Zum 20. Mal findet am Sonntag die Münchner Freiwilligenmesse statt. Interessierte können dort mehr als 50 Organisationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten kennenlernen, bei denen man sich freiwillig engagieren kann. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm. Fast 7000 Besucherinnen und Besucher zählte der Veranstalter, die Förderstelle für Bürgerschaftliches Engagement (Föbe), im vergangenen Jahr. Michèle Rotter ist seit 2021 Projektleiterin der Messe und seit Januar 2026 Geschäftsführung der Förderstelle.
SZ: Frau Rotter, was würde in München fehlen, wenn sich niemand freiwillig engagieren würde?
Michèle Rotter: Im Katastrophenschutz sähe es ohne Freiwillige zum Beispiel ganz anders aus. Aber wir brauchen auch die vielen Hilfsangebote und Begegnungsmöglichkeiten für ein gutes Miteinander. Dieses Aufeinanderzugehen ist gerade in einer teils anonymen Großstadt wichtig. Wenn es uns engagierte Münchnerinnen und Münchner nicht gäbe, gäbe es vieles davon hier nicht.
Es gibt sicherlich Menschen, die sich gerne freiwillig engagieren würden, aber meinen, dass sie keine Zeit für unbezahlte Arbeit haben. Ist freiwilliges Engagement nur etwas für privilegierte Menschen?
Gerade in einer Stadt wie München muss man natürlich gucken, wie man seinen Alltag bestreitet. Bei vielen Organisationen kann man zumindest eine gesetzliche Aufwandsentschädigung bekommen, als Form der Anerkennung. Die Ehrenamtspauschale liegt mittlerweile bei 960 Euro pro Jahr. Übungsleiter, wie Sporttrainerinnen oder Betreuer, können bis zu 3300 Euro bekommen. Natürlich, wer Zeit spenden will, muss auch Zeit haben. Was uns aber jedes Mal erstaunt: Zur Freiwilligenmesse kommen besonders viele Berufstätige und jüngere Menschen – also die, von denen man eigentlich denkt: Die haben doch gar keine Zeit. Und so viel davon braucht es nicht unbedingt. Bei einigen Ausstellern der Messe kann man sich auch einmalig oder kurzfristig engagieren. Beim Landesbund für Vogel- und Naturschutz trägt man sich zum Beispiel in eine Liste ein und kriegt immer mal wieder eine Rundmail, in der es dann heißt: heute eine Stunde Biotop-Pflege. Da kann man einfach mitmachen und danach auch wieder gehen.
Wie hat sich die Bereitschaft zum Engagement seit der ersten Münchner Freiwilligenmesse 2006 entwickelt?
Die Lebensverhältnisse sind eher flexibler geworden, und auch die Freiwilligen wollen gerne flexibel bleiben. Sie wollen oder können sich nicht sofort für lange Zeit binden. Viele sind vielleicht nur vorübergehend für Arbeit oder Studium in München. Aber wahnsinnig verändert hat sich das Engagement dadurch nicht. Von Anfang an wollten die Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten, erst mal bei Projekten reinschnuppern, bevor sie sich langfristig festlegen. Was sich jedoch fließend wandelt, sind die Themenfelder, für die sich besonders viele interessieren – je nachdem, was die Stadtgesellschaft gerade bewegt und worüber in der Öffentlichkeit viel berichtet wird. Beispiel Flüchtlingshilfe: Als hier ganz viele Menschen ankamen, waren die Münchnerinnen und Münchner da. Derzeit suchen sie verstärkt Engagements, bei denen sie anderen begegnen können. Das kann alles sein, von kulturellen Begegnungsorten bis zu kleinen Umwelt-Initiativen.
In den vergangenen 20 Jahren sollen rund 110 000 Menschen die Messe besucht haben. Verfolgen Sie, wie viele nach der Messe tatsächlich mit einem Engagement anfangen?
Wir befragen anderthalb Monate später die Ausstellenden dazu, wie viele Gespräche sie am Messetag geführt haben und wie viele Freiwillige dazugekommen sind. Die Zahlen an sich sagen aber nicht unbedingt viel aus: Einzelne Organisationen haben vielleicht 100 Gespräche geführt und nur drei Menschen gewonnen, aber diese drei sind genau die Richtigen. Grundsätzlich melden die Organisationen uns zurück, dass die Messe ihnen neue Engagierte bringt – manchmal aber eben erst ein halbes Jahr später, weil jemand vielleicht einen Flyer wiederfindet oder in Rente geht und sich sagt: „Jetzt mach ich das mal.“ Außerdem kann man sich auf unserer Website ganzjährig informieren. Deswegen lässt sich schwer sagen, wie viele Menschen genau wegen der Messe ein Engagement anfangen.
Warum braucht es denn dann überhaupt eine Freiwilligenmesse? Was kann sie, was Online-Plattformen nicht können?
Auch da geht es um Begegnungen. Unsere Besucherinnen und Besucher kommen oft schon sehr informiert, aber auf der Messe haben sie die Chance, ihre persönlichen Fragen zu stellen. Wenn mir andere Engagierte an einem Stand erzählen, warum sie dabei sind, motiviert mich das vielleicht auch, direkt loszulegen. Diese Gespräche können wir online nicht bieten.
Wie finde ich unter all den Organisationen das richtige Ehrenamt für mich?
Man kann sich ein paar Dinge überlegen: Wie viel Zeit möchte ich schenken? Welche Kompetenzen habe ich, die ich weitergeben kann? Welche Interessen habe ich? Und was will ich vielleicht selbst lernen? Denn eine Motivation zum Engagement darf auch erst mal sein, wie es mich selbst weiterbringt. Einen ganz anderen Bereich kennenlernen, zu dem ich sonst keinen Bezug habe, neue Menschen treffen, mich fortbilden lassen, Anerkennung bekommen. Und wir sagen immer: Engagement bedeutet eine Kündigungszeit von einer Viertelstunde. Ich darf mich auch ausprobieren, ich darf auch einfach mal hingehen.
Die Münchner Freiwilligenmesse findet am Sonntag, 15. März, von 11 bis 17 Uhr im Neuen und Alten Rathaus am Marienplatz statt. Der Eintritt ist frei.

