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Performance-Kunst:Einsam wacht der Türmer auf dem Gasteig

Hoch oben auf dem Gasteig wird ein Gehäuse errichtet, das dem Türmer einen geschützten Raum bietet. Dorthin wird ihn jemand geleiten.

(Foto: Benjamin Tovo)

Auf dem Gasteig soll bald eine Performance beginnen, die 730 Bürger einbindet. Sie stehen dann als "Türmer" bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang allein auf dem Dach der Philharmonie.

Von Susanne Hermanski

München erhält einen eigenen Türmer - ach was 730 Türmer, wenn man es genau nimmt. Nämlich zwei für jeden Tag des Jahresrunds, vom 12. Dezember 2020 angefangen und - das verlangt schon die Magie der Zahlen und der Symmetrie - bis zum 12. Dezember 2021. Jeweils einen Türmer, der morgens und einen, der Abends viele Stufen empor steigen wird, um eine Stunde lang, bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang Wacht über diese Stadt zu halten. Allein, in luftiger Höh' und doch geschützt vor Wind und Wetter, mit einem Ausblick, der das Zeug hat, einem den Atem stocken zu lassen: die Isar gesäumt vom grünen Band der Bäume, die Dächer und Türme der stolzen Stadt, die Straßen, die streben durch das Häusermeer mit all seinen Herzen und Seelen, mit Mann und Maus.

Das Ganze ist Teil einer künstlerischen Performance, in die alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt eingebunden werden sollen. Für sie wird, hoch auf dem Dach des Gasteig, über der Philharmonie, ein spezielles Gerüst aufgestellt, das Münchens Kulturzentrum so zum Turm erhebt, und das weithin von unten sichtbar sein wird. Denn nicht nur der Türmer soll von dort aus hinunterblicken, die Stadt soll auch zu ihm, der dort einsam stehen wird, hinaufsehen. Auch wenn es ganz so wirkt, als sei diese Aktion der Tänzerin und Choreografin Joanne Leighton speziell für die Zeit der Corona-Epidemie erdacht - Distanz halten, auf den Anderen achten - das ist alles in ihrem Konzept ohnedies enthalten. "Die Kunstaktion war schon lange vorher geplant", sagt Max Wagner, der Chef des Gasteigs. Das Türmer-Gerüst wird just an jener Stelle seinen Platz haben, wo nach der Sanierung des Gasteig, sofern alles nach Plan verläuft, sich einmal ein Restaurant mit Aussichtsterrasse befinden soll. Trotzdem hat Joanne Leightons Kunstaktion weit mehr poetische Qualitäten, als dies ein noch so lässiges, elegantes, einladendes Roof-Top-Café wohl je haben könnte.

Leighton setzt mit dem "Türmer München" ein Projekt beziehungsweise eine große, ganzheitlich angelegte Inszenierung fort, die sie 2011 begonnen hat. Diese hat die gebürtige Australierin zuvor schon in andere Städte des Alten Europas geführt. "Les Veilleurs" nannte sie dieses choreografisch-gesellschaftliche Gesamtkunstwerk im Originaltitel, deren Auftakt sie damals für die französische Stadt Belfort ersonnen hat. Danach ging es weiter. In Laval, Rennes, Hagenau, Freiburg, Evreux, Dordrecht und Graz, "ohne jede größere Unterbrechung", sagt Leighton. "Ich habe nie aktiv darauf hingearbeitet, das Werk weiter zu streuen, aber wir haben immer wieder Anfragen aus unterschiedlichsten Städten erhalten. Durch diesen jahrelangen Arbeitsprozess hat das Projekt immer mehr an Tiefe gewonnen."

Türmer hatten in der Geschichte allgemein die Aufgabe, vom höchsten Turm aus die Stadt oder die Burg für die sie ihren Dienst taten vor Gefahren zu warnen. Sie meldeten herannahende Feinde, aber auch Brände, die wegen der Enge in den an Holzbauten reichen Städten schnell Verheerungen anrichten konnten. Zur Warnung der Bürger nutzten die Türmer ein Wächterhorn, eine Glocke, Flaggen oder nachts auch Lampen. Ob die neuzeitlichen Münchner Türmer nun warnen oder mahnen werden, was sie zu erkennen glauben in der Stadt zu ihren Füßen, das wird sich anders manifestieren.

Joanne Leighton hat das Konzept entwickelt.

(Foto: WLDN / Joanne Leighton)

Denn wenn sie den beleuchteten Aussichtsraum, entwickelt vom Architekten-Duo Benjamin Tovo und Nounja Jamil, nach exakt einer Stunde wieder verlassen, dann werden sie ihre gesammelten Eindrücke, Gedanken und Gefühle handschriftlich niederlegen. "Erinnerungsspuren", nennt das Leighton. Sie selbst werden ein Foto von sich in dem Turm erhalten. Handys oder Fotoapparate in den "Turm" mitzunehmen, wird ihnen nicht gestattet sein. Eine Eröffnungs- und Abschlusszeremonie sowie weitere Treffen sollen den Teilnehmenden zudem Gelegenheit geben, sich über die gemachten Erfahrungen auszutauschen.

Fragt man Leighton, welche ihre bislang schönste Erinnerung an das Projekt sei, weiß sie gar nicht, wo sie anfangen soll. "Es gibt so viele! Zum Beispiel die Frau, die bei ihrer Türmer-Stunde schwanger war und auf dem Austauschtreffen danach ihr Baby dabeihatte. Es war, als kannten wir das Baby schon", es sei Teil der Familie der Stadt gewesen, in jeder Beziehung. "Oder dieses Pärchen", sagt Leighton. "Sie hielt morgens, er abends die Türmer-Stunde ab. Sie hinterließ für ihn eine kleine Notiz im Turm ..." Freilich ist geheim, was sie genau besagte. Und dann sei da noch dieser Passant in Belfort gewesen, der vorsichtshalber angerufen habe, "weil der Türmer einmal fünf Minuten zu spät war". Diese enge Bindung der Menschen an den Ablauf, den Rhythmus des Geschehens rührte sie tief. Es beweise aber auch, "dass wir dabei in der Tat eine künstlerische Performance vor uns haben" - auch wenn die Türmer nicht im neudeutschen Sinne eine tolle Performance hinlegen müssten. "Sie tragen mit ihrer Präsenz bei."

Eine Stunde lang steht der Türmer allein mit einem bewegenden Ausblick über die Stadt.

(Foto: Florian Ganslmeier)

Wie gern die Bürger der bisherigen Städte dies taten, beweist schon allein eines: In der Regel sind schon am ersten Tag der Bekanntmachung der Aktion sämtliche 730 Termine für die Türmer-Stunden ausgebucht. Deswegen wird die Freigabe der Termine für München in Quartale gestaffelt. Aktuell sind sie bis Ende März zu buchen.

Türmer München - Deine Stunde über der Stadt, 12. Dez. 2020 - 12. Dez. 2021, 365 Tage/Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Gasteig München, Anmeldung unter https://tuermer-muenchen.de

© SZ vom 29.10.2020/amm
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