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Belastung an FOS und BOS:Schüler streiken wegen zu vieler Prüfungen

"Niemand hat an uns gedacht", sagt Josephine Dippold, die im Juni an der Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule ihr Fachabitur schreibt.

(Foto: Claus Schunk)

An den Gymnasien gab es Erleichterungen für die Abiturienten, aber für Fach- und Berufsoberschüler? "Bei uns geht es weiter wie vor Corona", erzählen sie - und wollen den enormen Druck nicht länger hinnehmen.

Von Kathrin Aldenhoff

Josephine Dippold ist aufgebracht, verzweifelt. Wegen der Schule, wegen Corona, weil sie und ihre Mitschüler an der Fachoberschule (FOS) und den Berufsoberschulen (BOS) sich ungerecht behandelt fühlen. Die 18-jährige Schülerin hat einen Brief geschrieben, hat alles aufgeschrieben, was sie so stört, was sie so wütend macht, was sie so unfair findet. "Während an den Gymnasien die Zahl der Klausuren im zweiten Halbjahr deutlich reduziert wird, gibt es für uns an der FOSBOS keinerlei Erleichterungen. Niemand hat an uns gedacht. Wir fühlen uns vergessen. Ignoriert."

Gleichzeitig hat eine Gruppe von FOSBOS-Schülern mit Jugendlichen der Linksjugend Solid ein Organisationsteam gebildet, eine Stellungnahme und einen Forderungskatalog verfasst und einen Streik in dieser Woche beschlossen. Auch diese Gruppe kritisiert eine Chancenungleichheit zwischen Gymnasiasten und Fachoberschülern.

Das Kultusministerium will indes keine Benachteiligung der Schüler der FOSBOS erkennen, die Regelung für die Leistungsnachweise im zweiten Halbjahr sei annähernd identisch mit der Regelung am Gymnasium, heißt es in einer Stellungnahme. Schulleiter verschiedener Fach- und Berufsoberschulen sind unterschiedlicher Meinung, was die Prüfungslast ihrer Schüler angeht.

Josephine Dippold geht in die 12. Klasse der Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule in München, im Juni wird sie ihr Fachabitur schreiben. Wenn die Noten gut sind, will sie danach die 13. Klasse besuchen. Ihr Ziel: die allgemeine Hochschulreife, das Abitur. Daran kann sie im Moment aber noch nicht denken. Ihr Kopf ist voll mit anderen Dingen: Wechselunterricht, bei dem die Hälfte der Klasse zuhause dem Unterricht kaum folgen kann, weil Ton- und Videoqualität schlecht sind, wochenlanger Prüfungsdruck, und dann werden auch noch die Faschingsferien gestrichen.

Die Schüler stehen am Rande der Verzweiflung, schreibt Dippold

"Das ist so eine psychische Belastung, so ein Druck, der auf einen ausgeübt wird", sagt sie am Telefon. "Es ist immer die Rede von Chancengleichheit, aber die bekommen wir nicht", sagt sie. "Dabei machen wir doch den gleichen Abschluss wie die auf dem Gymnasium, unserer ist nicht schlechter." Sie erzählt, ihre beste Freundin gehe aufs Gymnasium. Die habe nicht glauben können, wie viele Prüfungen sie schreiben müsse. "Bei uns geht es weiter wie vor Corona", sagt Josephine Dippold.

In der Stellungnahme, die das Kultusministerium am Freitag verschickt, heißt es: "Es handelt sich bei FOSBOS und Gymnasium um gleichwertige jedoch nicht um gleichartige Bildungsgänge, weshalb ein direkter Vergleich nicht immer möglich ist. Die Prüfungen am Gymnasium beginnen am 12. Mai 2021, die Prüfungen an FOSBOS hingegen am 10. Juni 2021. Damit bleibt an FOSBOS deutlich mehr Zeit zur Prüfungsvorbereitung als am Gymnasium."

Am Gymnasium schreiben die Schüler der 12. Klassen im zweiten Halbjahr nur noch in den drei schriftlichen Abiturprüfungsfächern große Leistungsnachweise. Diese großen Leistungsnachweise entsprechen den Schulaufgaben an der FOSBOS. Die Abschlussschüler an der FOSBOS schreiben jeweils eine Schulaufgabe in ihren vier Prüfungsfächern, eine Schulaufgabe wurde gestrichen.

