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Klimakrise:Unternehmer nehmen sich protestierende Schüler zum Vorbild

Eine Bewegung, die viel Zulauf hat: Am 21. Juli demonstrierten in München mehr als 10.000 Menschen für eine bessere Klimapolitik.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die "Fridays for Future" ziehen Kreise: Mehr als 2200 "Entrepreneurs for Future" haben sich bereits zusammengetan, um für mehr Umweltschutz einzutreten. Drei Beispiele aus München.

Die Autobauer von morgen haben selber keine Autos. Er wolle auch gar keins, sagt Laurin Hahn, 25. Gemeinsam mit Navina Pernsteiner und seinem Schulfreund Jona Christians ist er Gründer und Geschäftsführer von Sono Motors, einer jungen Münchner Firma, die den "Sion" entwickelt hat, ein Elektroauto mit integrierten Solarzellen, "das Auto, das sich selbst lädt", so bewerben sie es.

Im Herbst 2020 sollen die ersten Autos serienmäßig vom Band laufen, insgesamt 257 000 Fahrzeuge sollen produziert werden, etwa 43 000 im Jahr. Doch ein eigenes? Danach habe er kein Bedürfnis, sagt Hahn. "Mit einem Auto habe ich erst einmal mit der Versicherung zu tun, und dann geht es kaputt, dann muss ich damit in die Werkstatt." Es sei doch viel angenehmer und bequemer, sich ein Auto zu teilen.

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"Wir glauben an eine Zukunft, in der jedes Auto elektrisch ist und außerdem geteilt wird", sagt Laurin Hahn. Auf den Straßen sollten künftig weniger Autos im Weg herumstehen. Sono Motors wolle deshalb nicht nur Fahrzeuge verkaufen, sondern auch eine Carsharing-Flotte aufbauen. Und dazu wird es eine App geben, mit der man sein Auto verleihen kann, mit der man Mitfahrer finden und sogar überschüssigen Solarstrom an andere verkaufen kann.

Doch bis es soweit ist, wehren sich Hahn und Christians dagegen, dass angeblich wegfallende Arbeitsplätze gegen den Klimaschutz ausgespielt werden - haben sie mit ihrer Firma doch Arbeitsplätze geschaffen. 100 Mitarbeiter haben sie derzeit. Zählt man Zulieferer hinzu, hängen bereits 300 Arbeitsplätze an den neuen Elektroautos. Wenn die Produktion erst begonnen hat, sollen es 800 sein.

Laurin Hahn (dunkle Haare) und Jona Christians (blond) von der Firma Sono-Motors.

Laurin Hahn und Jona Christians von der Firma Sono Motors.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Sono Motors ist eine von derzeit mehr als 2200 Firmen aus Deutschland und mehreren Nachbarstaaten, die sich den "Entrepreneurs for Future" angeschlossen haben. Die Initiative will nicht nur den Klimaschutz voranzutreiben, sondern auch der Schulstreikbewegung "Fridays for Future" den Rücken stärken.

Die meisten der Unterzeichner sind kleine und mittelständische Unternehmen. Viele von ihnen wirken auf dem Feld erneuerbarer Energien, würden also einerseits direkt von mehr Klimaschutz profitieren, haben aber andererseits auch eine Ahnung davon, wie die Energiewende tatsächlich gelingen kann.

Wie die Schülerinnen und Schüler pochen die Unternehmer auf das Pariser Klimaschutz-Abkommen, in dem sich fast alle Staaten der Welt dazu verpflichtet haben, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Deshalb fordern sie unter anderem eine wirksame Steuer auf Kohlendioxid-Emissionen.

Kohlendioxid ist für Elektroautos ein heikles Thema, denn bei deren Herstellung wird erheblich mehr Kohlendioxid freigesetzt als bei der Produktion eines Benziners oder Diesels, besonders schlimm ist es bei der Produktion der Batterie. Der "Sion" habe zwar eine bessere Bilanz als vergleichbare Elektrowagen, er werde aber auch erst nach mindestens 39 000 Kilometern klimafreundlicher als ein durchschnittliches, fossil betriebenes Auto sein, rechnet Jona Christians vor; und das, obwohl in der Produktion ausschließlich Ökostrom verwendet werde. Doch das Kohlendioxid, das man bei der Produktion nicht vermeiden könne, werde kompensiert, sagt Hahn. "Wir zahlen einen Ausgleich. Jedes unserer Fahrzeuge kommt mit einem CO₂-Rucksack von null auf die Straße."

Eine Steuer auf Kohlendioxid-Emissionen würde Benzin verteuern und Elektrofahrzeuge günstiger und damit attraktiver machen, auch den "Sion". Eine solche Steuer fordere er aber nicht aus Eigennutz, es sei schlicht eine Frage der Gerechtigkeit, sagt Hahn. "Heute ist es so, dass die Kosten für die Umweltschäden von den Bürgern, den Steuerzahlern getragen werden, während die Gewinne an die Konzerne gehen. Das muss einfach fair besteuert werden."

Christine Miedls Firma tritt ebenfalls für eine Steuer auf Kohlendioxid-Emissionen ein. "Ich bin überzeugt: Durch den Klimaschutz werden nicht nur Arbeitsplätze wegfallen, sondern es werden auch neue entstehen", sagt sie. "Die Arbeitswelt muss und wird sich verändern." Doch Miedls Arbeitgeber baut keine Elektroautos, er fertigt auch keine Solaranlagen.

