München:Freiraum für Stadtgestaltung

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Während der Automobilausstellung werden Projekte zur alternativen Nutzung öffentlicher Flächen präsentiert. Viele Veranstalter warten aber noch auf Genehmigung

Von Lea Hruschka

Aus einer Tiefgarage könnte ein Spa mit Sauna werden: Diesen Vorschlag macht das "Referat für Stadtverbesserung", ein Zusammenschluss von Architektur- und Urbanistik-Studierenden der TU München. "Damit", sagt Student Maximilian Steverding, kämen "die Leute, die früher bei der Parkplatzsuche ins Schwitzen kamen, jetzt auch auf ihren Genuss". Und man meint, ihn lächeln zu sehen. Die Szenarien, die bei digitalen Stadtführungen der Gruppe vorgeschlagen werden, sind mit einem Augenzwinkern zu verstehen; trotzdem soll gleichzeitig die Nutzung der Stadt kritisch hinterfragt werden. Dieses Konzept hinter der "Stadtverführung", bei der Teilnehmer eine Tour individuell per App starten können, hat als einer von zehn Entwürfen einen städtischen Wettbewerb gewonnen. Gesucht waren innovative und klimagerechte Konzeptideen für die Neugestaltung des öffentlichen Raums. Die Siegerentwürfe, die eine Jury bestehend aus Stadtratsmitgliedern ausgewählt hat, werden voraussichtlich beim städtischen Mobilitätskongresses umgesetzt. Dieser findet von 7. bis 12. September parallel zur Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) statt. Bei der Umsetzung werden die Projekte mit je maximal 25 000 Euro unterstützt. Ein Problem könnten nun jedoch die ausstehenden Genehmigungen werden.

"Wir warten wie auf heißen Kohlen auf die Genehmigung", sagt Markus Sowa von der Genossenschaft "Kooperative Großstadt". Passend zur IAA greift das Projekt der Kooperative das Thema Autoverkehr auf. Der Fokus von "OpenQ - Auto oder Du?" liegt auf dem St.-Quirin-Platz, der zwar als Grünfläche ausgewiesen ist, in der Realität aber als Parkplatz genutzt wird. Um die Aufenthaltsqualität zu verbessern, will die Genossenschaft mit einer innovativen Musterwohnung und einer Stadtterrasse auf dem Platz einen niederschwelligen Nachbarschaftstreff schaffen. Die Wohnung ist in Zusammenarbeit mit Florian Nagler vom "Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren" an der TU München entstanden. Der Innenraum dient als Bar, an die Außenwände sollen Filme projiziert werden. Nebenan wird es einen Fahrrad-Parcours für Kinder geben.

Bürgerprojekte

Probelauf: Im August 2020 wurde die "Stadtverführung" zum ersten Mal beim Aktionstag "100 Meter Zukunft" getestet - zur IAA folgt die große Umsetzung.

(Foto: Referat für Stadtverbesserung)

Auch das Projekt "Leih-Mobilität für alle" beschäftigt sich mit dem Münchner Verkehr. Besonders im Blick sind dabei Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung. Auch sie sollen von den Leihangeboten der MVG profitieren, weshalb das Pilotprojekt aus dem Tierpark Hellabrunn ausgeweitet wird: E-Mobile auf vier Rädern sollen dann auch vor dem städtischen Gebäude an der Burgstraße 4 nahe dem Marienplatz zum Ausleihen bereitstehen. Außerdem ist der Behindertenbeirat der Stadt München mit einem Stand auf der IAA vertreten, an dem über das Angebot an der Burgstraße sowie über die geplanten zehn E-Mobile für den Olympiapark informiert wird. "Damit alle davon wissen, die es brauchen", erklärt Georg Kronawitter, der das Projekt eingereicht hat.

Im Fokus der Initiative "Freiraum-Viertel" stehen dagegen die Landwehr-, Schiller- und Goethestraße. Dort in der Ludwigsvorstadt sollen Parkflächen zu Aktionsflächen für Musik und Theater umgestaltet oder als Orte genutzt werden, an denen Start-ups ihre Ideen zur Verkehrswende vorstellen können. "Bei dem Pilotprojekt wollen wir ausprobieren, was funktioniert", erklärt Michaela Wiese vom "Freiraum-Viertel". Später könne das Konzept auf andere Stadtteile ausgeweitet werden.

Bürgerprojekte

Spa statt Garage: Das Projekt "Stadtverführung" zeigt bei digitalen Touren amüsante Gegenvorschläge zur aktuellen Stadtnutzung.

(Foto: Referat für Stadtverbesserung)

Der gemeinnützige Verein "Kartoffelkombinat" hat die Jury mit der Idee überzeugt, Minibauerngärten auf Rasenflächen am Straßenrand anzulegen. Als Standort würde der Verein den Europaplatz favorisieren. Die Umsetzung hängt jedoch noch von Genehmigungen ab. Dem Bund Naturschutz haben diese bereits einen Strich durch die Rechnung gemacht: Eigentlich hatte er die Veranstaltungsreihe "Living City Lab Stachus" mit Info- und Mitmachcontainern geplant. Doch die Events am Stachus wurden nur für die Dauer von zwei Wochen und nicht, wie gewünscht, für zwei Monate genehmigt. Der Bund Naturschutz hat die Veranstaltungsreihe deshalb ganz abgesagt und sich enttäuscht gezeigt. Auch der ADFC wollte mehr, als am Ende möglich war. "Protected Bike Lanes" (PBL), also Fahrradwege, die mit baulichen Elementen von der Straße abgetrennt sind, sollten das Abbiegen für Fahrradfahrer sicherer machen. Die Jury stimmte aber nur einem Ergänzungsentwurf zu, dem niederländischen Kreuzungsdesign. Da baulich abgetrennte Fahrradwege ein wesentliches Element dieses Designs sind, könne man die Jury-Entscheidung nicht nachvollziehen, so Laura Ganswindt vom ADFC. "Wir sind enttäuscht."

Auch die Münchner Initiative Nachhaltigkeit befürchtet, dass ihre Idee, die Parkstraße zwischen Gollier- und Tulbeckstraße in einen verkehrsberuhigten Bereich zu verwandeln, an Genehmigungen scheitern könnte. Das geplante Experiment ist Teil des Projekts "Westend Kiez", bei dem das ganze Areal zu einem "Superblock" umgestaltet werden soll. So wird in Barcelona ein Stadtbereich bezeichnet, in dem Fußgänger und Fahrradfahrer Vorrang haben, das Tempolimit für Autos gesenkt wird und Seitenflächen begrünt werden. Das Konzept will die Initiative nun im Kleinen in München ausprobieren, doch zuvor müssen einige Hürden bewältigt werden. "Die Grundlagen muss die Politik schaffen. Das hat sie bisher nicht", kritisiert Sylvia Hladky. Sie ist frustriert, dass die Stadt zwar offensichtlich innovative Experimente in München möchte und diese fördert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die eine Umsetzung ermöglichen, jedoch fehlen.

Alle Projekte, die stattfinden, sowie die IAA selbst werden vom nicht-kommerziellen Bürgerradio "Radio Lora" begleitet. Die neue Sendereihe "Neue Mobilitätskonzepte braucht die Stadt" wird die Themen Mobilität und Umweltschutz umfassen.

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