Friedhofstrends:Rundum-Service ab 93 Euro jährlich

Lesezeit: 4 min

Westfriedhof

Auf dem Westfriefhof gibt es ein Spezialangebot: die Mosaikgärten.

(Foto: Florian Peljak)

Weniger selbstgepflanzte Blumen, deutlich mehr Urnenbeisetzungen: Auch auf den Friedhöfen zeigen sich die Zeichen der Zeit.

Von Dominik Hutter

Namensgeber sind zwei dicke lange Mauern, geschmückt mit blauen Mosaiken. Drumherum verlaufen sorgsam gezirkelte Wege, es gibt Rasenflächen, Hecken und Blumenbeete. In den Beeten sind in regelmäßigen Abständen Natursteine verlegt, darauf befinden sich rostfarbene Platten mit Namen und Daten. Denn bei den Mosaikgärten handelt es sich um einen Teil des Westfriedhofs und damit um Grabstätten. 1600 Urnenbestattungsplätze gibt es hier seit 2015, und sie sind so gefragt, dass das Ensemble nun erweitert werden soll. Gerade erst hat der Stadtrat 570 000 Euro genehmigt, um Platz für weitere 500 Urnen zu schaffen.

Falls ein solcher Ausdruck im Bestattungswesen zulässig ist, liegen die Mosaikgärten voll im Trend. Denn immer mehr Münchner entscheiden sich für die Feuerbestattung und gegen aufwendiges Garteln an den Gräbern der Angehörigen. Bei den Mosaikgärten, wie auch bei diversen anderen Angeboten an den städtischen Friedhöfen, kauft man die Grabpflege gleich mit dazu. Ab 93 Euro pro Jahr ist ein solches Service-Paket zu haben, gültig für zwei Urnen "mit Rahmenbepflanzung". Das ist vor allem für Hinterbliebene wichtig, die nicht in München wohnen.

Der Anteil der klassischen Erdbestattungen ist schon seit vielen Jahren rückläufig. 2003, so berichtet die für Friedhöfe zuständige Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs, gab es erstmals mehr Urnen- als Sargbestattungen. In Zahlen: 6298 und 5815. Inzwischen ist die Differenz noch größer geworden, 2018 gab es 6989 Feuer- und nur noch 3655 Erdbestattungen. Urnengräber, die weniger Platz wegnehmen und daher auch preisgünstiger sind, stehen daher in den Ausbauprogrammen für die Münchner Friedhöfe weit oben. In Obermenzing etwa gibt es seit 2011 die Urnengemeinschaftsanlage "Blütenblätter", bei denen die Grabstätten eng beieinander in geschwungenen Blumenbeeten angeordnet sind. Ohne optische Abgrenzung zum Nachbargrab. Auch diese Anlage ist "pflegefrei", was bedeutet, dass die Stadt für die Bepflanzung und Pflege der Beete sorgt. Wie das Pendant am Westfriedhof werden auch die "Blütenblätter" in den kommenden Jahren erweitert. 291 000 Euro sind im Haushalt dafür eingeplant.

Mosaikgärten, Blütenblätter - die Angebote für Bestattungsorte sind vielfältig in München. Natürlich gibt es auch weiterhin das klassische Erdgrab mit Grabstein, zu pflegen von den Angehörigen. Es gibt aber auch Urnennischen, Stelen mit einem guten Dutzend Namen darauf, spezielle Föten- und Neugeborenengräber oder nach Südosten ausgerichtete Gräber mit Waschräumen speziell für Muslime. Es gibt Angebote für orthodoxe und liberale Juden. Und sogenannte alternative Bestattungsformen. Einfach unter Bäumen, ganz ohne Erdhügel und Blumenschmuck. Letzteres gibt es auf dem Waldfriedhof schon seit 1907, da hatte München Jacobs zufolge eine Pionierrolle inne. Allerdings kann die Stadt im Bestattungswesen nicht einfach frei schalten und walten, die zugehörigen Gesetze werden auf der Landesebene erstellt. "Wir können daher nicht alle Wünsche erfüllen", betont Jacobs. Vor allem für nichtchristliche Religionen bedeutsam ist der anstehende Wegfall der Sargpflicht.

Westfriedhof

Auf den Münchner Friedhöfen gibt es aber auch noch die herkömmlichen Erdgräber.

(Foto: Florian Peljak)

Zwar sind Münchner Friedhöfe nicht so berühmt wie Père Lachaise in Paris oder der Wiener Zentralfriedhof. Mit dem Alten Südfriedhof in der Isarvorstadt kann die Stadt aber ebenfalls eine Touristenattraktion vorweisen. Dort wird, wie am Alten Nordfriedhof in der Maxvorstadt, heute niemand mehr beerdigt. Die Anlagen dienen als Besichtigungsobjekt und auch schlicht und einfach als Park. Mit allen Nebenerscheinungen, etwa wenn das allzu freizeitorientierte Verhalten der Besucher nicht mehr recht zum eigentlichen Friedhofscharakter passen will.

