Süddeutsche Zeitung

Staatsanwaltschaft ermittelt:Ein tödlicher Unfall und viele offene Fragen

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Zwei Münchner sollen auf dem Gardasee ein Boot gerammt und zwei Menschen getötet haben - zum Ablauf des Unglücks gibt es unterschiedliche Aussagen.

Von Francesca Polistina

Der Anwalt der zwei Münchner Touristen, die am 19. Juni am Gardasee eine tödliche Bootskollision verursacht haben sollen, ist verärgert. "Es stimmt nicht, dass mein Mandant den Alkoholtest abgelehnt hat, wie die Medien berichten", sagt er. Vielmehr habe sein Mandant nicht verstanden, worum es ging und was die italienischen Ermittler überhaupt von ihm wollten.

Luca Starace, Kapitän der Carabinieri des Badeortes Salò, dagegen erklärt, dass für die zwei Tatverdächtigen ein Dolmetscher organisiert worden sei, wie das italienische Gesetz es vorsehe. Und das italienische Wort Alcoltest klingt ohnehin sehr ähnlich wie der deutsche Alkoholtest. Der andere Tatverdächtige habe sich wohl einem Alkoholtest unterzogen und dieser sei negativ ausgefallen, fügt der Anwalt hinzu. Wobei sich die Frage stellt, wie aussagekräftig dieser Test mehr als zwölf Stunden nach dem Unfall ist.

Wie viel die zwei Münchner Touristen an jenem Samstagabend tatsächlich getrunken hatten, das müssen die italienischen Ermittler noch klären. Für deren Anwalt war es lediglich ein Glas Wein, italienische Medien zitieren hingegen Augenzeugen, die sie betrunken gesehen haben sollen. Raimondo Dal Dosso, Anwalt der Familie des verstorbenen Mannes, sagt, es gebe sogar Videos aus dem Yachthafen, aus denen hervorgeht, dass die zwei Münchner wahrscheinlich zu viel getrunken hatten.

Der Promillewert ist nicht die einzige offene Frage, die die italienischen Ermittler noch klären müssen. Die anderen betreffen etwa die Geschwindigkeit oder die Lichter am Boot. Wie schnell musste das Motorboot der zwei Münchner - ein luxuriöses Riva Aquarama - fahren, um das kleine Holzboot so zu beschädigen und die zwei Insassen zu töten? Wer von den beiden war der Bootsführer zum Zeitpunkt des Aufpralls? War das Holzboot des ortsansässigen Paares, eines 36-jährigen Mannes und einer 25-jährigen Frau, ausreichend beleuchtet, wie der Anwalt der Opferfamilie versichert? Und ein weiterer zentraler Punkt: Wie kann es sein, dass die zwei Tatverdächtigen nach ihrer Darstellung von der Kollision überhaupt nichts merkten und deshalb ohne Hilfe zu leisten weiterfuhren?

Laut Guido Sola, Anwalt der zwei Männer, beide 52-jährig und mit Jobs in Führungspositionen, haben seine Mandanten an jenem Samstagabend nicht realisiert, dass sie mit einem anderen Boot kollidierten. Vielmehr hätten sie gedacht, sie seien gegen einen Ast oder eine Klippe gefahren, jedenfalls etwas Großes, weil einer der Männer sich bei dem Unfall leicht verletzte und Wasser in das Motorboot hineinlief. Solch große Stämme sind in der Bucht von Salò normalerweise nicht zu finden oder nur nach einem heftigen Sturm, und die zwei Männer, die beide einen Bootsführerschein haben und als langjährige Kenner des Gardasees gelten, hätten das wissen sollen, sagt der Opferanwalt Dal Dosso. Warum haben sie nicht angehalten? "Sie haben die Fahrt verlangsamt und nichts gesehen", sagt ihr Anwalt. Diese Aussage stimmt nicht mit der einer Zeugin überein, die von italienischen Medien zitiert wird: "Wir haben einen Knall gehört und einen dunklen Schatten gesehen, während das Schnellboot raste, ohne auch nur zu bremsen." Nach dem Unfall sollen die Münchner nicht gleich in ihr Hotel zurückgekehrt sein, sondern sie wurden in Salò gesehen.

Erst am Tag danach kam heraus, was sich auf der westlichen Seite des Gardasees abgespielt hatte. Sonntagfrüh sichtete ein Fischer das kleine Holzboot mit der Leiche des 36-jährigen Mannes und schlug Alarm. Die Carabinieri durchsuchten mehrere Häfen, bis sie ein Motorboot fanden, das offensichtliche Spuren eines Zusammenpralls wie die eingeklemmten Holzsplitter des kleinen Bootes zeigte. Die Carabinieri fanden die zwei Männer in ihrem Hotel und brachten sie auf die Wache. Im Laufe des Nachmittags wurde auch der Körper der jungen Frau aus dem See geborgen. Während der Mann sofort starb, lautet die Vermutung, die von den Rechtsmedizinern noch endgültig bestätigt werden muss, dass die 25-jährige Studentin schwer verletzt wurde und ertrank.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft aus Brescia gegen die zwei Männer wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung. Die Tatverdächtigen, die ihr Anwalt als "unglaublich erschüttert" beschreibt, sind mittlerweile zurück in München. Das ist rechtens: Das italienische Gesetz sieht normalerweise keine vorbeugende Festnahme wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung vor. Nur bei Autounfällen ist das der Fall, weshalb viele in Italien nun schärfere Regeln auch für Bootsunfälle fordern. Manche italienische Medien interpretierten die sofortige Rückkehr der zwei Männer nach München allerdings wie eine "Flucht".

Der Anwalt der Opferfamilie sagt, seine Mandanten hätten "akzeptiert", dass die Tatverdächtigen Italien verlassen haben, sie seien aber enttäuscht und traurig darüber, dass die zwei Männer ihnen erst eine Woche nach dem tödlichen Unfall und nach der ganzen medialen Aufmerksamkeit ihr Beileid ausgedrückt hätten. "Sie haben es nicht aus dem Herzen gemacht", sagt er.

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SZ vom 28.06.2021/kbl
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