Ihr Kinderlein kommet – zu Botticelli

Was macht das Wesentliche einer Weihnachtskrippe aus? Nun, der Jesuitenpater Philipp de Berlaymont beschrieb es im Jahr 1619 so: „Das Ganze ist so geschickt arrangiert, dass das Frömmigkeitsgefühl der Beschauer aufs Lebhafteste erregt wird. Sie glauben dem wunderbaren Ereignis selbst beizuwohnen, mit eigenen Ohren das Wimmern des Kindes und die himmlische Musik zu hören, mit eigenen Händen die Windeln zu betasten und ein heiliger Schauer erfasst sie.“
Solche Gedanken waren damals nicht neu. Tatsächlich gab es ähnliche Bestrebungen schon zuvor in der Kunst der Renaissance. Auch da ging es teilweise darum, die Betrachter emotional zu berühren, sie zu erschüttern und sie zum Glauben zu führen, wie aktuell die Ausstellung „Göttlich!“ im Diözesanmuseum in Freising zeigt.

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Insgesamt 65 Leihgaben aus 27 italienischen Museen und Sammlungen sind noch bis 11. Januar in Freising zu sehen, darunter Meisterwerke von Sandro Botticelli, Andrea Mantegna, Giovanni Bellini und Filippo Lippi. In Bildern wie Botticellis „Maria mit Kind“ oder Mantegnas „Der Erlöser“, die im 15. Jahrhundert entstanden, verschwimmen die Grenzen zwischen himmlisch und irdisch. Weil hier die biblischen Figuren nicht mehr wie übernatürliche Wesen, sondern wie Menschen aus Fleisch und Blut wirken, mit denen man mitfühlen kann. Gleichzeitig wird die Bedeutungsperspektive, bei der wichtige Personen größer dargestellt werden, durch die Zentralperspektive ersetzt, die auf einen realistischen, räumlichen Eindruck setzt.
Die Menschwerdung Christi, die bei den Weihnachtskrippen zentrales Thema ist, bekommt hier eine neue Bedeutung. Weil hier Christus nun auch in der künstlerischen Darstellung zum „echten“ Menschen wird, anstatt wie vorher zu einer weitgehend symbolischen Figur. So wirkt etwa Mantegnas „Erlöser“ ungemein körperhaft und präsent. Und der tote, von Engeln gestützte Christus auf Bellinis „Pietà“ erweckt sofort Mitgefühl. Oder gar einen heiligen Schauer? Bei der fast lebensgroßen, neuen Krippenlandschaft von Martina Mair und Thomas Huber im Erdgeschoss des Diözesanmuseums verspürt man diesen nicht. Diese macht einen sehr friedlichen Eindruck und wirkt in ihrer eher klassischen Darstellung recht vertraut.
Ansonsten erwecken die großen Aufsteller den Eindruck einer großen Buchillustration. Und kein Wunder. Die in München lebende Martina Mair ist Illustratorin, Thomas Huber ein vergleichsweise junger Krippenbauer aus Regensburg. Ihre gemeinsame Krippe gehört zu einer mit „Kleiner Krippenzauber im DIMU“ überschriebenen Aktion, die Kinder zum Mitmachen einladen will. Dazu gehören Schüler, die ihre persönlichen Krippenfiguren gestalten können. Es gibt Kostüme, mit denen sich Kinder als König, Hirte oder Engel verkleiden und fotografieren lassen können. Außerdem gibt es die Möglichkeit, eigene Weihnachtskarten zu gestalten und gleich zu verschicken. Und das alles noch bis zum 11. Januar.
Göttlich! – Meisterwerke der italienischen Renaissance / Kleiner Krippenzauber, bis 11. Jan., Diözesanmuseum Freising und München, www.dimu-freising.de
In der Bewegung eingefroren

