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Gärtnerplatztheater:Selfies auf großer Bühne

Ein Selfie mit dem Zuschauersaal im Rücken ist ein beliebtes Motiv.

(Foto: Robert Haas)

Erstmals seit 2012 veranstaltet das Haus wieder einen Tag der offenen Tür. Die Besucher sind fasziniert von dem Blick hinter die Kulissen, wo es flirrt, knallt und dampft.

"Theater muss etwas können", ruft Josef E. Köpplinger von den Stufen des Gärtnerplatztheaters. Noch sind die Türen verschlossen, aber vor dem Intendanten hat sich schon Publikum versammelt. "Theater muss die Grenzen zwischen den Menschen aufheben", sagt Köpplinger. "Vielleicht auch die Utopie einer gelebten besseren Welt schaffen." Einen Blick darauf, wie diese Utopie, diese bessere Welt im Gärtnerplatztheater immer wieder aufs Neue erschaffen wird, will Katharina Maier werfen. Sie steht inmitten der Menschenmenge beim Gärtnerplatz Open Air und wartet darauf, dass das Theater seinen Gästen zum ersten Mal seit 2012 einen Blick hinter die Kulissen gewährt. Es habe tatsächlich gut zwei Jahre gedauert, bis sich die etwa 500 Mitarbeiter nach der Sanierung wieder richtig im Haus eingelebt haben, sagt Sprecher Roman Staudt. Nun sei man wieder für einen Tag der offenen Tür bereit.

Während Köpplinger, umringt von Theaterfiguren, Barockdamen, einer Zwanzigerjahre Diva, zum Publikum spricht, erzählt Maier, dass sie das Theater noch aus den Achtzigerjahren gut kennt. Damals habe sie in der Stadt gearbeitet und sich regelmäßig nach Feierabend Vorstellungen angeschaut. Ist nach einem langen Arbeitstag eingetaucht in fremde Welten, Komödien, Tragödien. Seit das Theater 2012 für die Sanierung ausgezogen war, war sie nicht mehr im Gärtnerplatztheater. "Ich bin gespannt, wie es jetzt aussieht", sagt sie, als plötzlich ein Knall zu hören ist. Von den Dachfenstern regnet es bunte Luftschlangen herab, ein Raunen geht durch die Menge, die Türen öffnen sich. Irgendwo in der riesigen Traube, die jetzt nach innen schiebt, verschwindet Maier.

Einmal im Leben ein Ritter sein - im Theater können Träume wahr werden.

(Foto: Robert Haas)

Von einer anderen Welt hatte Köpplinger gesprochen und tatsächlich, wer die Türen zum Foyer passiert, tritt in eine Art schillernde Parallelwelt ein. Ein türkisfarbener Tombolastand ist dort aufgebaut, in einem Nebenraum schlüpfen Besucher in aufwendige Theaterkostüme, um sich darin ablichten zu lassen. Gleich nebenan dreht eine goldglitzernde Fee im Paillettenkostüm ihre Runden. Mit glockenheller Stimme ruft sie: "Ich kenne Ihre Zukunft!" Die Frau dreht eine schnelle Pirouette und verschwindet im Gewühl, während die Gäste entlang der roten Klebebandpfeile auf dem Boden in den Besucherraum und auf die Bühne drängen.

Führungen, wie zuletzt 2017, nach dem Wiedereinzug des Theaters in die Räume am Gärtnerplatz, gibt es an diesem Tag nicht. Allein die roten Markierungen dienen der Orientierung der Besucher. Anders als bei der Führung nach der Wiedereröffnung, können die Besucher aber fast das ganze Haus besichtigen, dazu gehören neben Unter-, Proben-, und Hinterbühne auch die vielen Werkstätten, der Requisiten- und Kostümfundus, die Schuhmacherei, die Maske, Damen- und Herrenschneiderei, Dekorationswerkstatt, Malersaal sowie Proben- und Tanzsäle. Aus allen Ecken des Gärtnerplatztheaters singt und klingt es. Dazwischen gibt es immer mal wieder Stau. Hunderte wollen am Samstagnachmittag sehen, wie es in so einem Theater abseits des Besuchersaals zugeht.

Allein der Blick von der Bühne in den Zuschauersaal wird zum tausendfach fotografierten Motiv. Während ein paar Mädchen für Selfies posieren, wirft ein Pärchen einen Blick nach oben und ist überrascht von den Kulissen und den Unmengen an technischem Gerät, das in 16 Metern Höhe über der Bühne hängt. Aus einer Ecke des Raums hört man ein: "Schau mal, was ist das denn?" Der Mann zeigt auf den Boden. Aus den Ritzen wabern Nebelschwaden - ein Hinweis auf das, was auf der Unterbühne wartet: eine von den Bühnentechnikern für diesen Tag eingerichtete Geisterbahn.

Zwischen den Kulissen, wo sonst nur die Darsteller hin und her flitzen, gehen Besucher spazieren.

(Foto: Robert Haas)

Von der ist Willi Glöckler angetan: "Die Oktoberfestgeisterbahn ist ein Dreck dagegen", sagt er und lacht. Überhaupt ist er vom Theater überrascht. "Man hat sich ja gewundert, warum die Sanierung so lange gedauert hat und so viele Millionen gekostet hat", sagt er. "Aber wenn man das sieht, kann man's verstehen." Allein die Technik sei unvorstellbar, finden auch Helene Angermaier und Helga Praml. "Man sieht als Besucher zwar das Spiel auf der Bühne, aber nicht, was dahinter steckt", sagt Angermaier. Die gigantische Drehbühne mit den fünf schrägstellbaren Hub-Podien etwa. Sie wird während der Technikshow immer wieder ein- und ausgefahren, tanzt fast. Kulissen wechseln, Scheinwerfer flackern und rotieren, Nebelschwaden dampfen - "Das hätte man sich früher alles nicht vorstellen können", sagen die beiden älteren Damen.

Auch sie haben schon in den Schneidereien vorbeigeschaut, zugesehen, wie andere Besucher Armbänder, Cocktailhüte und Halskrausen im Stil der Renaissance anfertigen. Oder die ein oder andere Aufführung gesehen. "Es war beeindruckend", finden sie. Direkt unter dem Dach, wo die Kulissen für die Bühne gemalt werden, liegt auch das "Gipfelbuch" des Theaters. Ein paar Gäste haben sich eingetragen. "Subba gmacht, Leid, Robert und Lisl, Bussi" steht ganz groß auf einer der Seiten. Der Tag hat offensichtlich gezeigt, was Theater alles kann.

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