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Bildband:Lichtspielhäuser aus einer vergangenen Zeit

Das Kino Cine Payret

Margarete Freundenstadt fotografierte unter anderem das Kino Cine Payret.

(Foto: Margarete Freudenstadt, VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Kinos schließen landauf, landab. Die Münchner Fotografin Margarete Freudenstadt dokumentiert den Verfall einzigartiger Kulturstätten, von der ehemaligen DDR bis Kuba.

Margarete Freudenstadt hat eine ungewöhnliche Leidenschaft. Sie sammelt Kinos. Nicht die austauschbaren, gesichtslosen Multiplexe, auch nicht die funktionalen digitalen Abspielstätten, sondern die musealen Tempel aus einer vergangenen Zelluloidzeit. Die mit italienischem Marmor im Foyer, mit nachempfundener Kolonialarchitektur, Neo-Barock- und Art-déco-Elementen. Prächtige Bauten wie Opernhäuser sind das zuweilen, oder in die Jahre gekommene Häuser, die "Volkslichtspiele" heißen oder "Fortschritt-Lichtspiele", die mit "Kino macht einfach Spaß!" werben oder mit Eintrittspreisen von fünf DM.

Dafür schlägt das Herz der Münchner Fotografin. Darauf hat sie sich konzentriert in den vergangenen 30 Jahren: auf einen "Kosmos, der verloren geht", wie sie sagt. Befeuert von der Romantik des Sozialismus, hat Freudenstadt zur Wendezeit die ehemalige DDR bereist, ihre (analoge) Kamera immer griffbereit, und im Frühjahr 2019 dann Kuba (mit digitaler Vollformatkamera). "Bei uns gibt es auch schöne Kinos, alte Kinos, keine Frage. Aber bei den sozialistischen ist es museal", erklärt sie ihren Ansatz. Im April will sie nach Moskau fahren, in Bukarest war sie bereits. Ihre Mission ist klar umrissen. Kinos sterben überall, Margarete Freudenstadt will ihnen ein fotografisches Denkmal setzen. Sachlich und wehmutsvoll, mit dem richtigen Licht für die Lichtspielhäuser.

Bei ihren Werken geht dem Architektur- und Filmfreund das Herz auf. Zugleich sind sie Stiche in selbiges. Denn die konsequent in Farbe gesetzten Außen-, Innen- und Detailaufnahmen zeigen eine vergangene Pracht, die daran erinnern, wie wichtig und gemeinschaftsbildend Lichtspielhäuser einmal waren. Gleichzeitig dokumentieren sie den Schwund ihrer Anziehungskraft, sei es aus strukturellen, politischen oder technischen Gründen. Die meisten Kinos, die Freudenstadt in ihrem im Hirmer-Verlag erschienenen Bildband "Cinemas - From Babylon Berlin to La Rampa Havana" präsentiert, sind verfallen, inzwischen geschlossen oder umfunktioniert.

Kinos

"Ein Kosmos, der verloren geht"

Zum Beispiel das Cine Payret in Havanna, eines der größten und ältesten Kinos der Stadt. Bis vor ein paar Jahren war es noch in Betrieb. Von außen sieht das Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert noch immer elegant und würdevoll aus, im Saal herrscht ein Chaos aus geknickten Sitzen und zerrissenen Polsterbezügen. "Da muss eine Welle drübergelaufen sein", sagt Freudenstadt und glaubt an einen Tsunami. Als sie dort war, wusste die Münchnerin nicht, was geschehen war. "Man steht drin und fragt sich: warum?" Mehrere Tage lang lag sie auf der Lauer. "Da saß immer jemand davor. Die stehen hier unter strenger Beobachtung", erzählt sie. "Ich habe gesagt: Ich fahre nicht ab, wenn ich das nicht gesehen habe." Am vierten Tag habe sie eine Frau dann doch ins Innere gelassen. Das Bild war jede Mühe wert.