Noch bis zum 6. Januar ist in München in der Kirche St. Theresia die Ausstellung „Kommt her zur Krippe“ der Münchner Krippenfreunde zu sehen. Dort wird nicht nur eine, sondern es werden 30 Weihnachtskrippen gezeigt. Die ältesten stammen aus dem 18. Jahrhundert, die neuesten aus der Gegenwart. Die in der Unterkirche stattfindende Reise führt durch verschiedene Szenen, Kunststile und Länder. Dazu gehören exotische wie die Philippinen und Peru, die aus dem Kloster St. Ottilien stammen. Aber auch klassische Krippenländer wie Deutschland, Südtirol und Italien, wo die Krippenkunst genauso wie die Renaissance ihren Ursprung hat.
Ein Beispiel ist eine neapolitanische Krippe aus dem 19. Jahrhundert. Mit der heiligen Familie in einer Nische, und Figuren, die im damaligen Stil gekleidet sind. Zu den weiteren Höhepunkten gehört eine „Flucht aus Ägypten“, die aus einer Alt-Münchner Krippe stammt, mit Elementen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zum ungewöhnlichen Personal gehören hier Affen mit Löwenmähnen und ein sogenanntes Succurath. Ein vierbeiniges weibliches Fabeltier mit mehreren Jungen auf seinem Rücken. Dieses tauchte, so erzählt es der 1. Vorstand der Krippenfreunde Jürgen Milla, im 16. Jahrhundert erstmals auf und war zeitweise sogar in „Brehms Tierleben“ zu finden.
Der Schnitzer schuf Hirten mit beweglichen Gliedern
Ebenfalls aus der Alt-Münchner Schule stammt eine Krippe im orientalischen Stil. Vom letzten noch lebenden Schnitzer, der diese traditionsreiche Kunst beherrscht. Was diese auszeichnet? Die Figuren sind aus Holz, ihre Glieder beweglich, erzählt Jürgen Milla. Somit lassen sich immer neue Szenen damit erstellen und die Figuren wirken wie in der Bewegung eingefroren. Die Augen sind in der Regel aus Glas. Die Kleidung ist aufwendig genäht und kann wie die Haltung verändert werden. Eine recht moderne, sehr ungewöhnliche Variante ist eine „Kreuzkrippe“ aus Vulkangestein. In kleinen Nischen sind da als goldene Figuren die heilige Familie, die Hirten, die drei Könige und ein Engel dargestellt. Es gibt aber auch eine Schlange, die vom Sündenfall erzählt.
Wer die Krippe geschaffen hat, kann Milla nicht sagen. Nur, dass ein Vereinsmitglied sie geschenkt bekommen hat. Der Verein freut sich übrigens immer über neue Mitglieder. Sowie über alle, die in den voraussichtlich im April wieder startenden Kursen lernen wollen, wie man Krippen baut. Damit die Tradition nicht ausstirbt. Und wo wir im nächsten Jahr sind: Vom 15. März bis zum 12. April werden die Krippenfreunde erstmals auch eine „Passionsausstellung“ mit Krippen in St. Theresia zeigen.
Kommt her zur Krippe, bis 6. Jan. (sonn- und feiertags, 11.45–15 Uhr), St. Theresia, Dom-Pedro-Straße 39, www.muenchner-krippenfreunde.de
Die himmlische Sammlung eines Bankiers

Wer noch mehr Krippen schauen will, kann das im Bayerischen Nationalmuseum tun. Dem Mekka für alle Krippenfreunden, mit der weltweit führenden Sammlung zur Krippenkunst in Süddeutschland, dem Alpenraum und Süditalien. Diese geht auf die Weihnachtskrippensammlung des Münchner Bankiers Max Schmederer zurück, der diese dem Museum vor mehr als 100 Jahren vermachte. Im Museum gibt es etwa neapolitanische Exemplare wie eine schöne „Palastkrippe“ und eine „Krippe als Straße“ aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu sehen. Oder eine Papierkrippe aus Mähren aus derselben Zeit.
Dass man auch auf Zeitgenössisches setzt, zeigt als Neuzugang eine Krippe von Angela Tripi (1941–2024), die als derzeit international bekannteste italienische Krippenkünstlerin gilt. Die aus Palermo stammende Tripi erlebte im Jahr 1991 ihren Durchbruch, als sie eine Krippe an Papst Johannes Paul II. übergab. Drei Jahre später fertigte sie eine 15 Meter lange Krippe für das Pariser Rathaus an. Die Krippe im Nationalmuseum zeigt prachtvoll ausgestattete Könige mit ihrem Gefolge. Und sie belegt, dass die klassische Krippentradition auch heute weiterlebt.
Krippensammlung im Bayerischen Nationalmuseum, bis Ende Februar, www.bayerisches-nationalmuseum.de