Aber auch die noch "aktiven" Friedhöfe prägen das Stadtbild mehr als es vielen auffällt. Denn es gibt ja nicht nur die bekannten und teilweise riesigen Anlagen à la West, Ost- oder Nordfriedhof, deren byzantinisch anmutende Bauten Teil des um die Wende zum 20. Jahrhundert von Stadtbaurat Hans Grässel gestalteten Friedhofsprogramms sind. Es gibt auch kleinere Stadtteilfriedhöfe wie Haidhausen, auf denen aus Platzmangel nur beerdigt werden darf, wer auch im Viertel wohnt. In Bogenhausen, wo Prominente wie Oskar Maria Graf, Erich Kästner, Tankred Dorst, Rainer Werner Fassbinder und Helmut Dietl ihre Ruhestätte haben, gibt es gar nur noch ein einziges freies Grab. Dort einen Platz zu finden, ist auch ein Politikum. Denn neben alteingesessenen Bogenhausenern dürfen nur bekannte Persönlichkeiten, die sich um die Stadt verdient gemacht haben, hier beerdigt werden. Wer darunter fällt, wird im Rathaus entschieden. Reservierungen sind anders als bei den meisten anderen Friedhöfen nicht möglich.

Historische Sphinx-Replik vor Altem Nordfriedhof in München, 2019

Ein "apokalyptsches Tier" auf dem Nordfriedhof in der Maxvorstadt.

(Foto: Robert Haas)

Engpässe gibt es trotzdem nicht, zumindest abseits der kleinen Innenstadtfriedhöfe. Gerade erst hat die Stadt beschlossen, die sogenannte "Scholle drei" im neuen Teil des Riemer Friedhofs zu aktivieren - die dritte von vier geplanten Erweiterungsstufen, die bis mindestens 2030 den örtlichen Bedarf decken soll. Insgesamt gibt es in München nach Auskunft Jacobs' 260 000 Grabstätten auf immerhin 29 Friedhöfen - die beiden Veteranen Alter Süd- und Alter Nordfriedhof sind in dieser Statistik nicht enthalten. 54 000 Grabstätten sind aktuell noch frei, zusätzlich werden immer wieder auch Gräber aufgelassen. Der größte der Münchner Friedhöfe ist der Waldfriedhof, auf dem es fast 65 000 Grabstätten gibt.

Viele der letzten Ruhestätten in München beeindrucken auch durch ihre Bauten. Neben den kuppelgekrönten Grässelschen Aussegnungshallen auf den großen Friedhöfen zählen dazu etwa die erst vor wenigen Jahren wieder hergerichteten Kaskaden im Ostfriedhof, eine idyllisch gelegene Brunnenanlage. Oder die tempelartigen Monumente an den alten Friedhöfen, das Grab Rudolph Moshammers im Ostfriedhof beispielsweise.

Friedhof Neuhausen in München, 2019

Ein Grab mit Säulen auf dem Friedhof Neuhausen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zu den Bauprojekten der kommenden Jahre gehört der Neubau des Krematoriums im Ostfriedhof. Und die zweite Sphinx am Nordfriedhof. Nummer eins wurde bereits in einer öffentlichen "Bauhütte" rekonstruiert. Die beiden Fabelwesen mit Gockelkopf werden wie einst das an der Ungererstraße gelegene Portal der Aussegnungshalle säumen - sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg auf bis heute ungeklärte Weise verschwunden. Auch dieses 43 000 Euro teure Projekt hat der Stadtrat erst kürzlich genehmigt. Die Sphingen sind von literarischer Bedeutung: Thomas Manns Roman "Der Tod in Venedig" beginnt mit einem Spaziergang der Hauptfigur Gustav von Aschenbach, der ihn am Münchner Nordfriedhof vorbeiführt. Das Ensemble wird beschrieben, samt den neben dem Portal der Aussegnungshalle thronenden "apokalyptischen Tieren". Aschenbach begegnet dort dem ersten seiner Todesboten.

Friedhöfe sind eben auch ein Stück Kultur. Wie die Bestattungskultur auch ganz allgemein, die bei der Beurteilung etwa von antiken Kulturen eine wesentliche Rolle spielt. Dass das Thema auch die Münchner interessiert, konnte Gesundheitsreferentin Jacobs an dem großen Andrang bei den Veranstaltungen "200 Jahre kommunales Friedhofs- und Bestattungswesen" ablesen. "Das Thema Tod gehört zum Leben", sagt sie. Keine falsche Scheu also.

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Das Grab von Rainer Werner Fassbinder auf dem Friedhof mit Prominenten-Gräbern in Bogenhausen.

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