Oben gute Laune, unten gute Laune, vorne gute Laune, hinten gute Laune, rechts gute Laune, links gute Laune – das ist zum einen der Refrain eines Liedes des Duos „Großstadtengel“, das vielen schon jetzt als Anwärter auf den Wiesnhit 2026 gilt. Andererseits trifft es gerade sehr gut zu auf die Stimmung im Hippodrom auf dem Frühlingsfest am Samstagnachmittag: Gut gefüllt, aber nicht überfüllt, blendende Stimmung, aber keine Exzesse. Der Gitarrist der Band „Simmesamma“ hat sogar Zeit, von der Bühne ins tanzende Publikum zu fotografieren, während seine Kollegen so lange ohne ihn weiterspielen.
Das also ist das Frühlingsfest in seinem 60. Jahr: Die kleine Schwester der Wiesn? Oder doch das bessere, weil entspanntere Oktoberfest? Der erfahrene Wiesn-Gänger stellt sich vor, wie es an einem solchen Sonnentag im September auf der Theresienwiese zugehen würde: Menschenmengen dicht an dicht, ein Geschiebe und Gedränge, die Zelte sind seit Mittag schon wegen Überfüllung geschlossen. Jetzt jedoch, im April, ziehen Familien mit Kindern ruhig über das Festgelände, sind die Schlangen vor den Fahrgeschäften nicht allzu lang. Sogar mit Kinderwagen ist Durchkommen kein Problem – die sind an Samstagen auf der Wiesn grundsätzlich verboten.


Kein Zaun umhegt das Gelände, Autos fahren über den Bavariaring, die Taxis stehen gleich am Haupteingang statt hinten an der Schwanthalerstraße. Polizisten flanieren mehr als dass sie patrouillieren durch die Straße und auch nicht wie auf der Wiesn in strenger Achter-Formation, sondern zu dritt nebeneinander. Dazu passt, dass das Polizeipräsidium am Sonntag keinen einzigen bemerkenswerten Einsatz am ersten Frühlingsfest-Wochenende zu melden hat.
Eine längere Schlange steht vor der Getränkerückgabestelle, vulgo Toilette, am U-Bahnhof. Dort lässt sich auch beobachten, dass die Kleidervorschriften im Frühjahr nicht so streng sind wie im Herbst – Trachtenträger und zivil Gekleidete halten sich ungefähr die Waage. Besonders beliebt auch in diesem Jahr bei weiblichen Jugendlichen: bauchfreies Top, begleitet von einer Mini-Handtasche, die mittels einer Kette knapp unter der Achselhöhle platziert wird – das sogenannte Reinschwitz-Täschchen.
Im Hippodrom endet nun, kurz vor 16.30 Uhr, die „Happy Hippo Hour“, die Nachmittagsreservierung. Es sieht aber so aus, als hätten etliche Gäste schon vorher den Masskrug stehen lassen – zahlreiche Tische sind eine Viertelstunde vor Ultimo ganz oder teilweise frei. Sogar in der Andechser Box, die an das Stammhaus der Wirtsfamilie Krätz erinnern soll, den „Andechser am Dom“, eine Art zweite Hausbox also, sind Plätze leer. Übrigens gibt es trotz des Namens auch in der Andechser Box Spaten-Bier, die Mass für 14,50 Euro. Im zweiten Zelt, der Festhalle Bayernland, kostet die Mass 13,50 Euro. Auf dem Oktoberfest lagen die Preise zuletzt zwischen 14,50 und 15,80 Euro.
Lotti und Amelia interessieren sich für solche Feinheiten noch nicht, weil sie elf Jahre alt sind und von Amelias Eltern begleitet werden. Sie mühen sich gerade am Dosen-Wurfstand ab, allerdings eher ohne großen Erfolg. Das macht aber nichts, die Dosen-Chefin überreicht ihnen auch ohne Treffer ein kleines Präsent, wie auf einem Schild angekündigt. Die beiden Mädchen sagen dann noch, sie gingen lieber auf Frühlings- als aufs Oktoberfest, viel zu voll dort.


Natürlich schwelgt auch das Frühlingsfest gelegentlich im Luxus, gibt es am Fischstand nicht nur die übliche Fischsemmel, sondern auch Austern und Hummer. Im Hippodrom ist eine Bar eingebaut, dort kann, wer mag, 750 Euro für 1,5 Liter Champagne Laurent-Perrier, Prestige Cuvée, Grand Siecle par LP, Itération 25 ausgeben, die sicher besser schmeckt als der heimische Rotkäppchen-Sekt. Und auch draußen am „Proseccostadl“ stehen die Flaschenkühler mindestens so dicht gedrängt wie die Gäste.
Das Frühlingsfest ist nicht die kleine Schwester der großen Wiesn, es ist ein eigenes Fest mit eigenem Charakter, weniger Kommerz, weniger Chichi, weniger Schickimicki. Sogar die Fahrgeschäfte scheinen ihre diskothekenstarken Musikanlagen leiser eingestellt zu haben als auf dem Oktoberfest.
Und noch ein Unterschied: Touristen, gerne aus Asien, wie man sie auf der Wiesn sieht, sind auf dem Frühlingsfest zumindest dem Augenschein nach kaum zu sehen.
Auf dem Weg zur Tram verfestigt sich der Eindruck: Wenig Leute in Tracht, keine Betrunkenen, die während der Wiesn um diese Uhrzeit schon kräftig durch die Gegend torkeln würden. Dann aber doch noch ein Moment der Eigentümlichkeit: Fünf bis sechs Jugendliche in Lederhose und Dirndl versuchen, zwei bis drei E-Scooter ins Rollen zu bringen, was erstens verboten ist, zweitens auch gar nicht so einfach – betrunken sind sie nicht, aber ein bisschen angespitzt gewiss. Jugendliche in Tracht, die versuchen, E-Scooter zu bewegen, das Symbol urbanen Individualverkehrs – das ist dann schon wieder sehr münchnerisch.

