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München:Warum die Friedenskonferenz abgesagt wurde

  • Auf der Friedenskonferenz sollte der jüdische Stadtrat Marian Offman das Grußwort der Stadt sprechen. Thomas Rödl, Mitorganisator der Konferenz, hat dies abgelehnt.
  • Unklarheiten und mangelnde Kommunikation haben dafür gesorgt, dass die Friedenskonferenz abgesagt worden ist.
  • Beide Seiten fühlen sich voneinander missverstanden, mittlerweile schalten sich weitere Akteure ein.

Diesen Freitag hätte die Internationale Münchner Friedenskonferenz beginnen sollen. Hunderte Teilnehmer hätten im Alten Rathaus über Klimawandel und Krieg gesprochen, über USA und Iran. Werden sie aber nicht. Die Veranstalter haben die Tagung abgesagt, nachdem es zum Eklat gekommen war: Die Organisatoren hatten abgelehnt, dass das Grußwort für die Stadt Marian Offman spricht. Offman, der für die SPD im Rathaus sitzt, geht davon aus, dass man ihn als Juden ausgeladen habe und spricht von Antisemitismus. Konferenzorganisator Thomas Rödl ist empört, es sei Offmans "Masche", die "Antisemitismuskeule" zu schwingen. Offman hält dagegen: "Ich will mir nichts mehr gefallen lassen."

Wie kann es sein, dass wegen einer Friedenskonferenz so viel Unfrieden entsteht?

Der Konflikt bewegt sich, einmal mehr, entlang der Frage, wo politische Kritik endet und wo Antisemitismus beginnt. Er beginnt mit einem Brief aus dem Büro des Oberbürgermeisters an die Tagungsorganisatoren, in dem Offman als Grußwort-Vertreter des OB angekündigt wird. Rödl war erschrocken, sei ihm doch Offman als jemand bekannt, dessen politische Positionen gar nicht zur Konferenz passten, weil er für die Nato sei und sich vor allem immer wieder klar gegen Israel-Gegner positioniert habe. Also rief Rödl im OB-Büro an und bat, so berichtet er, um einen anderen Redner, einen, der keinen Unmut unter den Konferenzbesuchern auszulösen drohe. Rödl hatte den ersten Satz im Brief aus dem OB-Büro so verstanden, dass es sich nur um einen Vorschlag handle: "Wenn Sie einverstanden sind", dann komme Offman, stand da. Ein Fehler, die Formulierung gilt als Höflichkeitsfloskel. Vor allem aber hatte Rödl nicht im Blick, was es bedeutet, den einzigen jüdischen Stadtrat Münchens als unerwünscht zu erklären, und das noch auf einer Friedenskonferenz.

Politik in München "Ein Affront gegen die Stadt"
Münchner Friedenskonferenz

"Ein Affront gegen die Stadt"

Der Stadtrat Marian Offman ist als Redner von der Friedenskonferenz ausgeladen worden - wohl auch wegen seiner Kritik der BDS-Kampagne. Oberbürgermeister Dieter Reiter verurteilt die Entscheidung des Organisators.   Von Martin Bernstein

Mitte Dezember erhielt Offman von einer Mitarbeiterin des OB eine Mail: Rödl habe gebeten, ihn, Offman, "von der OB-Vertretung zu entbinden", was hiermit geschehe. Auf Nachfrage habe die OB-Mitarbeiterin mitgeteilt, so erinnert sich Offman: Die Konferenzmacher lehnten ihn wegen seiner harten Haltung gegen Israel-Gegner ab. Das tun sie tatsächlich. Offman wertete es als Ausladung und brachte sie in Verbindung mit seinem Nein zur BDS-Kampagne ("Boykott, Divestment, Sanctions"), die Bundestag und Stadtrat als antisemitisch bewerten, weil sie einen Boykott Israels wegen dessen Palästinapolitik fordert. "Ich habe mich als Jude ausgegrenzt gefühlt", sagt Offman heute.

Die Eskalations-Spirale drehte sich: Es folgte die Erklärung der Friedensaktivisten, dass man Offman um ein Gespräch bitte. Dieser lehnte ab. Dann schrieb OB Reiter in einen Brief an die Konferenzleute von einem "Affront" gegen die Stadt und ihn als OB. Dann wollten die Organisatoren zurückrudern und das Offman-Grußwort doch annehmen. Am Ende aber bliesen sie die Tagung ganz ab.

Nun also ist am Wochenende eine Leerstelle in der Stadt zu besichtigen. Während im Bayerischen Hof Regierungschefs und Minister aus aller Welt über Krieg und Frieden reden, hat die in München ohnehin nicht sehr präsente Friedensbewegung mit einem großen Knall eine ihrer wenigen größeren Bühnen gesprengt. Explodiert ist ein Gemisch aus Missverständnis, Naivität, (Un-)Sensibilität und Vorurteilen. Geredet wird viel, aber zu selten miteinander.

