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Sport in München:Zu viel dritte Liga?

1860 München, Bayern München II, SpVgg Unterhaching und Türkgücü: In der dritten Fußball-Liga treten gleich vier Münchner Vereine an. Bietet die Stadt genug Raum, damit sich alle entfalten können?

Von Christoph Leischwitz

Stadtderbys gibt es seit vielen Jahrzehnten, mit unzähligen Anekdoten. Mit Ausnahme der Bundesliga- und Pokalspiele zwischen 1860 und dem FC Bayern fanden all diese Derbys aber stets im Amateurbereich statt. Jetzt aber spielen zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt vier Münchner Vereine in derselben Profiliga - wahrscheinlich ist das sogar ein deutschlandweites Novum.

Die Drittliga-Saison startet am Samstag gleich mit dem ersten Derby, Bayern München II gegen Türkgücü im Grünwalder Stadion, danach finden fast im Monatstakt Duelle der Teams statt, von denen keines weiter als zehn Kilometer vom Hauptsitz des anderen entfernt ist. Aber mal abgesehen von den ungewissen Corona-Einschränkungen für Fans: Ist so viel Profifußball in der Stadt überhaupt gewollt? Bietet München genug Platz?

"Also, ich find's richtig geil", sagt Manni Schwabl. Der 54-Jährige hat sich quasi den Himmel der Bayern auf die Erde geholt: Er hat für die Bayern und für Sechzig gespielt, heute ist er Präsident der SpVgg Unterhaching, die Vereins-Gaststätte mit angeschlossenem Biergarten ist quasi sein Wohnzimmer. Bei herrlichem Spätsommerwetter erzählt Schwabl davon, wie interessant diese Saison wird, "weil jeder von den vieren ein anderes Konzept verfolgt".

Haching steht für eine Dahoam-is-dahoam-Mentalität, für junge Spieler, die möglichst alle aus der Region kommen sollen. Die U23 der Bayern sei vor allem ein Ausbildungsteam. Der Löwe, der sei natürlich auch bodenständig, aber der habe ja den "traditionellen Druck", aufsteigen zu müssen. Und Türkgücü? "Natürlich ein ganz anderes Konzept. Aber jetzt geben wir ihnen doch erstmal eine Chance", sagt Schwabl.

Die Rivalität zwischen den Roten und den Blauen ist bekannt. Die Rotblauen aus der Vorstadt sympathisieren eher mit den Bayern. Das hat für Schwabl einen ganz einfachen Grund: "Haching muss die Eier haben zu sagen: Wir greifen Sechzig an. Aber Haching kann nicht sagen: Wir greifen die Bayern an." Es geht also um den Status der Nummer zwei in der Stadt, und da begegnen sich Sechzig und Haching schon seit Jahrzehnten viel eher auf Augenhöhe.

"Die Straßenköter-Mentalität, die gibt es auch heute noch bei 1860 am ehesten"

Wenngleich viel zu niedrig, wie ein anderer Grenzgänger findet. "Sechzig und Haching gehören langfristig in die zweite Liga", sagt der Ex-Löwe und Ex-Bayer Ludwig Kögl. Tatsächlich wollen ja alle Münchner Klubs so bald wie möglich hoch, sie befinden sich also in direkter Konkurrenz. Außer Bayerns U23, die darf gar nicht aufsteigen.

"Die Straßenköter-Mentalität, die gibt es auch heute noch bei 1860 am ehesten", sagt Ludwig Trifellner. Der 62-Jährige ist heute Manager des Regionalligisten VfR Garching. 1978 landete der Bäckerlehrling aus einem niederbayerischen Dorf beim FC Bayern - weil die Sechziger ihn nicht wollten. Als er bei den Löwen sehr viel später als Torwarttrainer vorgestellt wurde, rief ihm ein Mitglied zu: "Sag's ruhig, dass du a rote Sau bist!"

Trifellner sagt, vieles sei heute noch wie damals. Das liege an so banalen Dingen wie der Tatsache, dass junge Spieler bei 1860 noch eher aus der Sporttasche am Spielfeldrand lebten, alles sei dort nach wie vor weniger luxuriös. Selbst in Unterhaching fänden Jugendliche mittlerweile oft bessere Bedingungen vor.

