Nachruf:Der Mann, der Licht, Ton und Geschichten machte

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Mürrisches Faktotum mit rauer Schale und zarter Kinderseele: Hans Arndt vom Fraunhofer-Theater ist überraschend mit 72 Jahren gestorben

Von Franz Kotteder

Wolfgang Nöth, der spätere Hallenkönig, hat ihn zum Fraunhofer-Theater gebracht, und zwar im Wortsinne. Nöth kümmerte sich damals noch um die Bühne, die sich im Hinterhof des berühmten Wirtshauses befindet. Und als dort ein Umbau anstand, fuhr Nöth zum Arbeitsamt an der Thalkirchner Straße und heuerte zwei Hilfskräfte von der Straße weg an.

Einer davon war Hans Arndt. Der andere ging wieder, als die Arbeit beendet war und er sein Geld bekommen hatte. "Der Hans aber ist geblieben", sagt Fraunhofer-Wirt Beppi Bachmaier. Arndt blieb alles in allem so um die 40 Jahre und war der Haustechniker der Kleinkunstbühne. Er blieb es bis zuletzt. Nun aber ist Arndt mit 72 Jahren plötzlich verstorben. Nachbarn stellten fest, dass in der Wohnung zwei Nächte lang das Licht brannte und riefen die Polizei. Die öffnete die Wohnung, Arndt war eines natürlichen Todes gestorben.

Sein Tod kam überraschend, noch vor einer Woche war er im Theater gewesen und hatte die Bühne abgebaut, denn das Theater wird jetzt im Lockdown gerade mal wieder etwas renoviert. Hans Arndt fühlte sich immer sehr verantwortlich für die Bühne und ein bisschen auch als Hausherr, was er den einen oder anderen, der diese Bühne betrat, gelegentlich schon auch deutlich spüren ließ. Man kann es auch so formulieren: Er raunzte jeden an und trotzdem mochte ihn fast jeder. Oder wie es die Musikerin Evi Keglmaier, früher bei Zwirbeldirn und jetzt solo und bei der Hochzeitskapelle tätig, treffend formuliert: "Er hatte eine sehr raue Schale um eine ganz zarte Kinderseele herum."

Was ihm so alles Schlimmes widerfahren sein muss, zwischen der Geburt im August 1948 im schwäbischen Wittislingen bei Dillingen und der Erweckung im Fraunhofer-Theater, weiß man nicht so genau. Arndt hat bis dahin eine zeitlang auf der Straße gelebt, die U-Bahn-Wache hat eines Tages mal seine Sachen gefunden und eine erstaunlich hohe Rechnung ins Fraunhofer geschickt. Der Wirt hat sie bezahlt und ihm eine Wohnung besorgt. Er wusste ja, was er an Hans hatte. Einen durchaus gewissenhaften Menschen, der sich verantwortlich fühlte.

Eine Eigenschaft, die auch der Filmregisseur Josef Rödl betont. Rödl arbeitete immer schon gerne mit Laien, und als er 1996 den Tatort "Schattenwelt" mit Bruno Ganz drehte, in dem es um die Münchner Obdachlosenszene ging, spielte Arndt einen der Berber aus der Gruppe um Bruno Ganz, der einen aus dem Tritt geratenen Anwalt darstellte, der auf der Straße gelandet war. Während der Dreharbeiten erhielt Ganz den berühmten Ifflandring, die Presse, Rundfunk und Fernsehen waren ganz aus dem Häuschen. Hans ließ später dann gelegentlich einfließen, dass er auch schon mal mit Bruno Ganz gedreht habe. "Der Hans war immer zuverlässig, im Gegensatz zu manch anderen", sagt Rödl, "er hat das alles mit einer viel größeren Ernsthaftigkeit getan, als man ihm zugetraut hätte. Und es war ihm immer sehr wichtig, dass die Details stimmten."

Nicht ganz so wichtig waren ihm Details, wenn es um die Geschichten ging, die er leidenschaftlich gerne von sich erzählte, den Künstlern im Fraunhofer und allen, die ihm gerne zuhörten. "Nach dem Baron von Münchhausen", schrieben Beppi Bachmaier und Martin Jonas, viele Jahre lang Programmchef für die Bühne, am Mittwoch auf der Fraunhofer-Homepage, "war Hans einer der besten Geschichten-Erzähler der Welt." Es bereitete ihm eine diebische Freude, andere staunen zu sehen, wenn er voller Überzeugung von seinen Kindern erzählte, die er nie hatte. Oder von seiner Zeit als Fallschirmspringer, die von vorn bis hinten erfunden war, und sie so glaubhaft und bunt ausmalte, dass sein Gegenüber, selbst geübte Fallschirmspringerin, die ganze Story glaubte.

Überhaupt sorgte er mit manchmal mehr, manchmal weniger mürrischer Perfektion für Licht und Ton im kleinen Fraunhofer-Theater. Eine legendäre Geschichte darüber erzählen die Autoren Friedrich Ani und Moses Wolff, die beide natürlich auch schon öfters im Fraunhofer aufgetreten sind. Sie handelt von einem gefragten und sehr eingebildeten Pantomimen, der Hans Arndt für seinen Auftritt im Fraunhofer eine CD und eine Liste mit allen Einspielern für seinen Auftritt vorlegte. "Hans verabscheute viele Verhaltensweisen, und Arroganz am allermeisten", erzählen die beiden, "daher war es nicht verwunderlich, dass während des gut besuchten Auftritts des Pantomimen einige Stücke gar nicht oder in falscher Reihenfolge ertönten, abrupt abbrachen oder auf wundersame Weise immer leiser wurden." Irgendwann sei dem Pantomimen der Kragen geplatzt, und er brüllte über die Köpfe hinweg: "Hans! Track Fünf!" Arndt rühmte sich fortan als "einziger Techniker der Welt, der Pantomimen zum Sprechen bringt".

Nun ist Hans Arndt also für immer gegangen, daran werden sich die Theaterbesucher der Hinterhofbühne erst gewöhnen müssen. Wolfgang Nöth, der den Hans ins Fraunhofer gebracht hat, ist gut drei Wochen vorher gestorben. "Für mich ist das ein bissl so", sagt Fraunhofer-Wirt Beppi Bachmaier, "als ob er nun den Hans wieder abgeholt hätte."

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