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"Fridays for Future":"Die Klimakrise kannst Du nicht wegsaufen"

Am Freitag waren in der Münchner Innenstadt bei "Fridays for Future" mindestens 2000 Menschen unterwegs

Am Freitag waren in der Münchner Innenstadt bei "Fridays for Future" mindestens 2000 Menschen unterwegs, die Veranstalter sprachen von mehr als 3000.

(Foto: Robert Haas)

Erneut gehen in München Tausende auf die Straße, um für Klimaschutz zu protestieren. Es sind weniger als in der Woche zuvor, doch ihre Wut wirkt groß. Auch die BMW-Welt und die Wiesn werden zu Zielen von Protesten.

Der ältere Herr steht am Straßenrand, vor ihm ziehen die Schilder vorbei. "Radverkehr statt Automeer" - "Rettet das Klima" - "Die Zukunft ist vegan". Es ist wieder Freitag. Zwar sind an diesem Tag nicht mehr Zehntausende Menschen auf der Straße wie in der vergangenen Woche, aber immerhin noch mehr als zweitausend oder dreitausend. Sie sind auf dem Weg zur Staatsoper, vom Marienplatz durch das Tal, vorbei an Touristen in Imbissen, vorbei an Passanten, wie dem älteren Herrn mit der Brille. Eine Frau ruft ihm zu: "Kommen Sie mit!" Er entgegnet: "Ich war letzten Freitag schon dabei." - "Ja und? Was hat sich seitdem geändert?" Die Stimme der Frau wird lauter, sie schüttelt den Kopf. Für sie und die anderen Demonstrantinnen und Demonstranten hat sich seit vergangenem Freitag nichts verändert. Das ist ja das Problem.

Man muss sich nur die Schilder ansehen. "NotMyKlimapaket" ist auf ihnen zu lesen, "Euer Klimapaket ist Hohn" oder immer wieder "How dare you?" Der Satz, den die Aktivistin Greta Thunberg den Politikerinnen und Politikern beim Klimagipfel der Vereinten Nationen an den Kopf geworfen hat. Die Ansprache sei zu emotional gewesen, geiferten Kritiker danach, was einer der Redner von "Fridays for Future" auf der Bühne gleich zu Beginn kritisiert: "Schaut Euch einen abgestorbenen Wald an und versucht dann nicht emotional zu sein." Emotionen seien doch die Voraussetzung dafür, dass Menschen ihr Handeln verändern. Fakten alleine hätten das in der Vergangenheit kaum geschafft. Lautes Johlen. Applaus. In der vergangenen Woche, am Tag des globalen Klimastreiks, standen mehr als 40 000 Menschen auf dem Königsplatz, und am gleichen Tag präsentierte die Bundesregierung ihr Klimapaket, das viele der Demonstranten nun dazu bewegt hat, eine Woche später schon wieder durch die Stadt zu ziehen.

In der BMW-Welt inszenierten Aktivisten eine Vernissage, um gegen die Automobilindustrie zu protestieren.

(Foto: Robert Haas)

Die Menschen sind sauer, dass der Preis für eine Tonne Kohlenstoffdioxid mit zehn Euro so wahnsinnig niedrig ausgefallen ist. Dass die Änderungen bei der Pendlerpauschale nicht unbedingt vom Autofahren abhalten. Dass die Politik so wenig tut, obwohl doch so viel zu tun wäre. "Ich habe ohnehin nichts Großes von dem Paket erwartet, aber doch auf jeden Fall mehr als das, was nun am Ende herausgekommen ist", sagt Annika Braun. Sie ist 16 Jahre alt, auf dem Schild in ihrer Hand ist eine Erdkugel. Der eine Teil verbrannt, der andere gesund. Über der dunklen Erde steht: "EGO". Über der hellen Erde: "ECO".

Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn nach solch großen Protesten wie in der vergangenen Woche das Engagement abebben würde, die Menschen müde wären. Doch an diesem Freitag in München wird klar, dass die Wut bei vielen nur immer noch größer wird. Als die ersten Demonstranten in der Maximilianstraße ankommen, reicht der Zug bis zum Isartor. Kein Ende zu sehen. Die Innenstadt ist an diesem Tag zudem nicht der einzige Ort des Protests, sondern weiter im Norden, in der BMW-Welt, eröffnen Aktivisten ein paar Stunden darauf eine "kritische Ausstellung zur BMW-Unterwelt". Sie wollen darauf aufmerksam machen, wie stark Autos der Umwelt schaden, wollen auch davor warnen, sich von grünem Kapitalismus täuschen zu lassen. An der Hackerbrücke wiederum bringt die Gruppe "Ende Gelände" ein großes Banner an, auf dem zu lesen ist: "There is no Wiesn on a dead Planet - die Klimakrise kannst Du nicht wegsaufen". Es ist wahrscheinlich, dass in den kommenden Wochen noch mehr Banner zu sehen sein werden, noch mehr Protest.

Und der ältere Herr mit der Brille reiht sich dann doch ein. Erich Schnell wollte eigentlich nur einkaufen gehen, aber jetzt läuft er mit durchs Tal, man müsse das ja unterstützen. Die Schilder vor ihm, die Schilder hinter ihm. Weiter vorne ruft eine junge Frau ins Mikro: "Die aktuelle Situation ist richtig scheiße." Erich Schnell, 76, sagt nur: "Jetzt hat es die Jugend endlich auch begriffen."

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