Nun gehört von Bayern zwar nur die U23 zum Quartett, aber: "Es ist egal, ob du als Profi, Amateur oder Jugendspieler mit dem Bayern-Trikot aufläufst: Du wirst entweder hochgejubelt oder aufs Übelste beschimpft", sagt Trifellner. So tragen manche Fans den Spruch "Euer Hass ist unser Stolz" auf ihrer Jacke. Und die Chatforen der kleinen, jungen Unterhachinger Fangemeinde liest sich bisweilen so, als würden gerade Mathehausaufgaben diskutiert. Ein aktuelles Beispiel: "Wie andernorts geschrieben, bin ich der Meinung, dass wir v.a. in der Abwehr zwei Spieler nachlegen sollten."

Und der Neuling, der dreifache Aufsteiger Türkgücü? Der Verein um seinen Präsidenten und Investor Hasan Kivran ist noch schwer zu greifen. Eine neue Fangruppierung formte sich erst im vergangenen Winter, sie trat wegen der Corona-Krise erst ein einziges Mal organisiert auf. Die Spieler müssen tatsächlich ihren Trainingsplan mit Schul-Stundenplänen in Einklang bringen. Trainiert wird auf einer Bezirkssportanlage. Die vielen neuen Spieler wiederum werden gerne mit einem Foto aus dem Hotel Bayerischer Hof präsentiert. Alles wird eben dort gemacht, wo gerade Platz ist.

Das gilt auch für die Fußballspiele selbst. Wegen des hohen Profi-Aufkommens wird am 10. Oktober das Münchner Olympiastadion eine nicht mehr für möglich gehaltene Fußball-Renaissance erfahren. An diesem vierten Spieltag empfängt Türkgücü erstmals einen Gegner unter dem denkmalgeschützten Zeltdach, Wehen Wiesbaden. Der perfekt geschnittene Rasen ist bundesligareif, die neuen Flutlicht-Strahler, die fernsehtaugliche Helligkeit garantieren, haben die Stadt rund 100 000 Euro gekostet; die Anzeigetafel in der Südkurve wird in Betrieb sein. Mit diesem Auftritt wird Türkgücü bundesweite für Fan-Nostalgie sorgen.

50 Ligaspiele

werden in der kommenden Saison maximal im Grünwalder Stadion stattfinden. FC Bayern II und 1860 absolvieren dort jeweils 19 Partien, für Türkgücü sind bis zu zwölf Spiele möglich.

Doch eine dauerhafte Lösung, das sagen sie bei der Olympiapark GmbH recht deutlich, ist das nicht, der Fußball soll das übliche Tätigkeitsfeld nicht einschränken. Und so sind die momentan fünf geplanten Türkgücü-Heimspiele im Olympiastadion vor allem ein Ausdruck dafür, dass es eben doch zu eng ist in München.

Anfang der 1990er Jahre hatte Türkgücü auch schon einen Mäzen, auch damals spielte man in der dritten Liga, die fand damals allerdings noch im Amateurbetrieb statt. Für ein gesellschaftliches Miteinander, und für die Integration ausländischer Spieler war Türkgücü enorm wichtig - nicht nur, weil ein Spieler namens Cacau seine ersten Spiele in Deutschland für diesen Verein absolvierte. Der 23-fache Nationalspieler ist heute Integrationsbeauftragter des DFB.

Doch die Probleme waren damals dieselben: Türkgücü fehlte ein ordentlicher Trainingsplatz und ein Heimatstadion. Der SV Türk Gücü, wie er damals hieß, reagierte gereizt. Man werde "politische Kanäle auszunutzen", hieß es damals, das türkische Generalkonsulat müsse man einschalten. So ähnlich war das kürzlich auch zu hören, als absehbar wurde, dass Türkgücü in den Profifußball aufsteigt. Im Februar hatte der DFB befohlen: Drei Vereine mit der festen Heimat Grünwalder Stadion, das ist nicht möglich - findet eine andere Lösung.

Danach wurde schlicht zu langsam verhandelt. Manche verließen sich darauf, dass der große FC Bayern schon weichen würde, schließlich könnte er es ja, mit der eigenen Arena in Fröttmaning und einem eigenen Campus-Stadion. Und dann waren ja auch noch Kommunalwahlen. Der Streit eskalierte und Türkgücü suchte sich gleich mehrere Ausweichstätten, auch außerhalb Münchens. Jetzt darf der Klub einige Spiele im städtischen Stadion austragen. Doch viele Freunde, so ist zu hören, hat sich der Verein in der Zwischenzeit mit seinem Vorgehen nicht gemacht. Der Boden ist also bereitet für viele äußerst brisante Derbys.

© SZ vom 19.09.2020/lfr
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