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Gastronomie:Die schönsten Freischankflächen der Stadt

Mit Paletten, Blumen und Lampions verwandeln Lokale in diesem Sommer Parkplätze in Freischankflächen. Die Idee ist aus der Corona-Not geboren - doch viele hoffen, dass sie die Krise überdauert.

Von Laura Kaufmann und Franz Kotteder

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Freischankflächen:Eine Oase im Großstadt-Trubel

Parkplatzterrassen, Freischankflächen auf Parkplätzen

Quelle: Florian Peljak

Vom Ansatz her war das Ganze ja eine Aktion der Nothilfe für die darbende Gastronomie. Keine Einnahmen wegen der Zwangsschließung von Lokalen, Bars und Clubs und fehlende Umsätze, die auch nicht wieder aufgeholt werden können, weil niemand aus lauter Mitleid zwei Portionen isst - deshalb sollten die Gaststätten im Sommer wenigstens mehr Tische und Stühle auf die Gehsteige stellen dürfen als sonst. Und, die große Neuerung, auch in Parkbuchten, die sonst für Autos vorgesehen sind. Was für manche Münchner noch deutlich schlimmer ist als schmale Gehwege. Aber da müssen sie jetzt durch. Die formale Ausgestaltung der neuen Mini-Terrassen oder Schanigärten (nach Wiener Vorbild), Buchtenbars oder Terrazzini (ein Hauch von Gardasee) ist dabei höchst unterschiedlich. Von der einfachen Rohrmatte aus dem Baumarkt, an die Europalette als Grundgerüst genagelt, bis hin zum malerischen Lampion-Pavillon lässt sich vieles finden in der Stadt. Der Kreativität sind nur verwaltungsrechtliche und finanzielle Grenzen gesetzt, und die Ideen sind oftmals ausbaufähig. Viele finden jedenfalls Gefallen an dieser angenehmen Unterbrechung des "ruhenden Verkehrs", wie der Fachbegriff für parkende Blechkisten lautet. Und man kann sich gut vorstellen, dass sie auch nach Corona bleiben werden im sommerlichen Straßenbild: kleine Oasen im Trubel der Großstadt.

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Fortuna Bar:Sommer in Gelb

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Quelle: Catherina Hess

Die Fortuna Cafébar ist fest in der Gastroszene der Stadt verwurzelt; dieses Jahr feiert sie mit dem 18-jährigen Bestehen quasi Volljährigkeit. Angefangen habe man mit ein paar Panini und Croissants, erzählt Christiane Jenewein, und mit der Zeit sei ihre Cafébar das geworden, was sie heute ist: Ein beliebter Treff im Viertel, egal, ob zum Frühstück oder auf einen Aperitif. Während der Corona-Zeit musste Jenewein noch einmal zurück zu den Wurzeln: Da hat die Chefin das Lokal allein betrieben, nur ein paar Stunden am Tag, mit Kuchen, den sie selbst gebacken hatte, und Kaffee. Dafür sticht nun die besonders hübsche Parkplatzterrasse in leuchtendem Gelb fröhlich aus der Masse heraus; fröhlich, aber stilvoll, wie das Café auch innen gehalten ist.

Die Umrandung mit gelben Schnüren hat Jeneweins Sohn mit seiner Firma gestaltet, die normalerweise Bauten für Festivals entwirft und damit dieses Jahr auch auftragslos dasteht. Die bunten Möbel stammen teils aus dem eigenen Fundus, den Rest hat Jenewein sich gebraucht zusammengesucht. "Die Terrasse kommt richtig gut an, die Gäste wollen ohnehin momentan noch lieber draußen sitzen." Da ist es Gold wert, mehr Plätze bieten zu können. Das Fortuna hat übrigens, wie der Name prophezeit, Glück gehabt und hat eine alte Schank- und Speisenkonzession, weshalb Jenewein nicht wie ein paar andere Cafébetreiber warten musste, bis die Stadt die Sonderregelung auch auf Cafés ausweitete, sondern gleich loslegen konnte. Glück ist das auch für die Gäste, die dort nun abends ihren Aperitif genießen. (Fortuna Cafébar, Sedanstr 18, Mo bis Fr 8-22 Uhr, Sa 9-19 Uhr, So 10-18 Uhr)

