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Demo gegen Lockdown:"Wir wurden am Mittwoch noch nicht einmal erwähnt!"

Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen

Für viele Gastronomen ist der verlängerte Lockdown existenzbedrohend - das zeigen sie recht deutlich.

(Foto: Robert Haas)

Die Münchner Gastro-Szene wartet vergebens auf Signale zur Wiedereröffnung ihrer Lokale. Eine Handvoll Wirte protestiert deshalb mit Fichtensarg und Autokorso - andere retten sich mit Krediten und Pachtnachlässen über die Runden.

Von Franz Kotteder

Der Sarg ist echt, der da oben auf dem Dach des Firmenwagens von Luca Gültas thront: original heimische Fichte natur. Eine kleine Kolonne von sieben Autos wartet am Odeonsplatz zwischen Tambosi und Schumanns Bar auf das Zeichen zum Start. Der Korso ist klein, aber oho: Es geht hupend rüber zur Staatskanzlei. Eine spontane Protestaktion von einer Handvoll Münchner Gastronomen. "Wir waren richtig sauer, dass es gestern nach der Pressekonferenz von Merkel und Söder wieder keine Öffnungsperspektive für uns gab", sagt Gültas, der unter anderem die Wuid Barwirtschaft in der Au und das Heimspiel in der Ehrengutstraße betreibt, "viele von uns sind inzwischen hoch verschuldet - aber wir wurden am Mittwoch noch nicht einmal erwähnt!"

Seit mehr als einem Vierteljahr geht in der Gastronomie so gut wie gar nichts mehr, außer Liefern und Straßenverkauf, den man heute gemeinhin "to go" nennt. Dass man damit nicht die großen Umsätze macht, wenn allein der beinahe schon allmächtige Lieferservice um die 30 Prozent vom Preis einkassiert, ist klar. Natürlich gibt es da Klagen und Protestaktionen gegen den Lockdown - aber die sind erstaunlich zurückhaltend und erstaunlich wenige, wenn man bedenkt, dass eine ganze Branche demnächst mehr als vier Monate lang so gut wie stillgelegt war. Und es auch nicht zu erwarten ist, dass nach dem 7. März mit einem Schlag wieder alles so sein wird wie 2019. Geschweige denn, dass die entgangenen Umsätze jemals wieder aufgeholt werden: Die Kundschaft wird schließlich nicht jene Speisen und Getränke nachbestellen, die sie jetzt nicht bestellen konnte.

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga rechnet bundesweit nach wie vor damit, dass ein Drittel aller Lokale die Pandemie nicht überleben wird. Bisher wirkt das noch wie Schwarzmalerei, auch in München. Die ersten Insolvenzen gab es zwar schon kurz nach dem Beginn des ersten Lockdowns - der Paulaner im Tal etwa oder das Gast im Gasteig. Was seither passiert, gehört eher zur Flurbereinigung, um die Pandemie zu überleben: Die Gastro-Gruppe Kull & Weinzierl musste ihre Boutique-Hotel Louis am Viktualienmarkt verkaufen, die drei Geisel-Brüder (Hotel Königshof) schlossen das Hotel Anna und das Gourmetlokal Werneckhof, die Kuffler-Gruppe hat den Mangostin-Ableger am Flughafen geschlossen. Aus dem Hoiz Weinbistro am St.-Jakobs-Platz wurde ein Italiener mit Pasta und Pizza, der Touri-Inder Razdahni in der Sonnenstraße machte zu, und das sind nur ein paar Beispiele.

Seit Beginn des zweiten Lockdowns im November halten sich größere Hiobsbotschaften aus der Gastrozene allerdings noch in Grenzen. Das liegt vor allem an vier Gründen: Pachtnachlässen, Krediten, staatlichen Hilfen und die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzbestimmungen. Letzteres wird noch zu Dramen führen, wenn sie wieder gelten. Denn viele Betriebe, die eigentlich schon pleite sind, machen jetzt, Prinzip Hoffnung, noch weiter, werden aber in absehbarer Zeit die Karten auf den Tisch legen müssen. Andere retten sich mit mehreren Krediten von ihren Hausbanken über die Runden, ohne zu wissen, wann sie die bedienen können.