Christine Miedl, Leiterin des Nachhaltigkeitsmanagements bei der Sparda-Bank

Christine Miedl leitet das Nachhaltigkeitsmanagement einer Bank.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Miedl ist Direktorin unter anderem für Nachhaltigkeitsmanagement bei der Münchner Sparda-Bank. Das Geldinstitut mit 45 Filialen in Oberbayern, rund 750 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 8,2 Milliarden Euro ist eine der größten Genossenschaftsbanken in Deutschland - und eine von einem halben Dutzend Banken, die sich inzwischen bei den "Entrepreneurs for Future" engagieren.

Was eine Bank mit dem Klimaschutz zu tun hat? "Jeder kann handeln, es fängt immer mit dem ersten Schritt an", sagt Miedl und zählt auf. Die Sparda-Bank beziehe ausschließlich Ökostrom und bezuschusse die Tickets ihrer Mitarbeiter für den öffentlichen Nahverkehr. Wer mit einem Elektrofahrzeug in die Arbeit komme, könne es kostenlos aufladen, und für Kurierfahrten gebe es ein eigenes Elektroauto. Die Bank lege außerdem alles Geld nachhaltig an, das werde den Kunden auch immer wichtiger, sagt Miedl.

Kunden erhalten von der Bank günstige Kredite, wenn sie sich ein Elektroauto kaufen wollen, da sei die Nachfrage noch verhalten, entwickle sich aber. Kunden könnten außerdem vergünstigt Ökostrom von der Münchner Firma "Polarstern Energie" beziehen, die sich ebenfalls bei den "Entrepreneurs for Future" engagiert. Und schließlich pflanzt die Sparda-Bank seit 2015 für jedes neue Mitglied einen Baum in Oberbayern. Alleine 2018 gab es 14 459; bisher habe man Eichen, Buchen und Fichten zum Beispiel im Ebersberger Forst gepflanzt, bei Berchtesgaden oder auch bei Bad Tölz. Im Herbst pflanze die Bank Bäume im Raum Oberschleißheim.

Die Sparda-Bank sei darüber hinaus die bislang einzige deutsche Bank, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt hat, sagt Miedl. Eine solche Bilanz ist Teil der Initiative "Gemeinwohl-Ökonomie", die für eine sozialere und ökologischere Marktwirtschaft wirbt. Für eine solche Bilanz brauche es Mut, denn ein Unternehmen werde dabei sehr transparent, sagt Miedl. Man bilanziere nicht nur intern, sondern werde auch von außen überprüft. Doch gerade für ein Geldinstitut wie die Sparda-Bank biete sich eine solche Bilanz an. Man sei ja keine auf Rendite fixierte Aktiengesellschaft. "Als Genossenschaftsbank sind wir seit jeher solidarisch, sowohl mit den Menschen als auch mit der Natur. Gewinnmaximierung steht hier traditionell nicht im Vordergrund", sagt Miedl.

Auf die Gemeinwohl-Bilanz setzt auch Carola von Peinen Hoffnung. Die Bilanz müsste aber bekannter werden. "Die Leute müssen wissen: Das ist eine Allianz der Anständigen." Dann könnten mehr Menschen Siegel wie dieses auch bei ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen.

Carola von Peinen ist Geschäftsführerin der Personalvermittlung "Talents 4 good".

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Von Peinen ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Münchner Personalvermittlung "Talents 4 good", die sich darauf spezialisiert hat, Arbeitssuchende an soziale und ökologische Firmen zu vermitteln. Die Agentur hat derzeit sieben Angestellte, im Jahr vermittle die Agentur 50 bis 60 Menschen, sagt von Peinen. Das Unternehmen ist ebenfalls bei den "Entrepreneurs for Future" aktiv. Und von Peinen wird grundsätzlich. Das Problem sei, dass es im Kapitalismus immer um Profitmaximierung gehe. "Profite machen ist kein Problem. Aber der Versuch, sie zu maximieren, bringt die Wirtschaft in Schieflage." Anderes bleibe auf der Strecke: allen voran die Mitarbeiter, die nur noch als Ressourcen gesehen werden, nicht mehr als Menschen. Und die Umwelt.

Sozial und ökologisch sensible Unternehmen seien demgegenüber im Nachteil. Sie hätten höhere Kosten, "weil sie Dinge eben richtig machen wollen", und noch dazu keine starke Lobby, sagt von Peinen. Die meisten Firmen seien klein und mittelständisch; es fehle eine gemeinsame Stimme. Und es gebe noch nicht einmal eine Erhebung, wie groß der Arbeitsmarkt im ökologischen Bereich eigentlich ist. "Das führt mit dazu, dass dieser Unternehmensbereich viel zu wenig wahrgenommen wird", sagt von Peinen.

Dabei sei dieser Arbeitsmarkt größer als viele denken. Und er wachse, sagt von Peinen. Immer mehr Menschen hätten das Bedürfnis danach, eine sinnvolle Arbeit in einem sozial und ökologisch denkenden Unternehmen zu machen. Dafür nähmen viele auch deutliche Gehaltseinbußen in Kauf.

Sie wolle sich bei den Schülern bedanken, die freitags auf die Straße gehen, sagt von Peinen. "Viele Erwachsene, die ich gefragt habe, ob sie sich anschließen wollen, sagten: Ich kann nicht, ich muss arbeiten. Wir sind alle viel zu beschäftigt, um die Welt zu retten. Aber die Schüler erinnern uns daran, dass das Problem trotzdem weiter besteht." Die Jugendlichen hätten es erreicht, dass ständig über den Klimaschutz gesprochen werde.

Einen unmittelbaren Effekt von "Fridays for Future" auf ihre Arbeit merke sie aber nicht, zumindest noch nicht, sagt von Peinen. "Es ist nicht so, dass jetzt die Telefone nicht mehr still ständen, und alle wollten einen Job for Future." Die passende Internet-Adresse habe sie sich aber schon einmal gesichert.

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