Verleihung im Münchner JustizpalastNeue Auszeichnung würdigt couragiertes Handeln gegen Judenhass

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Genau der richtige Preisträger: Oberstaatsanwalt Andreas Franck (l.) mit Michael Frederic Fischbaum, dem Stifter des „Fritz-Neuland-Gedächtnispreises“.
Genau der richtige Preisträger: Oberstaatsanwalt Andreas Franck (l.) mit Michael Frederic Fischbaum, dem Stifter des „Fritz-Neuland-Gedächtnispreises“. Robert Haas

Oberstaatsanwalt Andreas Franck und eine Arbeitsgemeinschaft des Polizeipräsidiums Unterfranken erhalten den ersten „Fritz-Neuland-Gedächtnispreis“. Stifter Michael Frederic Fischbaum will damit mutige Juristen und Polizisten auszeichnen.

Von Thomas Radlmaier

Sie traf ihn zufällig auf der Straße. Dass diese Begegnung mit Fritz Neuland ihr Leben retten würde, ahnte Margarete Schreiner damals wohl nicht. Es war Anfang der 1940er-Jahre im nationalsozialistischen München. Gemäß einer antisemitischen Verordnung musste die Jüdin Margarete Schreiner bei Dokumenten mit „Sara“ unterschreiben. Einmal vergaß sie, den ihr aufgezwungenen Namen zu verwenden – im NS-Unrechtsstaat ein Todesurteil, eigentlich. Doch Margarete Schreiner erzählte ihrem Bekannten Fritz Neuland bei dem Treffen auf der Straße von dem Vorfall. Der jüdische Rechtsanwalt bot an, sie zur Verhandlung im Justizpalast am Stachus zu begleiten. Dort rang er dem tobenden Richter geschickt einen Aufschub ab, damit sich Margarete Schreiner von ihrer Familie verabschieden konnte. Diese nutzte die Zeit, um bis zur Befreiung unterzutauchen und den Holocaust so zu überleben.

Mehr als 80 Jahre später steht Michael Frederic Fischbaum im Foyer des Münchner Justizpalastes am Rednerpult. Das Licht der glühenden Sommersonne fällt an diesem Montagabend durch die Glaskuppel in 67 Meter Höhe auf ihn und auf die Hunderte Gäste, darunter Vertreter der bayerischen Politik, Justiz, Polizei und von Religionen. Fischbaum, 57, ist der Enkel von Margarete Schreiner. „Zivilcourage beginnt im Moment und Unrecht entsteht im Wegschauen“, sagt er. „Ohne das mutige Handeln von Fritz Neuland wäre ich heute nicht hier.“

„Schlimmste Welle von Antisemitismus seit Ende des Zweiten Weltkriegs.“

Um den Rechtsanwalt und späteren Mitbegründer der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in München zu würdigen, lobt Fischbaum zusammen mit dem bayerischen Justiz- und dem Innenministerium den „Fritz-Neuland-Gedächtnispreis“ aus. Dieser wird künftig jährlich vergeben und richtet sich an Juristen und Angehörige der Polizei, die besondere Courage gegen Antisemitismus zeigen. Er ist mit 7500 Euro dotiert.

Am Montag zeichneten Fischbaum, Justizminister Georg Eisenreich und Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) die ersten Preisträger aus: Oberstaatsanwalt Andreas Franck, seit 2021 Zentraler Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, und die 19-köpfige „AG Priox“ des Polizeipräsidiums Unterfranken, die Antisemitismus und Extremismus durch Wissensvermittlung vorbeugt.

Daniel Seeburg (links) und Heiko Sauer, beide von der AG Priox, die ebenfalls ausgezeichnet wurde.
Daniel Seeburg (links) und Heiko Sauer, beide von der AG Priox, die ebenfalls ausgezeichnet wurde. Robert Haas

Bei antisemitischen Straftaten von bayernweiter Bedeutung schaltet sich Oberstaatsanwalt Franck ein. Während der Pandemie etwa berief er sich auf den Volksverhetzungsparagrafen, wenn jemand die Corona-Politik mit den Verbrechen der Nationalsozialisten verglich, etwa durch Anheften eines Judensterns mit der Aufschrift „Ungeimpft“. Auch handelt Franck konsequent, wenn etwa der Satz „From the river to the sea, Palestine will be free“ öffentlich fällt. Dieses Motto propalästinensischer Demonstrationen ist seiner Ansicht nach ein Kennzeichen der Terror-Organisation Hamas, somit sei dessen Verwendung strafbar.

Eisenreich sagte, Deutschland erlebe seit dem 7. Oktober 2023 die „schlimmste Welle von Antisemitismus seit Ende des Zweiten Weltkriegs“. Es sei der Staatsregierung ein großes Anliegen, dass sich Juden in Bayern sicher fühlen. Für dieses Ziel setze sich Franck mit Engagement ein, „das weit über das Erfüllen seiner Dienstpflichten hinausgeht“. Franck habe beachtliche Erfolge erzielt und bundesweit Maßstäbe bei der Verfolgung antisemitischer Straftaten gesetzt.

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Charlotte Knobloch, die Präsidentin der IKG in München, ist die Tochter von Fritz Neuland. Ihr Vater sei ein „deutsch-jüdischer Patriot“ und „Jurist mit Herz und Seele“ gewesen. Er würde sich freuen, dass es nun einen Preis mit seinem Namen gebe. Und Franck, der einen engen Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflege, sei „genau der richtige Träger des ersten Fritz-Neuland-Preises“.

Neben Franck wurde auch die Arbeitsgemeinschaft Priox ausgezeichnet, das Kürzel steht für „Prävention in der Organisation gegen Extremismus“. Innenminister Herrmann sagte, der Schutz von Juden habe eine besondere Bedeutung für die bayerische Polizei. Deshalb sei es wichtig, durch umfassende Aufklärung Antisemitismus gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dazu leiste die AG Priox einen „großartigen Beitrag“ und sei als kompetenter Ansprechpartner weiter über Bayern hinaus bekannt.

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