Neue Messe in München„Jeder, der einen Aperol Spritz anbietet, muss auch einen alkoholfreien Spritz anbieten“

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Großes Interesse weckte das „Freyheit-Festival“, der erste alkoholfreie Event dieser Art in München.
Großes Interesse weckte das „Freyheit-Festival“, der erste alkoholfreie Event dieser Art in München. Florian Peljak

Alkohol gilt als Geschmacksbooster, doch das große Getränkeangebot beim „Freyheit-Festival“ zeigt: Es geht auch ohne. Über „Mindful Drinking“, Elektrolyte-Brause und farbenfrohe Aperitifs.

Von Joachim Mölter

Es flossen am Samstag viele Flüssigkeiten allerlei Couleur und vielerlei Geschmacks aus Flaschen in Gläser, so wie es bei einer Getränkemesse mit Verkostung ja nicht anders zu erwarten ist. Die Besucher nippten da und schlürften dort, ließen dieses und jenes auf der Zunge zergehen. Und während die Getränke die Kehlen hinunterglitten, floss gleichzeitig „eine ganze Menge Herzblut“ durch die Adern der Initiatoren, wie Moritz Zyrewitz bekannte. Mit seinen Kompagnons Alex Gottschalk, Christian Hiery und Han Luu hatte er das „Freyheit-Festival“ organisiert, einen „Alkoholfrei-Event“, den ersten seiner Art in München. Das „i“ hatten sie mit einem „y“ ersetzt, damit keine falschen Assoziationen aufkommen. „0 % Alkohol – 100 % Genuss“ lautete das Motto.

56 Aussteller und Händler hatten ihre Stände aufgebaut im Pineapple Park, einer Event-Location in der alten Paketposthalle nahe der Friedenheimer Brücke. Neben den bereits etablierten alkoholfreien Bieren und Weinen kredenzten sie auch viele neuartige Kreationen, denen man den Alkohol entzogen oder gar nicht erst hinzugefügt hat.

Mehr als 1000 Besucher interessierten sich für das Angebot. „Wir sind mehr als zufrieden“, resümierte Gottschalk am Sonntag. Da hatten die Organisatoren noch keine Zeit gehabt, alles zu verarbeiten. „Aber nach dem Feedback, das wir bekommen haben, bin ich sicher, dass es eine Fortsetzung geben wird“, sagte Gottschalk.

Die Idee zu dem Event war den Vieren im Mai gekommen, als sie sich „bei einem internen Alkoholfrei-Tasting zusammengesetzt“ hatten, erzählte Zyrewitz. Wie seine Mitstreiter hatte er beruflich mit alkoholfreien Getränken zu tun. Nun brachte jeder seine Kontakte ein, im Juli fingen sie an mit der Akquise. „Ich finde es großartig, was wir da geleistet haben“, resümierte der aus einer Winzer-Familie stammende Christian Hiery, als er am Samstag über die gut besuchten Ständen blickte.

Über den Zuspruch freuen sich die Organisatoren (von links): Moritz Zyrewitz, Alexander Gottschalk, Han Luu und Christian Hiery.
Über den Zuspruch freuen sich die Organisatoren (von links): Moritz Zyrewitz, Alexander Gottschalk, Han Luu und Christian Hiery. Florian Peljak

Es gehe ihnen keineswegs darum, einen dogmatischen Anti-Alkoholismus zu predigen, versichert Zyrewitz: „Ein Großteil der Alkoholfrei-Trinker sind Flexitarier, die manchmal auch Alkohol trinken.“ Gottschalk sagt, „wir wären froh, wenn auf jeder Restaurant-Karte Alternativen zu alkoholischen Getränken angeboten würden“. Und zwar nicht bloß Softdrinks oder Saftschorlen: „Aber was wir oft hören in der Branche ist: Danach fragt keiner, also brauchen wir es nicht.“

Dabei sei es „nicht mehr zeitgemäß, keine alkoholfreien Drinks anzubieten in Bars oder Restaurants“, hat die IHK-geprüfte Barmeisterin Angelica Schwarzkopf festgestellt. In ihrem einführenden Vortrag propagierte sie ein „Mindful Drinking“, also einen bewussten Genuss von Getränken. Wichtig sei dabei, „dass sich die Qualität nicht über den Alkoholgehalt definiert“. Sie räumte zwar ein: „Alkohol ist leider ein totaler Geschmacksbooster.“ Deswegen sei es auch nicht sinnvoll, bei der Zusammenstellung von Cocktails einfach die alkoholische Zutat wegzulassen.

