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Wiedereröffnung der Gartencenter:Gerangel um die zarten Pflänzchen

Die Mitarbeiter der Münchner Gartencenters bereiten sich auf den erwarteten Ansturm nach der Wiedereröffnung vor.

(Foto: Robert Haas)

Gärtnereien und Blumengeschäfte dürfen ab Montag wieder öffnen. Die Betreiber bereiten sich auf einen Ansturm vor, denn der Branche stehen die wichtigsten Monate des Jahres bevor.

Von Thomas Becker

Gertraud Semmler weiß genau, was sie einkaufen wird: Samen für Brokkoli, Kohlrabi, Zucchini, Gurken, Blaukraut, rote Rüben und Sellerie. "Wissen'S, die Sachen müssen ja in den Boden", sagt sie, "es heißt ja nicht umsonst 'Im Märzen der Bauer die Felder bestellt'." Und wenn die Natur verrückt spielt und im Februar Frühling meldet, kribbelt es vielen in den Hobbygärtnerfingern. "Aber es kommt ja noch ein Frost", sagt sie. Deshalb und weil es kommende Woche in den Gartencentern zugehen wird wie auf der Wiesn, wartet sie ab: "Ich brauche noch nix. Ich geh Mitte März, ganz gemütlich."

Gemütlich: Das ist es auch in ihrem mit 300 Quadratmetern gar nicht mal kleinen Kleingarten in Ramersdorf. Eine Freundin ist zu Besuch, bei einem Glas Sprudel sitzen die Damen unterm Apfelbaum in der Sonne. Aus jedem Busch grinst ein Gartenzwerg, überall stilisierte Fliegenpilze, Rehkitze und ein Willkommensgruß in Herzform. Wer einen Stein auf die Salzburger Autobahn werfen wollen würde, von Gertraud Semmlers Garten aus würde er das schaffen. Im "Kleingartenverein München Südost 59" südlich der Hochäckerstraße hört man nicht nur Vögelein zwitschern, die Blechlawine rauscht gut hörbar.

Gertraud Semmler vernimmt das schon nicht mehr, gärtnert sie doch seit einer halben Ewigkeit am Bienenweg 23: "Bald werden es 50 Jahre." Obwohl sie zur Risikogruppe gehört, wird sie zum Seebauer in die Ottobrunnerstraße gehen: "Letztes Jahr haben die das super gemacht. Am Eingang stand einer, der geschaut hat, dass man Maske auf und Hände desinfiziert hat, ein anderer hat die Einkaufswagln desinfiziert. Mit den großen Wagen hat man eh automatisch Abstand. Es ist ja wichtig, dass man da wieder rein darf."

Bernhard Gerstenkorn ist der Letzte, der da widersprechen würde. Er ist Geschäftsführer des Gartencenters Seebauer, Herr über 17 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, Chef von bis zu 165 Mitarbeitern. Noch meldet die Anzeigetafel des Parkhauses 135 freie Plätze, doch am Montag um zehn Uhr wird das anders aussehen. "Wir bereiten uns auf einen Ansturm vor", sagt Gerstenkorn, "aber auf den 6000 überdachten Quadratmetern hat jeder Kunde 50 bis 60 Quadratmeter für sich. Wir stellen nur 200 Einkaufswagen auf, und ich hoffe, dass die meisten so vernünftig sind und nicht gleich mit der ganzen Familie einkaufen gehen."

Dank eines Kundenzählers weiß er genau, wie viele Kunden im Laden sind und kann dem Ordnungsamt nachweisen, dass kontrolliert wird. Aus den Erfahrungen vom ersten Lockdown weiß er: "Bei Ehepaaren ist das Verständnis oft sehr gering, dass jeder einen Einkaufswagen braucht. Die lassen den zweiten meistens nach dem Eingang wieder stehen." Sollte es zu Gedränge bei Geranien oder Salatpflänzchen kommen, bleibt ihm nur, um Abstand zu bitten: "Man hat nicht im Griff, wenn Kunden sich am Regal unvernünftig verhalten."

Viele Regale sind noch leer, die blühende Ware kommt erst kurz vor knapp

Wenige Tage vor Wiedereröffnung ist im Gartencenter von Hektik noch keine Spur. Um den Mitarbeitern Schutz durch Abstand gewährleisten zu können, wuseln statt 100 nur rund 50 Frauen und Männer durch die Gänge. "Herr Gerstenkorn, die Grablichter wieder vor an die Kasse, oder?", fragt eine Mitarbeiterin, die im Freigelände die Friedhofsware gegen farbenfrohe Vogelhäuschen austauscht, "und das Engelszeug von Weihnachten?" Reduzieren, meint der Chef. Ostern steht vor der Tür, da ist wieder eiförmige Deko gefragt.