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Il Padrino:Krise mit Stil

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Quelle: Robert Haas

Die Umwandlung der Kirchenstraße in eine Fahrradstraße war für das Il Padrino wie ein vorgezogenes Geschenk zum 30. Geburtstag, der Anfang nächsten Jahres ansteht. Dadurch fiel der Radweg weg, was Zahra und Luciano Marchesano ohnehin schon zu einer größeren Terrasse verhalf. Und ihnen jetzt die Möglichkeit einräumte, eine Parkplatzterrasse zu beantragen. "Wir sind so froh", sagt Luciano Marchesano, der das kleine Restaurant mit der authentisch italienischen Küche betreibt. Die Freude ist der Terrasse anzusehen: Wunderschön ist sie mit Blumen dekoriert, echte Holzmöbel stehen dort, wo sonst Autos parken. "Wenn schon Krise, dann mit Stil", sagt Zahra Marchesano. "Ich bin extra ganz früh aufgestanden, um meinen Mann zu überraschen, und ein Nachbar hat mir tragen geholfen."

Die Freude über die geschmückte Terrasse war entsprechend groß. Zahra Marchesano hat einen grünen Daumen und hat die Pflanzen wie den blühenden Oleander für die Il-Padrino-Terrasse größtenteils von der eigenen Terrasse zu Hause geliehen. Noch ein paar Zimmerpflanzen dazu gekauft, die später auch zuhause einziehen dürfen, fertig ist der idyllische Fleck. Sogar die ersten Geburtstagsgesellschaften haben die neue Terrasse mit weiß eingedecktem Tisch und Kerzen schon genossen. Fertig ist das Werk aber nicht: Die Marchesanos haben neue Möbel bestellt, die ein wenig witterungsresistenter, aber genauso hübsch sind wie die, die sie noch für Events im Keller hatten. "Ein Traum wäre natürlich, wenn wir die Terrasse behalten dürfen", sagt der Wirt. Aber es ist allein schon schön, nach der harten Zeit überhaupt träumend in die Zukunft zu sehen. (Il Padrino, Kirchenstraße 44, Mo bis So 11.30-14.30 und 17.30-23 Uhr)

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True Brew Brewing Co.:Industrie-Charme

Parkplatzterrassen, Freischankflächen auf Parkplätzen

Quelle: Florian Peljak

"Wir mögen diesen einfachen, industriellen Stil", sagt Andi Dünkel von der True Brew Brewing Co. in der Dreimühlenstraße. Er und seine beiden Mitstreiter Luis Seubert und Lucas Jochem haben die Erweiterung in den Parkbuchten vor ihrem Lokal mit einer rustikalen Holzverschalung versehen, deren Grundbestandteile sie von einer nahe gelegenen Lagerhalle bekommen haben. Die drei sind bekannt für ihr eigenes Craft Beer, gegründet haben sie die Brauerei im heimatlichen Mittelfranken, ausgeschenkt wird es hier in München. Früher war in den Räumen lange das Makassar, ein bekanntes Restaurant mit kreolischer Küche. Jetzt stehen dort Bierfässer und Tanks, auf der Karte steht Streetfood. Wie gesagt: Man liebt den industriellen Charme.

Draußen in der Parkbucht gibt es einen Stehbereich, man ist ja irgendwie auch eine Bierbar. "Für uns ist das eine schöne Erweiterung", sagt Dünkel. Und weil sie noch schöner werden soll, kommt am Wochenende ein befreundeter Künstler vorbei, der die Abtrennung zur Straße hin mit der Sprühdose verschönern wird: "Das werden allerdings keine klassischen Graffiti", sagt Dünkel. Er findet, die Biergärten in der Parkbucht sind eine hervorragende Idee. "Man hat da in der Innenstadt sofort ein entspannteres Gefühl, wenn man in den Straßen unterwegs ist. Deshalb kann er es sich gut vorstellen, dass es die kleinen Terrassen auf der Straße auch nach Corona noch geben wird: "Es macht die Stadt schöner." (True Brew Brewing Co., Dreimühlenstraße 25, draußen Di bis Do und So 17-23 Uhr, Fr / Sa 17-24 Uhr)

