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München:Freiheit inklusive

In Fotos, Filmen und Soundcollagen aus der Region Kathmandu zeigt Johannes Maria Haslinger im Maximiliansforum, wie die Menschen dort mit Behinderungen umgehen

Was ist das nur für ein Satz? "We both are free. me and my disability". Das reimt sich wie ein hyperoptimistischer Popsong, hat einen schönen Rhythmus. Wir sind frei, ich und meine Behinderung. Im Deutschen klingt das weniger selbstverständlich, da drückt sofort eine sozialpädagogische Schwere rein, die gar nicht passt zum Kontext, in dem der Satz auftaucht. Der Ort ist das Maximiliansforum, diese auch als städtischer Kunstraum genutzte, im Gegensatz zur Bling-Bling-Oberwelt leicht verranzte Fußgängerpassage unter der Kreuzung Altstadtring/Maximilianstraße. Die wohl eigenwilligsten Rolltreppen Münchens gibt es hier und zwei große Schaufenster-Galerien, die nie Ladenschluss haben. Hinter einer der Glasscheiben lächelt einem die Projektion eines jungen Mannes zu. Er hat einen roten Punkt auf der Stirn - ein heiliges Zeichen. Und er trägt ein Gewand, das aussieht, als wäre es aus Luftpolsterfolie gewebt. Rechts über ihm schwebt der merkwürdige Satz.

Die Worte "free" und "disability" zu verheiraten, das ist Johannes Maria Haslinger eingefallen als Titel zu seinem Ausstellungsprojekt im Maximiliansforum, das auch ein Beitrag ist zum aktuellen Festival inklusiver Kunst "Behinderung ist Rebellion" im Köşk auf der Schwanthalerhöhe. Freiheit und Behinderung, sagt Haslinger, das seien Projektionsflächen, die meist als Gegensatz empfunden würden. "Wenn es um Behinderung geht, stellen wir uns automatisch einen Rollstuhlfahrer vor, aber es können ganz verschiedene Dinge sein, die uns behindern. Und was bedeutet Freiheit? Meine Frage war: Kann man sich frei fühlen mit seiner eigenen Behinderung oder mit dem, was einen einschränkt?"

In der Region Kathmandu hat er Menschen wie den jungen Schneider getroffen, die ihn beeindruckten.

(Foto: Claus Schunk)

Antworten hat der Fotograf und Musiker (seine Band: Die Zitronen Püppies) in Nepal gesucht, einem Land, mit dem seine Familie seit Langem eng verbunden ist. Ein sehr armes Land mit strengem Kastenwesen, in dem es laut Haslinger schon ausreicht, als Frau geboren zu werden, um Einschränkungen von Freiheit zu erfahren. Ein Land, in dem behinderte Kinder von ihren Familien versteckt werden, um nicht gesellschaftlich geächtet zu werden. Aber auch ein Land, in dem es da und dort auch so etwas wie Inklusion gibt. Was viel mit dem Talent der Nepalesen zur Improvisation zu tun hat und weniger mit der vor zehn Jahren in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention. Diese Orte, Schulen etwa, in denen behinderte Kinder einfach so mitlaufen, nennt Haslinger "kleine Oasen".

"Nepal ist ein Land, das mir wahnsinnig taugt", sagt Johannes Haslinger. Er hat es mehrmals bereist, sich den Menschen mit Respekt genähert, ihren Alltag kennengelernt, ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit. Aus der Region Kathmandu hat er Fotos, Filmclips und Soundspuren mitgebracht. Bild- und Tonmaterial, das er im heimischen Studio, unterstützt von den Musikern Markus Acher und Cico Beck, dann zu Collagen verarbeitet hat. Der nepalesischen Improvisationskunst fügte er so quasi seine eigene hinzu. Das Ergebnis ist erstaunlich in der Art, wie es als sinnliche Raumerfahrung im breiten, gedrungenen Maximiliansforum funktioniert. Freilich nicht ohne bei unbedarften Passanten eine gewisse Verstörung zu erzeugen, aber das geschieht dort unten ja in wunderbarer Regelmäßigkeit.

"Nepal ist ein Land, das mir wahnsinnig taugt", sagt Johannes Maria Haslinger.

(Foto: Claus Schunk)

Die Lautsprecher, die Haslinger an vier Stellen der Tunneldecke angebracht hat, sind wie Klangduschen, aus denen Töne rauschen, rinnen, tröpfeln, die sich aber zu einer großen Geräuschpartitur zusammenfügen: Da ist etwa die entfesselte Musik der Red Suits Wedding Band, der Haslinger bei seinen Streifzügen durch Kathmandu begegnet ist. Da sind hohe Frauenstimmen, deren Gesang wie durch einen Synthesizer gemangelt klingt, Kinder performen einen stampfenden Rap, Trommeln zerhacken die Luft, da ist der Krach einer Baustelle, Straßenlärm, Marktschreier, Vogelgezwitscher oder das Mantra von Gebeten. "Manchmal sagen Leute, das klingt total nepalesisch, dabei ist es bei uns im Studio entstanden - und umgekehrt", erzählt Haslinger.

Die unterschiedlichen Klangspuren, zehn sind es insgesamt, laufen in Dauerschleife asynchron zu den Videoclips und Foto-Slide-Shows im Schaufenster Nummer zwei. So kommt es zu immer neuen Ton-Bild-Kombinationen. Spannungsreich, erstaunlich, manchmal auch komisch ist es etwa, wenn Kinderlachen über den Bild eines blinden Trommlers liegt, wenn alte, heilige Männer ihre dürren Beinchen in einen Fluss ausstrecken und dabei vom schrägen Sound einer Hochzeitsband begleitet werden. Haslinger zeigt Menschen aus Randgruppen, Arme, Versehrte, schwer arbeitend, aber nicht ausschließlich. Nur Armut vorführen, das wollte er nicht. Und er hat jeden der Fotografierten um Erlaubnis gefragt.

Der Zufall wollte es, dass Johannes Haslinger Narayan Regmi kennenlernte, einen Nepalesen, der in München promoviert hat, zumal zum Thema Inklusion. Heute arbeitet Regmi für die Regierung in Kathmandu. Zur Ausstellungseröffnung war er nun noch einmal in München. "Hier in Deutschland", sagt Regmi, "sind die Menschen so abgesichert und frei, trotzdem haben sie permanent Angst." Da ist es wieder, das Wort von der Freiheit. Johannes Haslinger hat auf seinen Reisen durch Nepal etwas gelernt: "Man kann sich frei fühlen, das ist eine Kopfsache." Und Kultur könne dabei eine wichtige Rolle spielen, Barrieren zu überwinden.

Vielleicht irgendwann auch jene, die das Maximiliansforum zu einem unerreichbaren Ort für Menschen macht, die keine Treppen steigen können. Denn die Rolltreppen dort werden zwar dekorativ von Pflanzen bewohnt, stehen aber schon seit Langem still. Vielleicht, so Johannes Haslinger, finde sich in einer zuständigen Stelle des städtischen Verwaltungsapparats ja ein Mensch, der das mit der Behinderung und der Freiheit begriffen hat. Und eine Rampe oder gar einen Aufzug im Maximiliansforum einbauen lässt.

"We are both free. me and my disability, Teil 1", im Maximiliansforum, Unterführung Maximilanstraße/Altstadtring, 24 Stunden einsehbar, nicht barrierefrei, bis 29. September. Teil 2 im Köşk an der Schrenkstraße 8 vom 20. bis 29. September, barrierefrei. Dort gibt es am 20. September, 19 Uhr, auch den Release des Albums "Songs from the Kathmandu Valley".