Bildband "Young, Wild & Locked up":"Die letzten zwei Jahre will ich nicht missen"

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Bildband "Young, Wild & Locked up": Beim Blättern durch das Buch von Chiara González begleitet man einen Freundeskreis, der sich gerade voll und ganz in das pralle Leben stürzen möchte - und der plötzlich damit zurechtkommen muss, sich selbst einzuschränken.

Beim Blättern durch das Buch von Chiara González begleitet man einen Freundeskreis, der sich gerade voll und ganz in das pralle Leben stürzen möchte - und der plötzlich damit zurechtkommen muss, sich selbst einzuschränken.

(Foto: Chiara González)

Die 19-jährige Chiara González dokumentiert in ihrem Fotoband die "Generation Corona" im Lockdown. In dieser schwierigen Zeit hat sie auch etwas Wichtiges zu schätzen gelernt.

Von Louis Seibert, München

Als die erste Welle der Corona-Pandemie Deutschland erreicht, besucht Chiara González, heute 19, noch die Berufsschule. "Meinen 18. Geburtstag habe ich damals dann nur mit meiner Mutter und meiner Oma gefeiert", sagt Chiara. Sie lacht. Chiara, zierliche Statur, weite Vintage-Klamotten, ein Piercing im rechten Nasenloch, die braunen Locken im Stil einer Piratin unter einem blauen Tuch zusammengeknotet, strahlt dabei Offenheit und Selbstbewusstsein aus. Als ob sie eigentlich ganz zufrieden mit dem Menschen ist, zu dem sie während der Pandemie geworden ist. Sie sagt selbst: "Die letzten zwei Jahre will ich auf jeden Fall nicht missen." Und: "Es war für uns alle definitiv eine spannende, eine lehrreiche Zeit."

Plötzlich zurückgeworfen auf die eigenen vier Wände, in einer Zeit, in der es immer seltener möglich wird, Freunde zu treffen, beginnt Chiara zu fotografieren. Es wird ein sehr persönliches Projekt. "Ich wollte das ursprünglich nur für mich festhalten", sagt sie, "um mich später erinnern zu können. Ich meine, wer kann schon von sich behaupten, seine Jugend während einer globalen Pandemie verbracht zu haben".

Bildband "Young, Wild & Locked up": "Ich kenne viele Leute aus meinem Freundeskreis, für die ist draußen der einzige Rückzugsort", sagt Chiara González.

"Ich kenne viele Leute aus meinem Freundeskreis, für die ist draußen der einzige Rückzugsort", sagt Chiara González.

(Foto: Chiara González)

In diesen Worten ist kaum Bitterkeit zu spüren, kaum Trauer über verpasste Möglichkeiten oder Wut über die Monate der Bevormundung. Und dennoch sagt Chiara ganz klar: "Wir haben monatelang Verständnis gezeigt und uns eingeschränkt. Für die Gesellschaft, und insbesondere die älteren Generationen. Jetzt erwarten wir aber auch Verständnis für unsere eigene Situation".

Chiara dokumentierte ihr Leben im Lockdown, die Herausforderungen dieses neuen Alltags mit ihrer analogen Kamera, in dem es ausnahmsweise darum ging, Regeln zu befolgen anstatt sie zu brechen. Monatelang nahm sie ihren Point-and-Shoot-Apparat mit an die Orte, die Chiaras Alltag in der Pandemie bestimmten. In das elterliche Kinderzimmer, zu Freunden, auf die Straße oder auf Demos.

Bildband "Young, Wild & Locked up": "Ich glaube, es wird einfach zu oft unterschätzt, wie schwer es viele Jugendliche zu Hause haben", sagt Chiara González.

"Ich glaube, es wird einfach zu oft unterschätzt, wie schwer es viele Jugendliche zu Hause haben", sagt Chiara González.

(Foto: Chiara González)

Herausgekommen ist der Bildband "Young, Wild & Locked Up". Gut 200 Seiten voll authentischer, ungestellter Fotografien, in denen Chiara die Verzwicktheit der eigenen Situation verarbeitet. Beim Blättern durch das Buch begleitet man einen Freundeskreis, der sich gerade voll und ganz in das pralle Leben stürzen möchte - und der plötzlich damit zurechtkommen muss, sich selbst einzuschränken. Der damit zurechtkommen muss, dass jetzt andere Dinge priorisiert werden als neue Erfahrungen und freie Selbstentfaltung. Und der doch immer wieder die Regeln dehnt, spannende oder einzigartige Erfahrungen macht, und schließlich den Wert von Freundschaft und Gemeinschaft wirklich zu schätzen lernt.

Eines wird deutlich: Die "Generation Corona" hat es nicht leicht. Gerade restriktive Regulierungen wie die nächtliche Sperrstunde hätten Jugendliche unnötig schwer belastet. Die gelte es ihrer Meinung nach in Zukunft zu vermeiden. "Ich glaube, es wird einfach zu oft unterschätzt, wie schwer es viele Jugendliche zu Hause haben", sagt Chiara, die selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist. "Ich kenne viele Leute aus meinem Freundeskreis, für die ist draußen der einzige Rückzugsort." Den könne man jungen Menschen nicht wegnehmen, sagt Chiara. Sie wünscht sich mehr Gehör für die Herausforderungen, die Jugendliche, gerade diejenigen aus schwierigeren Verhältnissen, in den letzten Monaten meistern mussten.