Hilfreich ist die staatliche Unterstützung schon - auch wenn die sogenannte "Novemberhilfe", bestehend aus 70 Prozent des Vorjahresumsatzes für den ersten Lockdown-Monat November, zum Teil noch gar nicht überall ganz ausgezahlt ist. Und die Summen für die folgenden Monate werden ebenfalls noch brauchen. Die letzten beiden Monate des Jahres sind in der Gastronomie wegen der Weihnachtsfeiern oft die umsatzstärksten des Jahres.

Das größte Problem für die Wirte ist meist die Pacht. Betriebe ohne eigene Immobilien kommen da leicht ins Schlingern. Brauereien wie Augustiner, Hofbräu und Ayinger hatten ihren Wirten schon während des ersten Lockdowns die Pacht ganz oder zu großen Teilen erlassen. Paulaner und Hacker-Pschorr, die zur Schörghuber-Gruppe gehören, kamen ebenfalls entgegen. Momentan gebe es keine weiteren schlechten Nachrichten, heißt es dort. "Aktuell sind alle Gaststätten geschlossen und wir und unsere Partner wissen noch nicht, wie lange noch", sagt Sprecherin Birgit Zacher, "deshalb ist eine Prognose, ob und wie alle Wirte wieder öffnen, ein Blick in die Glaskugel."

Es gebe immerhin auch positive Zeichen. Für das Traditionslokal Donisl und das Wiesnzelt Bräurosl habe man mit Peter Reichert einen neuen Wirt gefunden. Der sagt, er sei derzeit sogar in einer recht komfortablen Situation: "Ich muss hier vorerst noch keine Miete zahlen und habe viel Zeit zum Planen." Der Donisl werde wohl erst im April oder im Mai öffnen.

Bis dahin dürften andere Gastrokarrieren schon vorzeitig beendet sein, eben weil die Wirte es mit weniger großzügigen Eigentümern ihrer Immobilien zu tun haben. Wer seine Getränke von Spaten und Löwenbräu bezieht, ist besonders gefährdet, denn die beiden Brauereien, die zum internationalen AB-Inbev-Konzern gehören, besitzen kaum noch eigene Immobilien. "Wir arbeiten derzeit intensiv gemeinsam mit unseren Pächtern und den Hauseigentümern an für alle Seiten zufriedenstellenden Lösungen", sagt Unternehmenssprecher Fried Allers, "unsere besondere Situation, dass wir selbst zwischen den Eigentümern und den Pächtern stehen, macht erforderlich, dass wir jeden Fall für sich betrachten. Gemäß der gesetzlichen Vorgaben haben wir die Pachten aus dem ersten Lockdown bis Juni 2022 gestundet."

Die Protestler aus den sieben Autos sagen, das sei alles gut und schön, aber niemand denke an die vielen Kleingastronomen, die ohnehin schon von der Hand in den Mund leben müssten. Es blieben noch viele ungedeckte Kosten übrig, "und keiner fragt, wovon der Wirt seinen Lebensunterhalt bestreiten soll". Ihren kleinen Trauerzug in den Hofgarten nimmt hinter der Staatskanzlei immerhin die Wachmannschaft zur Kenntnis, und pflichtgemäß nehmen die Polizisten auch die Personalien auf. Dann darf der Sarg wieder aufs Autodach, er wird ja noch gebraucht. Man hat ihn sich für die Demo nur ausgeliehen, vom ehemaligen Szene-Gastronomen Stephan Alof. Der hat die Branche gewechselt und ist inzwischen sinnigerweise Bestattungsunternehmer.

© SZ vom 12.02.2021/kafe, van
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