Wer nicht aufpasst, könnte das Fuyuan glatt übersehen. Es liegt ein wenig unscheinbar in der Augustenstraße, zwischen Lampenläden und Spielhallen. Vor dem Lokal ein paar Tische, am Eingang eine Speisekarte, zusammengepappt mit Tesa. Auf Selbstvermarktung scheinen sie hier jedenfalls keinen großen Wert zu legen, nicht mal eine Homepage hat das Fuyuan.
Umso größeren Wert legen sie auf das Essen, auf authentische Gerichte und herausragendes Handwerk. Und das schon mal vorweg: Beides findet sich hier so gut und überzeugend wie in ganz wenigen anderen chinesischen Restaurants in München.
Tatsächlich gibt es das Fuyuan schon eine ganze Weile. Seit 2002 bieten sie hier Gerichte aus verschiedenen Regionalküchen Chinas an, sowohl kantonesische als auch solche aus Sichuan oder Peking. Vom Gefühl her würde Murke sagen, dass sich das Lokal in den vergangenen paar Jahren aber noch mal etwas mehr rumgesprochen hat. Vielleicht auch, weil Köche wie Benjamin Chmura, der Küchenchef des Tantris, in Interviews vom Fuyuan geschwärmt haben. Höchste Zeit also, sich ein Bild zu machen.
Die Einrichtung folgt dem bewährten Prinzip „form follows function“, was in diesem Fall heißt: schlichte Tische, dunkel vertäfelte Wände und eine ausgeprägte Liebe zum Laminat. Man könnte auch sagen: Wie draußen geht es auch drinnen vor allem ums Essen. Und da möchte Murke zuvorderst die Dim Sum preisen, die der Bedeutung ihres Names – Speisen, die das Herz berühren – alle Ehre machen.

Ursprünglich kommen Dim Sum aus der kantonesischen Küche, es sind kleine Happen, mal gedämpft, mal gebraten, die gern zum Frühstück oder zum Tee gegessen werden. Dass sie im Fuyuan hausgemacht sind, sieht man ihnen an. Keine uniformen Teigtäschchen, die vom Fließband aus gleich in den Tiefkühler plumpsten, sondern fein gearbeitete Miniaturen, die alle etwas unterschiedlich von der Hand gehen.
Fast 30 verschiedene Dim Sum stehen im Fuyuan auf der Karte. Da wären Klassiker wie Char Siu Bao (5 Euro), gedämpfte Knödel aus Hefeteig, die mit Schweinefleisch und Barbecue-Soße gefüllt sind. Der Teig ist von einer luftigen Süße und geht aufs Wohligste mit dem schmelzenden Fett und den rauchigen Noten des Fleisches zusammen. Großartig auch die gedämpften Reisnudelrollen mit gegrilltem Schwein (6,90 Euro), deren feinduftige Soße den ganzen Tisch erfüllt. Sie basiert auf einer süßen Sojasoße, die mit Zucker eingekocht und mit Zimt abgeschmeckt wird.
Besonders neugierig war Murke auf die ausgefalleneren Dim Sum, die man in München nicht so ohne Weiteres findet. Die gebratenen Nudelnester mit Tintenfisch und Garnelen (6,90 Euro) zum Beispiel, oder der Rindermagen mit Frühlingszwiebeln und Chili (5 Euro). Beides Teller, auf denen, wie oft in der chinesischen Küche, die Textur im Vordergrund steht. Murkes Begleiter gefielen außerdem die gebratenen Reibekuchen (5,90 Euro), die außen kross sind, innen aber eine cremige Füllung mit Rettich und einer chinesischen Wurst freigeben.
Bei allen Besuchen war das Fuyuan fast voll besetzt. Dass der Service trotzdem entspannt und freundlich blieb, möchte Murke nicht unerwähnt lassen. Und es ließe sich zwar jeder Abend hier problemlos mit Dim Sum bestreiten, er rät aber dazu, sich auch durch die restliche, eher fleisch- und fischlastige Karte zu probieren. Andernfalls entginge einem die Pekingente (25,90 Euro), die völlig zu recht ein Klassiker des Hauses ist. Knusprig und glänzend die Haut, zart das Fleisch, dazu die vielschichtige Süße der Hoisin-Soße und die Frische der Gurkenstreifen und Lauchzwiebeln. Sehr gut auch die Lammkoteletts (25,90 Euro), die ausgebacken und in einer gusseisernen Pfanne serviert werden. Der Service übergießt sie mit einer schwarzen Pfeffersoße, die sich regelrecht in die Panade brennt.

Das knusprige Rindfleisch (15,90 Euro) ist dann einer der wenigen Teller, die Murke nicht ganz überzeugten. Auch hierbei wird das Fleisch paniert, was ihm eine besondere Textur verleiht, allerdings bleibt geschmacklich wenig vom Rind übrig. Die süß-säuerliche Soße gefällt zwar wegen des Wechselspiels zwischen Ananas und pikant eingelegter Gurke, wird aber mit jedem Bissen eintöniger.
Dann lieber den Chili-Fisch (29,90 Euro), einen gedämpften Wolfsbarsch, der unter einem mittleren Gebirge aus frischen und getrockneten roten Chilis daherkommt. Ein durchaus forderndes Gericht, seiner Schärfe wegen, das einen aber mit einem extrem saftigen Barsch und einer Soße belohnt, die durch fermentierte Bohnen etwas Griffiges bekommt. Überhaupt fällt die Küche im Fuyuan immer wieder mit hervorragenden Soßen auf.
Bis kurz vor Drucklegung dieses Textes wühlte Murke sich noch durch seine Notizen, suchte nach Mäkeln und Schnitzern, die zu benennen seine Pflicht wäre. Aber vergebens. Er verließ das Lokal jedes Mal zufrieden, hatte jedes Mal ein Gericht entdeckt, das ihn überraschte. So unscheinbar das Fuyuan also in der Augustenstraße liegt: Man sollte es nicht übersehen.
Fuyuan, Augustenstraße 21, 80333 München, 089/59083665, Öffnungszeiten: täglich 11.30–15 Uhr und 17.30–23 Uhr (montags nur 17.30–23 Uhr).
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

