Seit eineinhalb Jahren ist Florian Zobel evangelischer Pfarrer in Mainburg. In dieser Zeit hat er Karsten Wettberg als „bescheidenen Christen in der Gemeinde“ kennengelernt. Einer, der in der Erlöserkirche, wo er geheiratet hat und sein Sohn getauft wurde, einen Stammplatz hatte: letzte Bank, hinten rechts, stets eingerahmt von Ehefrau und Schwägerin, wie Zobel berichtet. Erst in den Nachrufen des vor zwei Wochen Verstorbenen habe er von dessen Fußballvergangenheit erfahren, vom Regenschirm-Jubel und dem Interview in Unterhose.
Man muss sich Pfarrer Zobel als glücklichen Menschen vorstellen, sind doch all die Dramen, die der TSV 1860 München in den vergangenen Jahrzehnten produziert hat, scheinbar komplett an ihm vorbeigezogen. Klar, die eher seltenen Jubelfeiern hat er auch verpasst, und zur wohl schönsten und womöglich auch wildesten Party trug der bescheidene Christ Wettberg so einiges bei. Der Aufstieg der Löwen – nach 54 ungeschlagenen Partien - in die zweite Liga machte ihren Trainer 1991 zum „König von Giesing“. Nun wurde ihm mit einem Trauergottesdienst gedacht. Zelebriert wurde dieser am Freitag pünktlich von 18.60 Uhr an in der Bogenhausener Nazarethkirche vom „Löwen-Pfarrer“ Rainer Maria Schießler, wem sonst?
Der bekennende Sechzger hat hier mit seiner katholischen Gemeinde Asyl gefunden, da sein Stammhaus St. Maximilian im Glockenbach gerade saniert wird und das evangelische Dekanat in Bogenhausen den Unterhalt für das der „Kirche der Nationen“ in Nazareth nachempfundene Gotteshaus nicht mehr stemmen konnte. Scherzend wie es nun mal seine Art ist, spricht Schießler von „einer Überdosis Weihrauch“ und erinnert an die letzte Löwen-Trauerfeier vor einem Jahr: „Erst der Lorant, jetzt der Wettberg – Freunde, lasst es nicht zur Regel werden! Irgendwann ist die Trainerbank leer.“ Ein echter Schießler-Gedanke.
Den Nachmittag habe er noch als Beleuchtungstechniker verbracht, erzählt er. Denn so gut es ihm in seinem neuen, nun dezent blau ausgeleuchtetem Zuhause auch gefällt: „In der Osternacht war die Beleuchtung noch rot – aber ich wusste, dass das heute zu Randalen geführt hätte.“ An dieser Stelle: Szenenapplaus, liturgische Regeln hin und her. Dass fünf Fans mit meterhohen Fahnen neben dem Altar Aufstellung nehmen dürfen: eh klar. „Ich hab’ gesagt, sie dürfen die auch schwenken, aber sie meinten: nicht genug Platz.“
Auch so verbreiten die Fan-Fahnen in Verbindung mit den zig Blumengebinden eine gewisse Gravitas. Mitten im Blumenmeer: ein recht kleines Portrait-Foto des Verstorbenen, natürlich mit Sechzger-Schal um den Hals. Auch in den Kirchenbänken tragen viele Schal, manche auch Trikot, einer sogar Kutte.


Ein paar Mann vom Ordnungsdienst hat man am Eingang postiert, aber so voll wird es dann doch nicht. Löwen-Präsident Gernot Mang ist da, der aktuelle Coach Markus Kauczinski, der heuer wohl kein Aufstiegstrainer mehr wird, der derzeitige (Sebastian Schäch) und der ehemalige Stadionsprecher (Stefan Schneider) sowie die Ex-Spieler Manfred Schwabl und Thomas Miller – und Gisela Wettberg. Die habe, erzählt Pfarrer Florian Zobel, ihrem schwer kranken Mann zum Ende hin tage- und nächtelang die Hand gehalten, bis er friedlich eingeschlafen sei. Dass es bei der Beerdigung am vergangenen Dienstag ein paar weiße Wolken im blauen Himmel gegeben habe, sieht er als „Zeichen des Himmels“.
So verwurzelt der gebürtige Brandenburger Wettberg seit Mitte der Siebzigerjahre in der 2000-Seelen-Gemeinde Elsendorf war, so ein Herumtreiber war er in Sachen Fußball. An 21 Trainerstationen hat er innerhalb von 44 Jahren 51 Meistertitel im Amateurbereich gewonnen – wie auch immer man so was schaffen kann. Bei den Löwen war er nur von 1990 bis 1992 Trainer, verließ nach dem so lange herbeigesehnten Aufstieg den Klub nach einem Streit mit der Chefetage, bevor zwischen 2007/08 ein Intermezzo als Vizepräsident folgte.
2003 erschien sein Buch „Kleiner Mann ganz groß“ – Wettberg maß nur 1,67 Meter. Für Löwen-Boss Mang ist er dennoch „der größte Trainer, den der deutsche Amateurfußball je gesehen hat. Eine Ikone. Einer, der wie kein Anderer für die Werte des TSV 1860 gestanden hat. Einer, der Giesing gelebt hat. Einer der größten Sympathieträger des TSV 1860. Einer von uns, für immer“.
Pfarrer Schießler hatte da schon vom Löwen-Stadionsprecher Paulus’ Brief an die Korinther verlesen lassen. Warum gerade den? „Weil der Apostel Paulus ein Freak war“, erklärt Schießler, „und weil Korinth ein Dreckloch war. Die ganze Stadt ein Bahnhofsviertel. Aber alle vier Jahre fanden dort die Korinthischen Spiele statt, die damals beliebter waren als die Olympischen Spiele. Nach Korinth kamen nicht die Frommen, sondern die Hundlinge und die Kämpfer. Und Paulus sagte: Genau da muss eine Gemeinde entstehen!“
Diese Begeisterung, diese Leidenschaft hat Schießler – und nicht nur er – auch beim Fußballtrainer Karsten Wettberg erlebt: „Ruhe in Frieden? Ned doch. Power!“ Neulich habe er einen Grabstein gesehen, auf dem allen Ernstes gestanden habe: „Schau ned so bleed – ich würd’ auch lieber am Strand liegen.“ Und mit dem Hinweis, dass nun alle Anwesenden die BR-Serie „Himmel, Herrgott, Sakrament“ (nach dem gleichnamigen Sachbuch eines gewissen Rainer Maria Schießler) verpasst hätten („Müsst’s in der Mediathek anschauen“), entlässt er die Gemeinde.
Dass der Gottesdienst für den mit 84 Jahren verstorbenen Wettberg ungefähr haargenau 84 Minuten lang war, ist entweder perfektes Timing, purer Zufall oder halt doch: Gottes Fügung.