Bildband "Young, Wild & Locked up": Für mich war das vor allem eine wahnsinnig spannende Erfahrung, mein eigenes Leben auf diese Art und Weise zu begleiten", sagt Chiara González über ihr Fotoprojekt.

Für mich war das vor allem eine wahnsinnig spannende Erfahrung, mein eigenes Leben auf diese Art und Weise zu begleiten", sagt Chiara González über ihr Fotoprojekt.

(Foto: Chiara González)

Auch während des Lockdowns hat es viele von ihnen deshalb ins Freie gezogen. Jugendliche, die tagsüber Graffiti sprayen und nachts auf E-Scootern durch die Stadt fahren sind in Chiaras Bildband zu sehen - zu zweit, am Rande der Legalität. "Ich glaub, ich war noch nie in meinem Leben so viel spazieren wie in diesem Jahr", ist auf ein Bild von einem Mädchen an der Isar gekritzelt, das Rauch in die Luft bläst. Auch die Polizeieinsätze, die so manche Versammlung am Fluss nach sich zog, hat Chiara festgehalten. Ein Bußgeldbescheid aufgrund "Verlassen der eigenen Wohnung ohne Vorliegen eines triftigen Grundes" ist ebenfalls abgedruckt. Aber auch in Innenräumen wurden die Jugendlichen kreativ: beim Kochen, beim Musik machen, bei Gesellschaftsspielen.

Eben von diesen Herausforderungen und Kämpfen erzählt Chiaras Bildband auf eindrucksvolle Art und Weise. Schummriges Zimmerlicht dominiert. Selbst der kleine Blitz der Kamera kann die Tatsache nicht überdecken, dass sich ein Großteil des Lebens dieser jungen Menschen in dunklen, geschlossenen Räumen, in einer Art unfreiwilligen und manchmal auch gemeinsamen Isolation abgespielt hat. Immer wieder brechen die ehrlichen, weil improvisiert daherkommenden Fotografien mit diesem Bild und zeigen Momente der Freude und der Euphorie, die es in den Monaten des harten Lockdowns schließlich auch gab. "Für mich war das vor allem eine wahnsinnig spannende Erfahrung, mein eigenes Leben auf diese Art und Weise zu begleiten", sagt Chiara schließlich über das Buch. Es ist ihr erstes richtiges Fotoprojekt.

Bildband "Young, Wild & Locked up": Chiara González hat wie viele andere Jugendliche die Monate des Lockdowns zwischen Durchhaltewillen und Resignation verbracht. Jetzt will sie vielleicht Fotojournalistin werden.

Chiara González hat wie viele andere Jugendliche die Monate des Lockdowns zwischen Durchhaltewillen und Resignation verbracht. Jetzt will sie vielleicht Fotojournalistin werden.

(Foto: privat)

Es ist ein kraftvolles Ergebnis, voll persönlicher Lockdown-Geschichten, die einen anderen Blick auf junge Menschen und ihre Erfahrungen im Pandemie-Zeitalter werfen, als es der bisherige Diskurs in Politik und Stadtgesellschaft vermochte. Und das vor allem aus einem Grund: Chiara gibt jungen Menschen etwas, wovon sie bisher eher selten profitieren konnten - eine eigene Stimme. Chiara ist davon überzeugt, ohne die pandemiebedingten Einschränkungen niemals in der Lage gewesen zu sein, ein solches Projekt in der kurzen Zeit stemmen zu können. "Gerade im vergangenen Winter, wo man nichts unternehmen konnte, bin ich in einen richtigen Arbeitsfluss gekommen", sagt sie.

Das Fotobuch, das als Abschlussarbeit für die Designschule gestartet wurde, hat Chiara als Chance genutzt, sich über ihre eigenen Stärken und Wünsche bewusst zu werden. "Ich kann mir inzwischen sehr gut vorstellen, etwas in Richtung Fotojournalismus zu machen", sagt Chiara über ihre Zukunftspläne. "Oder vielleicht sogar ein eigenes Magazin gründen, wer weiß", fügt sie mit Augenzwinkern hinzu.

Die Pandemie habe ihr gezeigt, dass tatsächlich vieles umsetzbar sei, was man selbst davor nicht für möglich gehalten hätte. Im Positiven wie im Negativen. Davor aber will Chiara reisen, am liebsten nach Barcelona, "mal ein paar Tage ohne Anwesenheitspflicht verbringen", wie sie es nennt. Vielleicht schafft sie es dann auch, ein wenig von der Leichtigkeit nachzuholen. Eine Leichtigkeit, die viele junge Menschen während der Corona-Pandemie vermisst und gesucht haben. Eine Suche, von der die Bilder in ihrem Fotoband erzählen.

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