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Kultur in der Krise:München bekommt ein Pop-up-Autokino

Autokino München-Aschheim, 2018

Hier kann man jetzt schon Filme sehen: Eines der wenigen Autokinos Bayerns findet sich in Aschheim bei München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf dem Großparkplatz der Zenith-Halle laufen ab dem 20. Mai die ersten Filme. Andere Veranstalter kämpfen noch mit den Behörden.

Wer momentan Kultur im großen Stil veranstalten will, muss fix sein. Denn groß geht momentan nur mit sehr viel Raum und Abstand, was bloß mit einer Art Autokinobühne möglich zu sein scheint - dafür braucht es nicht nur einen heißen Draht zu den Behörden, sondern auch eine Leinwand. "Wir hatten eine", sagt Veronika Faistbauer vom Film-Start-up Junique Productions, "jetzt wurde sie uns gerade weggeschnappt. Mobile Open-Air-Leinwände sind im Moment extrem gefragt, und die meisten sind abgewandert ins bayerische Ausland."

In sechs Bundesländern genehmigen die Obrigkeiten schon längst Auto-Events. Von dort kommen irritierende Bilder einer gewöhnungsbedürftigen Kapselkultur: wackelnde Wagen voller Disconebel (oder Zigarrettenrauch) bei Auto-Technopartys oder Brautpaare im Cabrio vor versammeltem Freundesfuhrpark ("Wer Einwände hat, möge jetzt hupen oder für immer schweigen ...").

Dagegen dachte Veronika Faistbauer von Anfang an eher an ein klassisches Autokino, wie beim guten alten Drive-in-Cinema in Aschheim, das seit vergangener Woche nach langem Ringen als einziges im Raum München wieder geöffnet hat. Nach der Virus-bedingten Schließung der Lichtspielhäuser Mitte März war das noch nicht abzusehen. Da schrieb Faistbauer ihrem Produktionspartner Simon Pirron eine SMS, dass man doch etwas tun müsse, um ihrer Branche zu helfen: Netflix schön und gut, aber Filme seien doch dafür da, groß gezeigt zu werden. Und mit möglichen Einnahmen könnte man in ihrer Existenz bedrohten kleinen Kinos helfen.

Ein "Pop-up-Autokino für München" lag also nahe, weil die Gäste darin "den sicheren Raum von zu Hause" würden mitnehmen können. Pirron antwortete: "Wenn wir's nicht machen, wer sonst?" Zeit hatten sie eh, alle ihre Jobs waren weggebrochen, die jungen Filmemacher standen vor dem Nichts. So wollten sich die beiden Absolventen der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) wenigstens nützlich machen und zapften ihr Netzwerk an. Rasch fanden sie ein geeignetes Gelände am Stadtrand für 230 Pkw: den Großparkplatz der Zenith-Halle, als Kulturort bewährt und sanitär erschlossen. Obwohl noch naiv im Umgang mit der städtischen Verwaltung gelangten sie schnell zu einer Sachbearbeiterin beim KVR, die ihnen überraschenderweise eine baldige Genehmigung in Aussicht stellte. "Wir haben unsere Dienstleister und Techniker an der Hand, wir könnten sofort aufbauen und loslegen", verkündete Faistbauer bereits Ende April, dann stand die Ampel lange auf Gelb. Fast täglich wurde telefoniert, am Donnerstag endlich erhielt das Pop-up-Autokino freie Fahrt bis Ende August.

Junique Productions haben vor vielen ähnlichen Projekten in München die Nase vorn, auch weil sie am schnellsten schalteten und für einen weniger komplizierten, weil privaten Standort planten. Auch bei der Messe München prüft man seit einer guten Weile die letzten Konzepte für Auto-Kultur, angeblich sind noch ein großer Konzertveranstalter und die kleinere Agentur Unterhaltungsreederei im Rennen, aber öffentlich äußerst sich die Messe nicht. Auch die Theresienwiese ist sehr begehrt.

Allerdings bekam der langjährige Macher des Kino-Open-Airs am Königsplatz vom zuständigen Bezirksausschuss eine Abfuhr für sein Autokulturkino, mit dem durchaus nachvollziehbaren Argument, man wolle nicht noch mehr Verkehr in die Innenstadt holen. Darauf verweisend wiegelt das verantwortliche Wirtschaftsreferat auch andere Bewerber für die Wiesn ab, etwa Reinhard Strasser vom "Kino am Olympiasee". Der wiederum findet, diese pauschale Absage "grenzt an Arbeitsverweigerung", habe der Beamte sein Konzept doch wohl gar nicht geprüft. Strasser habe gar kein Autokino im Sinn, sondern ein "Kreativzamm-Festival" mit Konzerten, Kabarett, Lesungen und - ja - auch Kino, solidarisch und ohne Profitabsicht gestemmt von vielen Mitgliedern des Verbands der Münchner Kulturveranstalter, wie er dem Referat erneut schrieb. Die - wie Strasser findet - "unverschämte" Antwort: Man befasse sich damit in der Sitzung "voraussichtlich im Juli". Zügig wäre das freilich nicht, und Strasser wäre wohl fix und fertig, hätte er nicht "noch vier weitere Standorte im Blick".

Junique Productions haben ihren Wunschort sicher, jetzt kann alles ganz schnell gehen, denn um gleich starten zu können, haben sie parallel zur Behördenarbeit aufgebaut und Filme von HFF-freundlichen Verleihern wie Constantin organisiert: Kein Geheimnis mehr ist, mit welchem Film das Pop-up-Kino am Mittwoch, 20. Mai, um 21 Uhr startet: der deutschen Komödie "Das perfekte Geheimnis". Es folgen München-Klassiker wie "Rossini" am Donnerstag und die ersten drei "Monaco Franze"-Folgen am Sonntag, der 21-Uhr-Film am Freitag ist noch nicht bestätigt, dafür das Programm der Wochenend-Mitternachtsfilme: "Hereditary" am Freitag, "Drive" am Samstag. Tickets (20 Euro pro Auto und Fahrer, 5 für jede weitere Person) können nur online gekauft werden (www.popup-autokino-muenchen.de). Eine Leinwand haben Faistbauer und Pirron nun auch: Sie haben, "sehr teuer", ein Tuch, 16 mal 8 Meter, gekauft, das sie über ein windsicheres Gerüst spannen.

© SZ vom 16.05.2020/huy
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