen gelten ausschließlich nur für Schank- und Speisegaststätten", berichtet Auer. Er müsse zwar alle Auflagen erfüllen, bekomme aber trotzdem keine zusätzliche Freischankfläche. "Ist es denn aus virologischer Sicht besser", fragt er, "Weißbier mit Schnitzel anzubieten als Cappuccino mit Hörnchen und Ei?"

Die Bar Holzkranich hat auf der Praterinsel einen Biergarten aufgebaut.

(Foto: Privat)

Tatsächlich, so KVR-Chef Thomas Böhle, gelte die Möglichkeit, Parkplätze mit Tischen und Stühlen zu belegen, "gemäß Stadtratsbeschluss zunächst ausschließlich für die rund 2500 Schank- und Speisewirtschaften mit Freischankflächen". Damit könnten sie "ihre Außengastronomie deutlich erweitern". Im nächsten Kreisverwaltungsausschuss am kommenden Dienstag will er eine Reduzierung der Gebühren für Freischankflächen um 75 Prozent vorschlagen, solange die Beschränkungen gelten. Mehr Tische in Parkbuchten seien bislang nicht geplant, das könnten die Stadträte aber beschließen, wenn sie das wollen.

Anwohnerbeschwerden zu den neuen Freischankflächen gab es im gesamten Stadtgebiet bisher gerade einmal 13. "Die Nachbarn finden, dass es schön aussieht und eine Bereicherung fürs Viertel ist", sagt Dominique Bras dit Nugues vom Le Faubourg. "Den Sommer über auf die zwei Parkplätze zu verzichten, das geht."

© SZ vom 10.06.2020/vewo
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