Aber die Barmeisterin hatte eine Lösung parat: Sie plädierte für aromatischen Ersatz, für Kreativität bei der Komposition von nicht-alkoholischen Getränken, für hochwertige Zutaten und eine aufwendige Verarbeitung. Mehr Wertschätzung bedeute auch mehr Wertschöpfung, so ihr Credo, und das werde auch wirtschaftlich interessant für die Gastronomie. „Jeder, der einen Aperol Spritz anbietet, muss auch einen alkoholfreien Spritz anbieten – und wird sich dumm und dämlich daran verdienen“, glaubt sie. Sie ist sicher, dass der Trend sich verfestige und die Nachfrage zunehme.

Das beobachten auch einige Aussteller, das Weinkontor Freund aus Borgholzhausen bei Bielefeld zum Beispiel. Bei dem handelt es sich um einen Großhändler, aber wie Geschäftsführerin Johanna Freund erklärte, wollten sie die Münchner Messe nutzen, um ihre Spezialitäten „direkt an den Endverbraucher zu bringen und die Nachfrage anzukurbeln“, außerdem „ein bisschen mehr Awareness zu schaffen“, also Bewusstsein.

Neben einem entalkoholisierten Wein aus Neuseeland hatte sie Produkte einer kleinen Destillerie aus Südafrika dabei, mit dem passenden Namen „Abstinence“. Diese Destillerie stelle Alternativen zu Gin, Rum und Whisky her, erklärte Freund: „Ohne Alkohol und ohne Zuckerzusatz, aber mit ganz viel Fülle, wegen der natürlichen Zutaten, die es in Europa nicht gibt.“ Kalorienarme Getränke würden immer wichtiger, „gerade für die jüngere Generation und für Sportler“, hat sie festgestellt: „Wir verkaufen richtig gut inzwischen.“

Leo (rechts) und Oskar informieren sich am Stand von Daenz Brause über das alkoholfreie Angebot.
Leo (rechts) und Oskar informieren sich am Stand von Daenz Brause über das alkoholfreie Angebot. Florian Peljak
Mit außergewöhnlicher Farbe besticht ein Lavendel-Aperitif.
Mit außergewöhnlicher Farbe besticht ein Lavendel-Aperitif. Florian Peljak

Das erzählt auch Caroline Brunner, die erst im Januar mit ihrem Geschäftspartner Fabian Gubler ein Startup gegründet hat namens „Daenz“ – der Anklang zum englischen Wort „Dance“ für Tanz ist gewollt. Die beiden kommen aus der Münchner Nachtclub-Szene, so kam Brunner auf die Idee, eine Elektrolyte-Brause zu entwickeln, um den Schweißverlust beim Tanzen zu kompensieren. Zunächst haben sie ihr Getränk mit Guave-Limetten- oder Birnen-Zitronen-Geschmack in hiesigen Clubs vermarktet; im Sommer haben sie es schon auf Festivals verkauft. Mittlerweile kriegt man es auch in einem Radgeschäft und in Tagesbars. Das Lager, so erzählt Brunner, befände sich im Übrigen direkt unter ihr – im Keller des Pineapple Parks.

Durstlöscher und Genuss zugleich – diese Kombination ist ganz im Sinne von Alex Gottschalk. Er sieht jedenfalls eine „unglaubliche Bandbreite von alkoholfreien Getränken, nicht nur Bier und Wein“. Dazu gehören auch sogenannte „Proxies“, die neuerdings im Kommen seien. Dabei handelt es sich um weinähnliche Getränke. Das Neuhauser Geschäft „Die Weinleserin“ führt so ein Produkt eines dänischen Herstellers auf Teebasis. „Das geht in Richtung Weinbegleitung“, erklärt die Mitarbeiterin Veronika Wollandt.

Am Stand des Stuttgarter Unternehmens „Lava Belle“ steht der Chef Constantin Ebert persönlich. Er bietet einen Halbbitter-Likör an, der mit Lavendel-Blüten und Kräutern der Provence hergestellt und entsprechend lila gefärbt ist. Das Flair Südfrankreichs gibt's in einer alkoholischen und einer nicht-alkoholischen Version. Eine Münchner Gaststätte, so erzählt Ebert, bestelle ausschließlich die alkoholfreie Variante. Aussagen wie diese bestätigen Moritz Zyrewitz darin, dass er und seine Kompagnons auf einem guten Weg sind mit ihren alkoholfreien Alternativen: „Der Kundendruck kommt.“

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