An diesem Morgen haben sich Sonja und Simon Nagel aus Holzkirchen ein Versprechen gegeben, sogar mit Handschlag: Es wird nichts gekauft, was sie nicht benötigen. So erzählen es die beiden 37-Jährigen. Aber das war jenseits des Eingangs. Jetzt sind sie ja hier drinnen, inmitten all der vielen Farben und Formen, dem frischen Duft, dessen Note sich mit jedem Gang, den man durchschreitet, ein wenig ändert. Von oben tönt Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern. Gelegentlich klackert ein Einkaufswagen vorbei, gemächlich im Tempo – die Hektik des Alltags scheinen alle draußen auf dem Parkplatz gelassen zu haben.
Genauso wie die Nagels ihr Versprechen. In ihrem Einkaufswagen: zwei Stück der Nemesia mit roten, gelben und weißen Blüten, ein großer Topf, ein Sack Erde. Von den Gartenmöbeln, wegen derer sie eigentlich ins Seebauer Gartencenter nach Ramersdorf gekommen sind, fehlt jede Spur.
Wer an einem Samstag Ende April durchs Gartencenter streift, beobachtet, wie eine Minute nach Ladenöffnung nicht gerade wenig Menschen hereinströmen, mal hier eine Blume begutachten, mal dort eine andere in den Händen drehen. Er bekommt ein Gespür für diesen Ort. Treffender ist eigentlich: für diese Welt. Eine, die ganz anders ist als die da draußen, und doch an sie geknüpft ist.
Wenn noch keine Kundschaft da ist und die Morgensonne das Blütenmeer in ein besonders romantisches Licht taucht, „das ist wirklich ganz wunderbar – mein Lieblingsort ist dann hier“, sagt Klaus Moser. Der 38-jährige gelernte Zierpflanzengärtner und Florist ist Teamleiter des Außenbereichs.

Die Trendfarbe dieser Saison? Rosa, sagt er, in allen Nuancen. Kein Wunder also, dass die Bayerische Pflanze des Jahres der Feenstaub ist: der innen liegende Teil der Blütenblätter in kräftigem Pink, nach außen hin verlaufend in ein zartes Rosa. Trendpflanze? Olivenbaum. „Der Zweig ist ein Symbol für Frieden“, sagt Moser – in der griechischen Mythologie ist Friedensgöttin Eirene typischerweise mit einem Olivenzweig dargestellt. Ein kurzer Gedanke an die aktuelle weltpolitische Lage: Ja, der Wunsch nach Frieden, das passt.
Ein paar Gänge neben Moser steht ein Mann, Mitte 30, vor ihm: ein Baum auf einem Rollbrett, gut 3,5 Meter hoch. Kein Olivenbaum. Eine Steppenkirsche mit weißen Blüten, wie die Frau des Mannes wenig später sagt. „Die hat mir einfach gefallen.“ Trend hin oder her. Wobei: Die zwei Strauchmargeriten, die sie gerade hierher getragen hat, die blühen rosa.

In der gleichen Farbe leuchtet das T-Shirt von Alexandra Berchtenbreiter. Zusammen mit den beiden Geschwistern hat sie zu Beginn des Jahres den elterlichen Betrieb, die Gärtnerei Berchtenbreiter in Giesing, in sechster Generation übernommen. Am Abend zuvor, kurz vor Ladenschluss, nennt die 37-Jährige noch eine andere Trendpflanze: Lavendel. „Der ist in den letzten Jahren wirklich unschlagbar geworden“, sagt die Floristmeisterin und Friedhofsgärtnerin. Kein Wunder: toller Duft, den Mücken hingegen gar nicht toll finden und ihn deshalb meiden, insektenfreundlich, braucht wenig Wasser, ist winterfest – und das typische Lila der Blüten ist ja eigentlich auch nur Rosa mit ein bisschen Blau.

Ihre persönliche Lieblingspflanze hingegen ist die Geranie. „Für viele ist das ja eine 08/15-Pflanze“, sagt sie, „aber für mich hat die einfach eine unglaubliche Vielfalt.“ Und sie verzeihen es, wenn das Gießen mal ausfällt. Immer wieder höre sie, dass Geranien nicht bienenfreundlich seien – deshalb greifen manche lieber zu anderen Blumen. „Mittlerweile gibt es aber auch Sorten, die das sehr wohl sind und ihre Blüten schön öffnen, sodass Insekten etwas davon haben“, erklärt Berchtenbreiter.
Die meistgestellte Frage bei ihr? Ob’s noch mal kalt wird. „Wenn ich das wüsste, würde ich wahrscheinlich nicht in einer Gärtnerei arbeiten, sondern mit einer eigenen Show im Fernsehen“, sagt sie und lacht. Die Kalte Sophie, die fünfte und letzte der Eisheiligen, die solle man allerdings doch lieber abwarten, bevor frostempfindliche Pflanzen nach draußen kommen. In diesem Jahr ist das am 15. Mai.
Es gibt aber auch Blumen, die Frost ziemlich gut finden: Schnittblumen. „Wenn man die da über Nacht einfach rausstellt, das ist wie ein Frischekick“, sagt Berchtenbreiter. Tagsüber gilt als wichtigste Prämisse: einen sonnengeschützten Stellplatz wählen. Sonst ist es schnell vorbei mit dem blühenden Strauß.

Am nächsten Tag, wieder im Gartencenter Seebauer. Mittlerweile ist es Viertel nach zehn. Immer voller werden die schmalen Gänge, die Gesichter immer strahlender. Wer wissen möchte, wie die Lage der Welt aussieht, sollte einen Blick in eine Gärtnerei werfen: Je schlimmer es da draußen ist, desto mehr Menschen scheinen hierherzupilgern, in die bunte, friedvolle Welt eines Gartencenters.
Nachdem Klaus Moser nun einem Kunden gesagt hat, wo die Knollenbegonien stehen, räumt er noch mit einem Mythos auf: Sogenannte luftreinigende Zimmerpflanzen werden gerne fürs Schlafzimmer empfohlen, weil ihre Blätter besonders viele Schadstoffe aus der Luft aufnehmen sollen, „das ist gärtnerisch totaler Nonsens“.
Das, was Pflanzen an Schadstoffen aufnehmen können, ist Moser zufolge so wenig, dass es letztlich bezogen auf die Luftqualität nicht ins Gewicht fällt. Laut einer 2019 veröffentlichten Studie sind pro Quadratmeter zehn bis 1000 Pflanzen nötig, um dieselbe Abbaurate von Schadstoffen in der Luft zu erreichen, wie ein Austausch durch frische Luft.

Gefragt, zu welchen Pflanzen man denn nun greifen sollte, um den Balkon mit möglichst wenig Aufwand zu begrünen, hält sich Moser mit einem Rat zurück. „Das kommt auf so viele Faktoren an“, sagt er. Ausrichtung des Balkons, Lage der Wohnung, Umgebung – jeder einzelne Faktor würde beeinflussen, welche Pflanze am besten geeignet ist. Aber immerhin das sagt er ganz pauschal: „Kein Balkon ist zu klein für eine Bepflanzung.“
Sonja und Simon Nagel haben den Einkauf mit ihren beiden Söhnen mittlerweile hinter sich. Fast zumindest: Die 37-Jährige steht noch an der kleinen Kuchentheke kurz vor dem Ausgang an, ihr Mann sitzt gegenüber auf einer Bank. Sie sehen zufrieden aus. Gartenmöbel haben sie trotzdem noch keine.