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Dallmayr:Champagnertauglich

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Quelle: Catherina Hess

In teuren Restaurants gibt es kleine Hockerchen, auf denen die Damen ihre Gucci-Taschen abstellen können, damit sie immer alles in Griffweite haben und sich nicht nach unten beugen müssen. Ganz so weit ist man bei der Freischankfläche von Dallmayr nicht gegangen, aber man muss sagen: Dem sonstigen Stil des Hauses angemessen hat man es hier mit einer edleren Version der Parkbuchtterrasse zu tun.

Stolze 28 Plätze kann man unter Einhaltung der Abstandsregeln nun auf der neu geschaffenen Fußgängerzone in der Dienerstraße anbieten, und man stellt fest: Das macht schon was her, sieht man mal davon ab, dass sich auf der anderen Seite der ehrwürdigen Feinschmeckerinstitution gerade wegen der zweiten Stammstrecke eine riesige Tunnelbaustelle befindet, verborgen hinter einer potemkinschen Fotowand, die den Marienhof zeigt. "Für uns ist das ein Riesengewinn", sagt Dallmayr-Sprecherin Sunny Randlkofer, "wir sind jetzt sichtbarer, und seit der Taxistand umgezogen ist, ist es vor dem Haus doch ein bisschen weiträumiger geworden." Das Angebot draußen entspricht dem in der Bar drinnen, Austern und ganze Fische sollten also kein Problem sein, und für Champagner in ausreichender Menge ist auch gesorgt, wie man auf dem Foto sehen kann. Demnächst wird es "Sommerspecials" geben, sagt Randlkofer: "Die Leute sollen bei uns schließlich Urlaubsfeeling haben." (Dallmayr Bar und Grill, Dienerstraße 14, täglich außer sonntags 11.30-22 Uhr).

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Wirtshaus Schwanthaler:Paletten mit Blumenschmuck

Parkplatzterrassen, Freischankflächen auf Parkplätzen

Quelle: Florian Peljak

Die Europalette ist ja der Baustoff der Stunde, was die Freischankfläche in Parkbuchten angeht, keine Frage. Die meisten Lokale arbeiten damit - entweder, indem sie die Dinger auf die Straße legen und dann Stühle und Tische daraufstellen. Oder, indem sie die Paletten hochkant als Abgrenzung zur Straße nutzen. Im besten Falle hat das eine leicht rustikale Anmutung oder verströmt den herben Charme einer Lagerhalle.

Das Schwanthaler Wirtshaus im Westend ist da einen etwas anderen Weg gegangen. Bei diesem großen Namen - Ludwig Schwanthaler schuf ja die Monumentalstatue der Bavaria oberhalb der Theresienwiese - hätte man sich auch eine Umzäunung aus massivem Bronzeguss vorstellen können, warum nicht? Mit ebensolchen Stühlen und bronzenen Sitzkissen, wie man sie oben im Kopf der Bavaria tatsächlich vorfindet. Ja, das wäre vorstellbar, aber für ein bayerisches Wirtshaus dann vielleicht doch ein bisschen kalt und ungemütlich. Und das wäre gar nicht im Sinne der Wirtin Katharina Janas.

Doch Europaletten also, aber ganz in Weiß gestrichen, mit bunten Blumen in integrierten Pflanzkästen hübsch verziert, und dazu eine Lichterkette. Sieht ein bisschen aus wie auf einem Balkon zu Hause, nur eben tiefergelegt und auf der Straße. "Ich habe mir gedacht, dadurch wird's ein bisschen gemütlicher", sagt Janas, "und außerdem sieht man uns dann besser." Und tatsächlich: Das funktioniert und man fühlt sich hier gleich wohl. (Schwanthaler Wirtshaus, Schwanthalerstraße 135, draußen täglich 17-23 Uhr, sonntags auch 12-14 Uhr) fjk

