Buch über die Fußball-WM 2006Erinnerungen an einen „wunderschönen Sommer“

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Die Stimmung in München während der Fußball-WM 2006 war eine ganz besondere.
Die Stimmung in München während der Fußball-WM 2006 war eine ganz besondere. Robert Haas/lok

Eine ganze Kneipe schwelgt in Erinnerungen: Fußballbuchautor Ronald Reng und Florian Weber, Schlagzeuger der „Sportfreunde Stiller“, sprechen einen Abend lang über die WM 2006. Man ist sich einig: Toll war’s.

Von David Kulessa

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Der deutsche Sommer 2006 hat Leben verändert, darunter jenes des Münchner Wirts Holger Britzius. Der Fußballfan und Inhaber der Münchner Kultkneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“ sagt, es sei die Euphorie während der Fußballweltmeisterschaft vor 20 Jahren gewesen, die ihn letztlich dazu bewogen habe, sich den Traum von der eigenen Fußballkneipe zu erfüllen. Nur logisch also, dass genau hier, im „Stadion an der Schleißheimer Straße“, am Dienstagabend die Lesung zum aktuellen Buch des Autors Ronald Reng stattfand. Titel des Buches: „Ein deutscher Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“.

Reng, 56, hat in den vergangenen 25 Jahren zahlreiche Bestseller über Fußball geschrieben. Besonders seine Biografien, etwa über Robert Enke, Heinz Höher und Miroslav Klose, haben ihn bekannt gemacht. Zuletzt hat er ein Buch über das einzige Länderspiel der BRD gegen die DDR, bei der WM 1974 in Hamburg, verfasst.

Viele dieser Werke kann man an diesem Abend kaufen, doch die Nachfrage nach den Klassikern scheint gering. Es wirkt, als hätten die meisten Gäste im „ausverkauften Stadion“ (Britzius) seine Bücher längst gelesen. Reng erfüllt die ersten Autogrammwünsche schon eine halbe Stunde vor Beginn der Lesung.

Als es dann losgeht, sitzt neben ihm an einem Tisch mit Plastik-WM-Pokal und Panini-Sticker-Album von 2006 der Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller, Florian Weber. Auch dessen Leben veränderte sich in jenem Sommer grundlegend: Das Lied „’54, ’74, ’90, 2006“ machte die „Sportis“ im Laufe dieser vier WM-Wochen von einer kleinen Münchner Indieband zu großen Stars, die im ZDF-Sportstudio und auf der Berliner Fanmeile vor Hunderttausenden auftraten. Schon als er den Song geschrieben habe, „in Unterhose auf dem Sofa“, habe es sich „sehr, sehr gut angefühlt“, erzählt Weber. Mit solch einem Erfolg hätten er und seine Bandkollegen freilich nicht gerechnet.

Autor Ronald Reng (rechts) und Florian Weber  von den „Sportfreunden Stiller“, die 2006 mit ihrem WM-Hit deutschlandweit berühmt geworden sind.
Autor Ronald Reng (rechts) und Florian Weber  von den „Sportfreunden Stiller“, die 2006 mit ihrem WM-Hit deutschlandweit berühmt geworden sind. Stephan Rumpf

Der Musiker ist einer von sehr vielen Menschen, mit denen Reng für sein Buch gesprochen hat. Abgelehnt hätten seine Interview-Anfrage nur zwei Personen, erzählt der Autor: „Gerhard Schröder und Angela Merkel.“

Dafür ist es ihm unter anderem gelungen, den Erfinder der beliebten Fanmeilen aufzutreiben; einen Soziologen, der zu dieser Zeit Landessportreferent der Stadt Hamburg war. Im Gespräch habe der ihm erklärt, so Reng, dass es ihm bei dieser Idee – kein Witz – um die Forderungen der Französischen Revolution gegangen sei.

Zum WM-Achtelfinale Deutschland gegen Schweden gab es wie vielerorts im Münchner Olympiastadion eine Live-Übertragung.
Zum WM-Achtelfinale Deutschland gegen Schweden gab es wie vielerorts im Münchner Olympiastadion eine Live-Übertragung. Catherina Hess
Im Münchner Olympiapark fand das Fanfest statt, wie hier während des Spiels Deutschland gegen Costa Rica. Und immer mit dabei: schier unzählige geschwenkende Deutschland-Fahnen.
Im Münchner Olympiapark fand das Fanfest statt, wie hier während des Spiels Deutschland gegen Costa Rica. Und immer mit dabei: schier unzählige geschwenkende Deutschland-Fahnen. Robert Haas/lok

Demnach habe die Demokratie es zwar geschafft, die Menschen freier (Liberté) und gleicher (Égalité) zu machen. Doch für die Förderung der Brüderlichkeit (Fraternité) habe noch ein Konzept gefehlt. „Und dafür habe ich die Fanmeile erfunden“, habe der Soziologe zu ihm gesagt, erzählt Reng. Es ist eine der besten von sehr vielen guten Anekdoten, die diesen Abend äußerst unterhaltsam machen.

Waren die schwarz-rot-goldenen Fahnen 2006 Ausdruck eines neuen Nationalismus – oder von Gastfreundschaft?

Einig ist man sich im „Stadion an der Schleißheimer Straße“, dass der Sommer 2006 „uns gutgetan“ hat. So drückt es Florian Weber aus. Reng spricht indes von einem „wunderschönen Sommer“ und ein Mann aus dem Publikum verliert sich so sehr in den eigenen Erinnerungen an damals, dass er ganz vergisst, warum er das Mikrofon eigentlich in die Hand gedrückt bekommen hat: um eine Frage zu stellen.

Dabei gibt es inzwischen auch einen anderen, kritischeren Blick auf das sogenannte Sommermärchen. Nicht wenige glauben heute, dass dieses Fußballturnier so etwas wie der Auftakt für einen neuen deutschen Nationalismus war, der sich 20 Jahre später nicht zuletzt in bisweilen erschreckenden Wahlergebnissen niederschlägt. Im Grunde zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte schien es 2006 plötzlich in Ordnung, die schwarz-rot-goldene Flagge zu schwenken.

Weber erzählt, dass auch ihm, sozialisiert in den 1980er- und 1990er-Jahren, das damals zunächst suspekt vorgekommen sei, er aber glaube: „Die Deutschlandfahnen waren ein Ausdruck der Gastfreundschaft und der offenen Arme.“

Und Ronald Reng sagt, dass die Geschichte jenes Sommers vor 20 Jahren viel mehr ein Beweis dafür sei, „wie schnell es wieder besser werden kann“. Die Stimmung in Deutschland sei damals noch wenige Wochen vor WM-Beginn denkbar schlecht gewesen: hohe Arbeitslosenzahlen, die Erzählung von Deutschland als dem „kranken Mann Europas“ und eine kriselnde Fußballnationalmannschaft. „Die Menschen hatten das Gefühl, sie leben in einem traurigen Land“, sagt Reng. Und doch folgte: Ein Sommer, der viele Leben veränderte.

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