Rundum wird gesägt, gehämmert und gemalert, man hat die Zwangspause auch zum Ladenumbau genutzt, was im laufenden Betrieb schwierig wäre. Die Glühweinhütte, wo sonst die große Kindereisenbahn steht, blieb heuer ungenutzt: "Da haben wir noch ein paar Hektoliter im Keller", sagt Gerstenkorn. Viele Regale sind noch leer, die blühende Ware kommt erst kurz vor knapp: "Am Samstag könnte es eng werden mit dem zeitigen Feierabend", fürchtet der Chef. Grünpflanzenbestellungen an die Lieferanten hatte er auf Verdacht rausgeschickt, nur den Liefertermin offen gelassen. Nach und nach trudelt die Ware ein, gerade werden palettenweise Christrosen, Narzissen und Schlüsselblumen eingeräumt, was die ersten Bienen interessiert zur Kenntnis nehmen.

"Bis Montag knallen wir uns für 200 000 Euro Pflanzen rein." Frühjahrsware: Narzissen, Primeln oder Kräuter von der italienischen Riviera. "Die wachsen schon draußen und haben einfach viel mehr Aroma als holländische Gewächshauskräuter", erklärt der Geschäftsführer, "Geruch und Farben verführen und sind ein ganz anderes Einkaufserlebnis als im Internet auf ein Bildchen zu klicken."

"Hätte der Lockdown bis weit in den März gedauert, hätten wir gewaltige Probleme bekommen"

Click & Collect hat man während des Lockdowns auch angeboten, "aber das macht drei bis fünf Prozent vom Tagesumsatz aus", so Gerstenkorn. Ein Draufzahlgeschäft, um zumindest die Kunden zufrieden zu stellen: "Wir brauchen dafür zehn Prozent der Belegschaft. Das ist halt nicht wie bei Amazon irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, wo man jemanden für den Mindestlohn durchs Lager schickt. Bei uns läuft unter Umständen ein Abteilungsleiter durch den Markt und kommissioniert Primeln. Und unsere Regierung stellt sich vor, dass sich der Einzelhandel dadurch über Wasser halten kann..."

Als Mitte Dezember die Zugbrücke hochgezogen werden musste, traf das auch den Gartencenter, aber nicht so hart wie andere Vertreter des Einzelhandels, erklärt Gerstenkorn: "In den letzten Dezemberwochen ist schon noch was los, aber unser Weihnachtsgeschäft findet Ende November statt, wenn die Leute Adventskränze kaufen - und die Weihnachts-Deko gleich dazu." Der Run auf die letzten Geschenke sei ausgefallen, was ein Drittel des Dezembergeschäfts ausmache, "doch da der Januar unser schlechtester Monat ist, starten wir durch die Schließung mit einem Minus von rund zwölf Prozent des Jahresumsatzes". Die wichtigsten Monate stehen nun bevor: Von März bis Juni erwirtschaftet das Unternehmen die Hälfte des Gesamtumsatzes. Bernhard Gerstenkorn sagt: "Hätte der Lockdown bis weit in den März gedauert, hätten wir gewaltige Probleme bekommen."

Aber auch die zweieinhalbmonatige Schließung war herausfordernd. Zwar stehen Mitte Dezember nicht mehr so viele Pflanzen in der Halle, aber rund ein Drittel der Tische war noch voll, 2000 bis 3000 Zimmerpflanzen im Einkaufswarenwert von fast 70 000 Euro. Pflanzen, die tägliche Pflege brauchen, gegossen werden müssen. Jedes Jahr produziert Seebauer in den hauseigenen Gärtnereien in Neubiberg 20 000 Weihnachtssterne, von Juni, Juli an wird jeder einzelne gehegt und gepflegt, mehrmals geschnitten, bis er vor Weihnachten in voller Pracht da steht. "Da waren schon noch ein paar Tausend übrig", erzählt der Geschäftsführer, ein gelernter Gärtner.

Rund 8000 Weihnachtssterne, Orchideen, Azaleen und Guzmanien hat er in umliegende Altersheime und Notaufnahmen bringen lassen, "bevor wir es auf den Kompost hauen - das schaffen wir Gärtner nicht. Dafür sind wir zu sehr verliebt in unsere Ware, gerade die aus der eigenen Produktion. Grill und Möbel kann ich auch später verkaufen, Pflanzen nicht". Verderbliche Ware ersetzen lassen, wie von Wirtschaftsminister Peter Altmaier in Aussicht gestellt? Bis heute hat Gerstenkorn dazu keine Informationen, nach der Schließung hat er aber Pflanzen-Inventur gemacht, jede Hortensie, jedes Drachenbäumchen gezählt und fotografiert. Man weiß ja nie.

© SZ vom 27.02.2021/van/lfr
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