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Osteria Alpenhof:Unter der Discokugel

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Quelle: Catherina Hess

Als einer der ersten hatte Jörn Fröchling seine Parkplatzterrasse beantragt. "Bisher hat sich noch niemand beschwert", sagt er, und das ist für ihn keine Selbstverständlichkeit: Ein Teil des Alpenplatzes vor seiner Osteria war letzten Sommer in eine sogenannte Sommerstraße umgewandelt und für den Autoverkehr gesperrt worden, das hatte nicht allen Anwohnern gefallen. Seine Terrasse hingegen kommt bislang sehr gut an. Obwohl die goldene Discokugel, die über der neuen Freischankfläche baumelt, abends angeleuchtet wird und Lichtpunkte auf die Hauswand wirft, fühlt sich niemand gestört. "Eine Freundin, die Künstlerin ist, hatte die Idee mit der Kugel", sagt Fröchling.

Anstiften zu Partylaune soll sie aber nicht, mit den Lampions sorgt sie für eine romantische Stimmung in der Dämmerung. Aus Paletten hat das Team die nötige Absperrung gebaut und sie mit Efeu und Wein bepflanzt, Stühle aus dem Keller frisch lackiert, damit alles freundlich aussieht. 15 Plätze mehr kann Fröchling dank des Parkplatzes anbieten. Während der harten letzten Wochen hat sich der Alpenhof mit Liefer- und Abholgeschäft, Kurzarbeit und den staatlichen Hilfen über Wasser gehalten, "aber wir brauchen jetzt einen guten Sommer - ohne den Schanigarten hätten wir ein Problem", sagt Fröchling. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen. "Wenn es noch die Perspektive gäbe, das jeden Sommer für drei Monate zu machen, das wäre fantastisch." (Osteria Alpenhof, Alpenplatz 1, Mo bis Fr 11-23 Uhr, Sa/So ab 12 Uhr)

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Salon Irkutsk:Endlich Platz

Parkplatzterrassen, Freischankflächen auf Parkplätzen

Quelle: Florian Peljak

Daniel Richter hat einiges getan, um den Salon Irkutsk durch die Krise zu schiffen. Die Pelmeni, russische Teigtaschen gefüllt mit Fleisch oder Kartoffeln, Dill und Schmand, hat er im Straßenverkauf angeboten, einen Cocktail-Lieferservice eingerichtet und einen Interimsschnapsladen - "eine Zeit zum Ausprobieren war das", sagt er. Weil vor seiner kleinen Bar Schrägparkplätze sind, ist die Freischankfläche normalerweise winzig. Gerade einmal drei Tischchen haben Platz. Bei Schrägparkplätzen muss mehr Platz zum Gehweg freigelassen werden, weil die Schnauzen der Autos über den Bordstein ragen. 63 Zentimeter bleiben dem kleinen, russisch angehauchten Kultursalon normalerweise - zum Glück, denn unter 60 Zentimetern wäre die Fläche zu klein für eine Bestuhlung.

Jetzt aber kommen Richter die schrägen Parkplätze zugute. Durch sie ist sein Schanigarten breiter, sechs Tische bringt er unter. Die massive Umrandung besteht aus blauen Hochbeeten, bepflanzt mit Rosmarin, Thymian und Minze. In eine Granita-Maschine hat der Salon außerdem investiert, um draußen eiskalte und leichte Drinks anbieten zu können. "In der Krise hat uns die Nachbarschaft neu entdeckt", sagt Richter. "Viele sagen, sie hätten uns nur als Bar wahrgenommen. Jetzt essen die meisten Gäste auch." Mehr Gäste bedeuten mehr Lärmpotenzial. Um die Nachbarn nicht zu verärgern, hat die neue Außenfläche auch am Wochenende nur bis 23 Uhr geöffnet, obwohl Richter sie bis Mitternacht betreiben dürfte. (Salon Irkutsk, Isabellastr 4, So bis Fr 16-23 Uhr, Sa ab 12.30 Uhr)

© SZ vom 27.06./lfr

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