In ihrem Brief schreibt Josephine Dippold, die Schüler der FOSBOS stünden am Rande der Verzweiflung. Zum jetzigen Zeitpunkt stehe fest, dass die Schüler der FOSBOS alle Leistungsnachweise ablegen müssten, die wegen des Lockdowns noch nicht erhoben werden konnten. Auch ohne Lockdown wären das im Februar und März zwei bis drei Prüfungen pro Woche gewesen. Bisher sei an der FOSBOS nur eine Prüfung aus dem Profilfach gestrichen worden. "Es ist so unglaublich viel", sagt sie. "Wir wissen einfach nicht mehr weiter."

Sie wollen ihre Faschingsferien zurück und höchstens zwei Tests pro Woche

Von diesem Montag an bis mindestens Freitag will eine Gruppe Schüler der FOSBOS nun streiken. In der Woche also, in der Bayerns Schüler eigentlich Faschingsferien gehabt hätten, hätte das Kultusministerium diese nicht gestrichen. Konkret sieht der Streik so aus, dass die Schüler nicht in den Unterricht kommen - weder ins Schulgebäude noch in den Onlineunterricht. Sie streiken deshalb, weil sie sich dazu gezwungen sehen, wie sie in ihrem Forderungskatalog "Ein Abi für alle" schreiben.

Die Schüler wollen ihre Faschingsferien zurück und fordern, die Zahl der schriftlichen Leistungserhebungen auf höchstens zwei pro Woche zu reduzieren, "um den psychischen Druck der Schüler:innen zu verringern". Weiter heißt es in dem Schreiben: "Eine ständige Unsicherheit und ein fehlender Ausgleich zur Schule sorgen dafür, dass dieses Schuljahr keinesfalls als ein 'normales' betrachtet werden kann und darf. Warum sollten demnach die Leistungsnachweise wie in den Vor-Corona-Jahren erhoben werden?" Die dritte Forderung: Schulen sollten Räume zum Lernen zur Verfügung stellen, weil viele Lernorte im Moment geschlossen sind. Die vierte Forderung: Onlineunterricht für alle, statt Wechselunterricht.

Dagmar Schewe leitet die Städtische Fachoberschule für Sozialwesen und Gesundheit. Die Schüler hätten eine Schulaufgabe weniger als sonst, sagt sie. Weil das Abitur an FOSBOS verschoben wurde und nun erst nach Pfingsten geschrieben wird, müssten die Termine für Schulaufgaben und Kurzarbeiten machbar sein, meint sie.

Was fehlt ist die Zeit, um für den Abschluss zu lernen

Ihr Kollege Berthold Lacher leitet die Städtische Anita-Augspurg-Berufsoberschule. Er ist anderer Meinung: Die Klausurenlast sei im Kontext von Corona nur unwesentlich reduziert worden. Wegen der mehrwöchigen Schulschließung und der Quarantänemaßnahmen sei die Klausurendichte seit der Wiedereröffnung der Schule sehr hoch. "Die Anzahl der Klausuren ist dabei nicht das Problem, sondern die eher geringfügige Einschränkung des Prüfungsstoffes trotz Distanz- und Wechselunterricht." Dabei sei der Unterrichtsfortschritt unter diesen Umständen langsamer und die Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstdisziplin sei erheblich mehr gefordert. "Das macht gerade jungen Erwachsenen mit instabilen Lebensverhältnissen erheblich zu schaffen."

Josephine Dippold hat Angst, bis kurz vor dem Fachabitur noch Prüfungen schreiben zu müssen und so nicht genug Zeit zu haben, um für ihren Abschluss zu lernen. Die schriftlichen Prüfungen beginnen in diesem Jahr am 10. Juni. Viel Zeit wird jedenfalls nicht bleiben, das schätzen auch die Schulleiter so ein. Zwei Schulleiter sprechen von etwa vier Wochen prüfungsfrei, einer von zwei Wochen und drei Tagen.

© SZ vom 15.02.2021/infu, van
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