Uneinigkeiten und kommunikative Bestrebungen

Hinter der Friedenskonferenz stand ein Trägerkreis mehrerer Gruppen. An zentraler Stelle agierte die "Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner" mit Thomas Rödl an der Spitze, die bekannteste der Organisationen dürfte der Kreisjugendring (KJR) sein. Der aber war über das Nein zu Offman nicht informiert, wie überhaupt Rödl seinen Anruf im OB-Büro nur mit zwei Leuten vorher abgestimmt habe, wie er selbst sagt. So kam es, dass einige Akteure erst aus der Süddeutschen Zeitung vom Eklat erfuhren. Seither ist der Kreis zerstritten und gespalten. Der Internationale Versöhnungsbund kritisierte öffentlich die Ablehnung Offmans, der KJR zog sich entsetzt ganz zurück.

Thomas Rödl, 64, altgedienter Friedensaktivist, sitzt in seinem Büro im Westend und betont wieder und wieder: Er lehne Offman nicht wegen seiner Religion ab, die sei ihm "egal", sondern wegen seiner politischen Aktivitäten, weil er bis vergangenes Jahr der CSU angehörte. "Wir identifizieren ihn mit den Positionen der CSU zu Militär, Aufrüstung und Atomwaffen." Von einem Grußwortredner aber erwarte er, dass dieser zur Konferenz passe. "Es war eine Provokation, uns Offman vorzusetzen." Muss man auf einer Tagung übers friedliche Miteinander nicht auch abweichende Meinungen anhören und aushalten? Ja, in Diskussionsrunden, sagt Rödl, aber nicht als Grußwort. Er habe befürchtet, dass Besucher während Offmans Rede protestieren und es dann erst recht eskaliere.

Offman liegt mit einem Teil der linken Szene im Clinch, weil er vehement das Eine-Welt-Haus kritisierte. Dort gab es immer wieder Debatten, wie das städtisch geförderte Haus zur BDS-Kampagne steht und welche Veranstaltungen dort stattfinden. Jetzt nimmt Rödl Offman übel, dass dieser sich nicht als Politiker, sondern als Jude ausgeladen fühlt. Offman nutze seine "Machtposition" für eine "Medienkampagne". Er "schwingt die Antisemitismuskeule, um uns, die Friedensbewegung, zu spalten und fertig zu machen." Rödl wiederholt das mehrmals im Gespräch mit der SZ.

"Demütigend." So empfinde er dieses Urteil über sich, sagt Marian Offman, 71. Wenn man mit ihm spricht spürt man, wie ihn die Judenfeindschaft im Land beschäftigt. Gerade eben hat die NPD-Tarnliste BIA ein Pamphlet herausgebracht, auf dem ein gezeichneter Offman aus dem Rathaus gefegt wird. "Wie oft muss ich damit noch konfrontiert werden?", fragt Offman und meint damit die Fülle des Antisemitismus. Zu den Konferenzmachern sagt er: "Die sollen sich mal überlegen, was sie tun. Herr Rödl weiß doch, dass ich Jude bin, und wie ich das wahrnehmen muss, wenn er mich auslädt." Wenn Rödl sich nun vom Vorwurf des Antisemitismus verletzt fühle, dann sie das "der erste Schritt zur Verbesserung der Situation", sagt Offman. "Ich kann nur hoffen, dass er versteht, was die Ausladung für mich bedeutet."

Tut es Thomas Rödl inzwischen leid, Offman abgelehnt zu haben? "Nö", sagt Rödl. Er sei auch nicht bereit, Offman um Entschuldigung zu bitten. Es gibt unter den Konferenz-Organisatoren aber auch Leute wie Gudrun Haas, von Beruf Trainerin für gewaltfreie Kommunikation. Sie versucht zu deeskalieren, sie hat, abgestimmt mit der Mehrheit im Orga-Kreis, eine klar formulierte Entschuldigungsmail an Offman geschickt, am 21. Januar. Und im Gespräch unterstreicht sie: "Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich mit meinem Verhalten dazu beigetragen habe, dass jemand verletzt wird." Sie wünsche sich ein Gespräch mit Offman. Dieser sagt, er nehme die Entschuldigung an, und ja, ein Treffen nach der Kommunalwahl könne er sich vorstellen.

Es wäre das erste Gespräch zwischen Offman und Rödl überhaupt. Jeder erhebt gegen den anderen schwere Vorwürfe, keiner aber hat je mit dem anderen gesprochen. Hätten sie es vor dem Eklat getan, wäre das Alte Rathaus an diesem Wochenende womöglich doch der Ort, an dem über das Konzept "Sicherheit neu denken" diskutiert wird. Hätten sie geredet, dann gäbe es den Trägerkreis wohl noch, dann müsste man nicht annehmen, dass es auch im nächsten Jahr keine Alternativtagung zur "Siko" gibt. Er wäre, erzählt Offman, 75 Jahre nach der Befreiung in seinem Grußwort auf die Zerstörung Münchens eingegangen und auf die Lehren aus dem Krieg, speziell für diese Stadt. Er hätte darauf hingewiesen, dass beide, die Konferenzorganisatoren und er, für Frieden eintreten, wenn auch teils auf unterschiedlichen Wegen. "Über Israel hätte ich kein Wort verloren."

© SZ vom 14.02.2020/wean
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