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Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt:Der Ballermann vor der Haustür

Nachtschwärmer am Gärtnerplatz in München, 2020

Polizei-Präsenz am Gärtnerplatz: Mehr als 15 Mal wurde diesen Sommer schon geräumt - wegen zu geringer Abstände zwischen den Besuchern.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Wegen Corona treffen sich heuer besonders viele Nachtschwärmer auf öffentlichen Flächen. Anwohner von Gärtnerplatz und Thalkirchner Straße sagen, sie fänden keinen Schlaf mehr. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen.

Von Birgit Lotze

Es wird eng nachts an einigen zentralen Stellen der Stadt. Die Clubs sind wegen des Coronavirus geschlossen, also trifft man sich draußen. Der Bezirksausschuss (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt hat die Stadt am Dienstagabend aufgefordert, öffentliche und offene Räume für jüngere Menschen zu benennen, Möglichkeiten, wo diese sich nachts treffen können. Im eigenen Viertel, das versuchten jedenfalls die Besucher der Sitzung den BA-Mitgliedern klarzumachen, ist das Maß voll, was die nächtliche Freizeitgestaltung angeht - zu voll. Einige wünschten sich mehr Respekt von den nächtlichen Besuchern, mehr Respekt im Umgang mit dem Viertel. Andere sprachen von Chaos, riefen nach mehr Polizei.

Viele genervte Bürger wollten zur Sitzung am Dienstag, einigen wurde wegen der Fülle der Zutritt zur Turnhalle der Mathilde-Eller-Schule verwehrt. Vor allem Anwohner des Gärtnerplatzes, des Stephansplatzes und des wegen der Häufung von Bars stark frequentierten Teils der Thalkirchner Straße nahe dem Sendlinger Tor kamen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie warfen Behörden und Polizei Untätigkeit vor. Sie habe den "Ballermann vor der Haustür", sagte eine Anwohnerin der Thalkirchner Straße, ihre Tochter schlafe inzwischen im Flur. Sie habe sich vergeblich um eine Lärmmessung in ihrer Wohnung bemüht. Weder Polizei noch Behörden hätten geholfen, eine Anzeige sei ohne Wirkung geblieben. "Wir sind völlig machtlos."

Dass der Gärtnerplatz ein überaus beliebter Treffpunkt für Nachtschwärmer ist und die Anwohner sich über wildes Urinieren, Lärm und Müll beschweren, ist nicht neu. Auch dort haben einige das Gefühl, dass die Stadt nicht oder zu wenig auf ihre Sorgen reagiere. "Seit Jahren ein Dauerrenner", sagte ein direkter Anwohner. Die seit einem Jahrzehnt geforderte, fest installierte Toilette sei bis heute nicht in Sicht. "Wie Operation Schneckenpost." Moniert wurde auch, dass die Stadt zu viele Kneipen zulasse und das Viertel so für Touristen attraktiver mache. "Das ,Holy Home' war früher eine ganz normale Kneipe. Und jetzt steht es in jedem Reiseführer als Super-In-Bar."

Viele Anwohner sehen es so, dass die wenigsten Menschen, die abends auf dem Asphalt und auf Rasenstückchen ihren Freunden zuprosten, aus dem Viertel selbst kommen. Man beobachte, wie sie über den Viktualienmarkt Bierkästen herantragen. "Müssen wir uns von Touristen, die hier die Sau rauslassen, das gefallen lassen?", lautete eine Frage. Es sei doch wohl eher so, dass die Stadtpolitik sie als Anwohner, als Wähler, davor schützen müsse. "Oder?"

Als sehr verunsichernd nimmt eine ältere Anwohnerin die Situation am Gärtnerplatz war. Dort herrsche seit der Pandemie Chaos; es komme zu Schlägereien, sagte sie und bekam Applaus von anderen Besuchern, als sie forderte, die Polizei solle mehr Präsenz zeigen. Polizeihauptkommissar Rudolf Stadler stellte in der Sitzung dar, dass die Polizei derzeit nicht überall sein könne. "Es gibt nicht nur den Gärtnerplatz. Sondern auch die Isar, den Wedekindplatz, das zieht sich in diesem Jahr durch die Stadt." Die Münchner seien nicht im Urlaub, sondern zu Hause und nutzten die Freiflächen ihrer Stadt.

Der BA hatte ein Maßnahmenpaket für die Sitzung vorbereitet, darunter die Forderung nach mehr Lärmmessungen durch die Stadt. Aber ein Alkoholverbot auf dem Platz von 22 Uhr an, wie es die CSU fordert, ebenso wie ein nächtliches Aufenthaltsverbot war mit den anderen Fraktionen nicht zu machen. "Wir können doch nicht alle um zehn Uhr ins Bett schicken", sagte SPD-Fraktionschefin Barbara Turczynski-Hartje. Das sei nicht durchzusetzen und vor Gericht nicht haltbar. Auch Arne Brach, Fraktionssprecher der Grünen/Rosa Liste, sah keinen Sinn in solchen Verboten. "Wenn wir das Problem lösen wollen, dann nicht dadurch, dass man es 20 Meter weiter verlagert." Die Grünen schlugen vor, mobiles Grün aufzustellen um größeren Gruppen das Zusammensitzen zu erschweren. Künftig sollen Sicherheitskräfte zwischen 21.30 und 6 Uhr auf dem Platz Präsenz zeigen, konkret der Kommunale Außendienst der Stadt, der bereits am Hauptbahnhof und im Alten Botanischen Garten eingesetzt ist. Bei Grünen und Linken ist dies umstritten. Sie befürchten Probleme, wenn Uniformierte patrouillieren.

Am Stephansplatz wird es nicht, wie eigentlich geplant, über zwei Wochen kleinere Sommerkonzerte geben. Der BA will den Veranstalter auf den Nußbaumpark verweisen. Denn die Anlieger erklärten, dass Events auf dem kleinen Platz umso lauter zu hören seien, je weiter oben man in den umliegenden Häusern wohne. Und die Erfahrung mit "Pink Christmas"" zeige, dass eine Veranstaltung nicht einmalig sei, sondern sich etabliere. Erst eine Woche, dann zwei. Inzwischen bleibe der Weihnachtsmarkt noch länger.

© SZ vom 23.07.2020/syn
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