Das Vorgehen der Freiberuflerin, die in den Achtzigern als Assistentin der österreichischen Foto-Koryphäe Joseph Gallus Rittenberg nicht nur den richtigen Bildschnitt gelernt hat, sondern auch die Genauigkeit, ist stets dasselbe: "Ich gehe hin und darf gar nicht viel nachdenken. Man muss sofort die Bilder machen, aus dem Moment heraus. Das ist das beste." Viele ihrer Fotografien sind denn auch formvollendete Momentaufnahmen. Hier sieht man rennende Menschen vor dem verlassenen Kino, dort eine Frau auf dem Fahrrad, während im Hintergrund "Ein erotischer Kino-Besuch" lockt. Und immer wieder dieses Licht. Margarete Freudenstadt hat ein untrügliches Gespür für Helligkeit und Kontraste, Sonnenspiele und Schatten. Die Strahlen, die durch die Dachruine des Cine Verdun blitzen, kommen dem Betrachten geradezu magisch vor.

Beharrlichkeit und Timing waren früh ihre Stärken. Geboren wurde Freudenstadt in Leinstetten im Schwarzwald, nahe Freudenstadt (daher der Künstlername). Vier Kinos habe es in der kleinen Stadt gegeben. "Das hat mich sehr geprägt." Mit 19 ging sie nach München, wo sie ein Biologiestudium begann, bevor sie Rittenberg kennenlernte. Als freie Fotografin arbeitete sie unter anderem für die SZ, hatte Ausstellungen in Passau und München. Neben Kinos gilt ihre Leidenschaft der Theaterfotografie sowie Künstlerporträts.

In den Wendejahren war es der bekannte Feuilletonist Helmut Schödel, der die junge Fotografin animiert hat, DDR-Kinos abzulichten. "Da muss man hinfahren", habe er gesagt. Also fuhr sie hin, in der "Stunde null". "Ich musste nicht bitten, durfte überall rein. Im Unterschied zu Kuba waren sie im Osten froh, dass ich da war", erzählt sie und schwärmt. "Da gab es ein Marmor-Kino in Jena, das war das schönste Kino, das ich überhaupt gesehen habe - italienischer Marmor, ein fantastisches Kino!" Ihre Fotografien bekamen in den Neunzigern viel Aufmerksamkeit, ein paar davon wurden im Münchner Stadtmuseum präsentiert. Das Goethe-Institut verhalf ihrer Serie zu Ausstellungen in aller Welt.

Fast 30 Jahre liegen zwischen ihren großen Fotoreisen, dazwischen: eine Scheidung, Kinder, Geld verdienen. Das normale Leben hat sie von der Kunst abgelenkt. Seit 2004 betreibt Freudenstadt das Café-Restaurant "Tabula Rasa" in der Holzstraße. Irgendwann lernte sie Thomas Zuhr vom Hirmer-Verlag kennen. Er konnte sich ein gemeinsames Buch vorstellen und legte ihr Kuba ans Herz.

Freudenstadts Lieblingsthema ist brennend aktuell und global. Der Wandel in Kuba mag speziell sein. 137 Kinos habe es in Havanna 1955 gegeben, schreibt der Kulturwissenschaftler Michael M. Thoss in seinem Vorwort zum Bildband. Etwa 500 000 Tickets seien in den Vierzigern und Fünfzigern pro Woche verkauft worden. Nach der kubanischen Revolution ist das Filmangebot übersichtlich geworden, die Kinopaläste gehen zugrunde. Auch die Stunde null in der ehemaligen DDR ist unvergleichlich. Doch das sogenannte Kinosterben ist allgegenwärtig. In München, wo an diesem Dienstag die Filmwoche beginnt, bei der sich die Branche selbst und mit ihr die Zukunft des Kinos feiert, wurden allein 2019 zwei Traditionshäuser geschlossen: das Gabriel und die Kinos Münchner Freiheit. Weitere sind akut gefährdet. Auch davon wird am 5. März die Rede sein, wenn Margarete Freudenstadt ihren Bildband im Optimal im Glockenbachviertel vorstellt (20 Uhr). Als Gastredner hat sie Christian Pfeil, den Betreiber von Arena und Monopol, eingeladen.

© SZ vom 14.01.2020/mmo
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