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Antisemitismus:"Wir werden nachhaken und nachhaken"

Erinnerungs-Container Reichenbachstraße, Installation am Gärtnerplatz

Gegen das Vergessen: Die Namen der Toten stehen auf der mittleren der drei Fensterscheiben.

(Foto: Daniel Schvarcz)

Vor dem Gärtnerplatztheater erinnert ein Container an die sieben Opfer, die beim Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim vor 50 Jahren starben. Das Verbrechen ist bis heute ungeklärt.

Hoppla. Er habe sich gewundert, erzählt Christian Springer, damals, als er als Reporter seiner Schülerzeitung unterwegs war und in der Synagoge in der Reichenbachstraße eine Gedenktafel entdeckte. Da standen Namen von Opfern, und der junge Springer dachte, dass es Tote des Olympiaattentats von 1972 sein müssten, bis er genauer hinsah: "Da ist ja die Jahreszahl falsch" - es stand 1970 dort. Bald erkannte er, dass das Jahr doch stimmt: Auch 1970 wurden Juden in München ermordet, am 13. Februar.

Sieben Menschen starben beim Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus und Seniorenheim in der Reichbachstraße 27. Es ist ein Verbrechen, das bis heute ungeklärt ist und das die Stadt weitgehend aus ihrem Gedächtnis gestrichen hat. Springer, den der Anschlag seit seiner Schulzeit beschäftigt, will das ändern. Er, der Kabarettist von Beruf ist, hat recherchiert und will wachrütteln, gerade jetzt, zum 50. Jahrestag an diesem Donnerstag.

Geschichte Der Schrecken eines Tages
Brandanschlag auf jüdisches Altenheim

Der Schrecken eines Tages

Vor 50 Jahren wurden bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim sieben Menschen getötet. Klarheit gibt es bis heute nicht.   Von Joachim Käppner

"Hilfe! Wir werden verbrannt!" Diese Worte, die an jenem Abend einer der Bewohner schrie, stehen jetzt große auf dem Container, den Springer initiiert hat und, mit Unterstützung des Jüdischen Museums und diverser anderer Institutionen, vor dem Gärtnerplatztheater hat aufstellen lassen, in Sichtweite des Tatorts. Anstelle des abgebrannten Hauses wurde dort in den 70er-Jahren ein Neubau errichtet. Bis 1. März soll der Container erinnern, gestaltet haben ihn Alfred Küng und Katharina Kuhlmann. Die große Box ist auf einer Längsseite einsehbar, man blickt auf Tafeln mit großen Fotos aus der Tatnacht und sieben ausgeschnittene Silhouetten von Menschen.

Springer berichtet, er habe Unmengen an Ermittlungsakten studiert und wundere sich, dass die Polizei damals bereits wenige Wochen nach dem Anschlag die Ermittlungen eingestellt habe. Er wundere sich, dass der große Kanister, aus dem der Täter Benzin im Treppenhaus vergoss, das er dann anzündete, aus der Asservatenkammer verschwunden sei, ebenso das Klebeband, mit dem er eingewickelt gewesen sei. Dabei könnte man heute womöglich DNA-Spuren sichern.

Die Ermittler vermuteten die Täter im linksextremen Milieu, bei den Tupamaros oder der Aktion Südfront. Allein, gewiss ist nichts. Damit aber will sich Springer nicht abfinden. Vor einem Jahr appellierte er: "Täter und Mitwisser, meldet euch!" Es hat sich niemand gemeldet, aber er bleibt dran und appelliert an die Öffentlichkeit, dasselbe zu tun. Er nehme an, dass in Archiven, beim Verfassungsschutz womöglich, noch erhellendes Material unter Verschluss sei. "Wir werden nachhaken und nachhaken."

Christian Springer bei einer Pressekonferenz

Kabarettist Christian Springer beschäftigt sich seit seiner Schulzeit mit dem Anschlag.

(Foto: Moses Omeogo)

Er, der katholische Kabarettist aus Berg am Laim, verstehe sein Tun als zivilgesellschaftliches Engagement, denen zuliebe, die friedlich leben wollten. Mit einer Gedenktafel an der Fassade der Reichenbachstraße 27 wolle er sich jedenfalls nicht zufrieden geben: "Erinnern heißt", hat Springer schriftlich formuliert, "den Menschen von heute etwas sagen. Erstens: Gerechtigkeit ist Sache jedes einzelnen. Zweitens: Damals wie heute werden junge Menschen von extremistischen Ideologen missbraucht, damit die Drahtzieher saubere Hände haben." Es folgt ein provokanter Satz: "Da gibt es zwischen NSU, IS, den Links-Terroristen der 70er, bis hin zur AfD keinen Unterschied."

Kein Unterschied zwischen Islamischem Staat, der Krieg, Folter und unzählige Tote zu verantworten hat, und der AfD? Im Gespräch erklärt Springer, dass er auf Mechanismen hinweisen wolle: "Es geht um Missbrauch von Kindern und Jugendlichen", nicht sexueller, aber politischer Art. Er betone dies, weil nach dem Brandanschlag als einer der Hauptverdächtigen ein 19-Jähriger gegolten habe, ein ehemaliger "Heimzögling", der in die ganz linke Szene geraten sei. Ja, sagt Springer, der Vergleich mit der AfD sei sehr zugespitzt. Aber seine Botschaft laute: Finger weg von Kindern und Jugendlichen, das gelte für Islamisten wie für die AfD und alle anderen.

© SZ vom 11.02.2020/syn
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